E-Mail aus Johannesburg Verschwunden im Schlagloch

Von Johannes Dieterich 

Beim jämmerlichen Zustand der südafrikanischen Straßen hilft nur noch eins: Galgenhumor. Unser Korrespondent Johannes Dieterich kann skurrile Geschichten über Schlaglöcher erzählen.

Vorsicht, Schlagloch! Foto: dpa
Vorsicht, Schlagloch! Foto: dpa

Johannesburg - Urplötzlich war es da. Nicht wie man es aus dem Schulbuch kennt: dass sich aus einer kleinen Irritation im Asphalt über Wochen hinweg Risse, dann ein Hohlraum und schließlich ein stattliches Loch entwickeln. Nein, diese Grube war praktisch über Nacht entstanden. Und zwar ein Meter breit, 80 Zentimeter lang und 20 Zentimeter tief – als ob jemand nicht weit von unserem Haus entfernt mitten auf der Straße mit dem Goldbergbau begonnen hätte.

Stolz erzählte meine Frau, sie habe herausgefunden, dass man das Schlagloch zwischen die Autoräder nehmen könne. Man müsse also nicht einmal auf die andere Straßenseite ausweichen. Wenige Tage später kam sie allerdings mit einem zerfetzten Reifen nach Hause. Unsere Kinder hatten offenbar ihre Aufmerksamkeit kurz vor der fiesen Falle in Beschlag genommen. Ein neuer Reifen kostet 200 Euro – ein Klacks im Vergleich zu dem Schaden, den Schlaglöcher am Kap der Guten Hoffnung sonst so anrichten.

Auf Werbeplakaten gucken Giraffen aus Schlaglöchern hervor

Nach Schätzungen des hiesigen Automobilclubs kosten sie Südafrikas Fahrzeughalter jährlich drei Milliarden Euro. Außerdem könnten ohne die Löcher fünf Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle vermieden werden, heißt es. Das wären jedes Jahr 900 Menschen, die weiter leben, lenken und lachen könnten, hätte es die Schlaglöcher nicht gegeben. Ich schreibe „hätte“, denn nichts deutet darauf hin, dass die Zahl der Krater in dem einst viel gepriesenen südafrikanischen Straßennetz irgendwann verringert würde. Im Gegenteil. Nach Recherchen des Forschungsinstituts CSIR ist der Prozentsatz der asphaltierten Straßen mit Löchern in den vergangenen 15 Jahren von acht auf weit über zwanzig Prozent in die Höhe geschnellt.

In meiner Bäckerei in Johannesburg hängt ein Poster, auf dem ein aus einem Schlagloch lugender Giraffenkopf zu sehen ist. Dabei handelt es sich natürlich um eine Fotomontage, die allerdings von der Wirklichkeit noch übertrumpft wird: In einer Zeitung war jüngst das (echte) Foto eines in einem Straßentrichter versunkenen Fahrzeugs abgedruckt, von dem nur noch ein Stückchen Kofferraum zu sehen war. In Südafrika werden jährlich mehr als 3000 Personen als vermisst gemeldet. Wie viele davon in Schlaglöchern verschwunden sind, wissen wir nicht.

Von der klaffenden Krise alarmiert, hat schon vor geraumer Zeit ein Versicherungsunternehmen die Initiative ergriffen. Es erwarb ein Hi-Tech-Gerät namens„Jetpatcher“, das einen Krater innerhalb von sechs Minuten flickt, und ließ damit allein in Johannesburg 30 000 Löcher füllen. Doch den vorwitzigen Aktivisten wurde bald das Handwerk gelegt. Die Johannesburger Straßenbehörde sah offenbar ihre Oberhoheit über alles Geteerte bedroht. Nun klaffen die Löcher wieder. Immerhin ließ das Amt jedoch Warnschilder („Pot-holes!“) aufstellen, die jetzt einträchtig neben Tafeln mit der Aufschrift „Hijacking Hotspots“ stehen. Letztere sollen Autofahrer an Gangster erinnern, die an roten Ampeln jederzeit mit vorgehaltener Pistole aus den Sträuchern springen können. Zumindest kann keiner mehr sagen, man habe ihn nicht gewarnt.

Kampalas Zeitungen drucken das „Schlagloch des Tages“ ab

Übrigens hat sich Südafrika mit der Kraterflut nur seinen Nachbarn auf dem Kontinent angepasst. Wenn es um Potholes geht, ist Afrika Weltmeister, allen voran die ugandische Hauptstadt Kampala. Dort loben Zeitungen sogar das „Schlagloch des Tages“ (mit Foto!) aus, während die Bevölkerung die verhassten Löcher auf die Namen von regierenden Politikern tauft. Am „Nationalen Schlaglochtag“, dem 8. Juni, haben Aktivisten ein Spektakel veranstaltet, bei dem sie sich nach einem Regenguss mit Angeln an die fischteichgroßen Pfützen stellten. Es war sicher das erste Mal, dass die Straßenwannen die Ugander in gute Laune versetzt haben.

Dass das kein Einzelfall bleiben muss, macht derzeit der Londoner Künstler Steven Wheen deutlich. Mit Kompost und Setzlingen bewaffnet verwandelt der „Banksy des Guerilla-Gartenbaus“, wie ihn der „Guardian“ nennt, die Schlaglöcher der britischen Hauptstadt in Blumenbeete.Irgendwann wird man vielleicht auch in Südafrika erkennen, dass man mit Straßen Schöneres anstellen kann, als nur mit Autos über sie hinwegzubrettern.