E-Mail aus Brüssel Herausgebeamt aus der Brüsseler Blase

Hier tagt der EU-Rat – also der mit „t“, und nicht mit „d“. Foto: EPA
Hier tagt der EU-Rat – also der mit „t“, und nicht mit „d“. Foto: EPA

Manchmal sieht man bekanntlich vor lauter Bäumen den Wald nicht, beziehungsweise vor lauter EU das Leben nicht mehr. Eine Zwangspause kann bisweilen zu neuen Perspektiven verhelfen, stellt unser Korrespondent Christoher Ziedler fest.

Korrespondenten: Christopher Ziedler (zie)

Brüssel - Mit einem formidablen Gips über der gebrochenen Schulter und dem Bauch haben für mich in den vergangenen Wochen alle Konversationen gleich angefangen. „Wie ist das denn passiert?“ fragten die Gegenüber, und ich entgegnete stets routiniert: „Vom Rad gefallen.“ Bei einer Kollegin aber löste meine Antwort völliges Unverständnis aus. „Ich bin vom Rad gestürzt“, wiederholte ich, doch das Fragezeichen in ihrem Gesicht wurde nur noch größer. Plötzlich fiel bei ihr der Groschen. Sie hatte doch tatsächlich gedacht, mir sei beim letzten EU-Gipfel, also dem Europäischen Rat, etwas zugestoßen. Dieser Rat lag ihren Gedanken also näher als das Rad, mit dem man sich gelegentlich außerhalb der Arbeit fortbewegt.

Das schöne deutsche Wort dafür lautet betriebsblind, der nicht minder schöne französische Begriff „déformation professionelle“. Man sieht also vor lauter Bäumen den Wald nicht, beziehungsweise vor lauter EU das Leben nicht mehr. In einer verletzungsbedingten Zwangspause, in der man selber kurzzeitig aus dem „Raumschiff Brüssel“ ins offene All hinausgebeamt wird,erkennt man dann die Symptome plötzlich besonders gut.

Was erwidert man nur auf ein freundschaftliches „You“?

Mit etwas Abstand filtert das Gehirn plötzlich nicht mehr automatisch jene News mit EU-Bezug aus dem Nachrichtenfluss heraus. Sieh an, auch anderswo auf der Welt passieren Dinge und nicht nur im dauerbetriebshektischen Brüssel, der „Brussels bubble“, wie die Briten sagen!

Überhaupt die Briten. Die haben es gut in dieser speziellen Community von Politikern, Lobbyisten, Beamten und Journalisten. Sie haben nur das eine „You“, das immer passt, während die deutsche Sprache ein „Du“ und ein „Sie“ in petto hat, zwischen denen berufsethische Welten liegen. Was soll man mit dem deutschen Politiker machen, der einen gleich europäisch-englisch beseelt duzt? Gleich zurücksiezen? Man will ja einerseits Informationen, ihm andererseits auch nicht nach dem Mund schreiben. Da ist guter europäischer Rat teuer – also Rat im Sinne von Tipp und nicht von Ministerrat oder Fahrrad.

Jetzt gilt es erst einmal wieder einzutauschen in die Brüsseler Blase, den Informationsrückstand aufzuholen und sich wieder in die Details des EU-Betriebs zu verbeißen, ohne betriebsblind zu werden. Zum Glück naht die politische Sommerpause.




Unsere Empfehlung für Sie