InterviewDürr-Chef Ralf Dieter Chinesen fordern Technologietransfer

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Konnten Sie die Aufregung um den Roboterhersteller aus Augsburg nachvollziehen?
Schauen Sie sich die Zahlen an: die Chinesen haben im ersten Halbjahr 37 deutsche Unternehmen gekauft. Die US-Amerikaner haben 64 Firmen gekauft – aber darüber redet niemand.
Die Chinesen kennen nicht nur einen Zwang zu Jointventures in einigen Branchen, sie fordern auch einen Technologietransfer.
Natürlich ist dies das Interesse der Chinesen. Wir kaufen ja auch Firmen wegen ihrer Technologie. Aber ist da schlecht? Wir bei Dürr fördern sogar aktiv den Technologietransfer, wir haben eigene Entwicklungsaktivitäten in China – in Shanghai sitzen über 3000 Dürr-Mitarbeiter, 1000 davon sind Ingenieure. Sie entwickeln unter anderem Maschinen für den chinesischen Markt. Ein Problem sehe ich da nicht. Im Gegenteil: marktnah entwickelte Produkte sind ein Vorteil.
Die Kuka-Übernahme wurde in China gefeiert. Hat es Sie überrascht, dass Roboter als deutsche Hightech hochgeschätzt werden?
Der Roboter allein ist nicht das Thema, entscheidend ist die Software dahinter. Und da hat Kuka einiges zu bieten. Wir übrigens auch: Unsere Lackierroboter sind weltweit führend.
Wie steht es mit Ihrer Software-Kompetenz, die für Industrie 4.0 entscheidend ist?
Deshalb haben wir das Software-Unternehmen Itac gekauft. Itac entwickelt Manufacturing Execution Software, die die Steuerungen aller Anlagenteile in einer Fabrik miteinander vernetzt. Das System ist quasi das Herzstück jeder Industrie 4.0-Anwendung. Damit können wir große Datenmengen sammeln – von der Tauchlackierung, über die Lackschichtdicke bis hin zum Gesundheitszustand einer Maschine. Diese Big-Data-Verfügbarkeit ist die Basis, um frühzeitig Optimierungen vorzunehmen und Wartungsbedarf zu erkennen. Eine ähnliche Software hatten wir schon vor dem Itac-Kauf. Die VW-Fabrik in Polen, wo der Crafter gefertigt wird, haben wir bereits ausgerüstet. Mit Itac haben wir jetzt das führende System.
Werden Sie Itac bei Dürr eingliedern?
Itac hat bisher vor allem Elektro- und Elektronikfabriken vernetzt, jetzt können sie in anderen Branchen wie dem Automobilsektor tätig werden. Itac kann richtig Gas geben. In der Vergangenheit spielten die geringe Größe und die Frage der langfristigen Existenz von Itac besonders bei großen Kunden eine entscheidende Rolle. Seit der Übernahme sind alle Fragen nach der finanziellen Solidität hinfällig. Die Kunden diskutieren darüber nicht mehr, weil Itac Dürr im Rücken hat. Und die 100 Mitarbeiter können sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren.
Was fehlt Ihnen dann noch für Industrie 4.0?
Wir brauchen noch mehr Spezialisten für das Thema Big Data und Algorithmen. Die stellen wir gerade ein.
Was Sie erzählen, dürfte Ihre Attraktivität für einen chinesischen Investor erhöhen. Haben schon potenzielle Käufer angeklopft?
Wenn ein Investor Interesse an Dürr hat, kann er ein Angebot abgeben. Das lässt sich ohnehin nicht verhindern. Dann müssen wir bewerten, ob das Angebot gut ist oder nicht. Als ich anfing, hatte die Familie Dürr über 50 Prozent der Anteile, jetzt sind es 29 Prozent. Aber dadurch hat sich für uns nichts Wesentliches verändert, zumal die Familie nach wie vor eine Sperrminorität hat. Das Thema treibt mich nicht um.
Größe und eine hohe Bewertung können vor einer Übernahme schützen. Wie sieht Ihre Strategie aus?
Unsere Wachstumsstrategie baut auf Zukäufen auf. In den Stammgeschäften mit der Autoindustrie haben wir bereits hohe Marktanteile, da wollen wir künftig ungefähr im Gleichschritt mit dem weltweiten Produktionswachstum unserer Kunden zulegen. Aber in anderen Bereichen beobachten wir den Markt für Zukäufe. Mittlerweile ist bekannt, dass wir Firmen kaufen wollen, wir bekommen Angebote.

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