Ehemalige Olympia-Teilnehmer von den Fildern Olympia-Abenteuer mit Geheimwaffe

Utz Aichinger vor 61 Jahren als frisch gebackener Nationalspieler. Foto: privat
Utz Aichinger vor 61 Jahren als frisch gebackener Nationalspieler. Foto: privat

Wie es der Hockeyspieler Utz Aichinger überraschend zu den Sommerspielen 1960 in Rom schaffte und was aus einem dann verschwundenen Schinken vom Buffet geworden ist.

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Filder - Wir schreiben das Jahr 1960. Utz Aichinger, der in der Hockey­abteilung des SV Stuttgarter Kickers groß geworden ist und mittlerweile für den Berliner HC aufläuft, hat seinen Traum von der Nationalmannschaft eigentlich schon aufgegeben – und den von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in diesem Jahr in Rom erst recht. „Die Berliner hatten damals schon einige Nationalspieler. Und ich dachte nicht, dass da noch ein weiterer berufen wird“, sagt der heute 82-Jährige, der seinerzeit wegen des Studiums in die spätere Bundeshauptstadt gezogen war.

Doch dann kommt der 29. Mai und Aichinger seinem Kindheitstraum plötzlich wieder näher. In Mülheim an der Ruhr stehen sich im Endspiel um die deutsche Meisterschaft der gastgebende HTC Uhlenhorst und die Berliner gegenüber. Unter den Zuschauern weilt der Bundestrainer. Und der sieht in Aichinger, der den Führungstreffer für seine Mannschaft erzielt, einen furchtlos agierenden Stürmer. Der Lohn: Aichinger wird für das letzte von vier Ausscheidungsspielen gegen die DDR nominiert. Diese sind nötig geworden, weil das Internationale Olympische Komitee nur eine deutsche Hockey-Mannschaft für Rom zulässt und sich die beiden nationalen Komitees aber nicht auf ein gemeinsames Team haben einigen können.

Entscheidung gegen die DDR

Auf einmal ist sie also da, Aichingers Chance. „Dass wir das Endspiel um die deutsche Meisterschaft in der Verlängerung mit 1:2 verloren haben, war da nur noch halb so schlimm“, sagt der gebürtige Stuttgarter. Nach einem Sieg, einer Niederlage und einem Remis gewinnt die Auswahl der BRD am 5. Juni in Jena schließlich das entscheidende Spiel gegen die Ost-Kollegen mit 3:0 und hat somit die Olympia-Fahrkarte in der Tasche. Gleiches gilt wenig später für Aichinger selbst, als er in Berlin gegen England sein erstes offizielles Länderspiel bestreitet und prompt trifft. Damit ist auch für den damals 22-Jährigen klar: es geht nach Rom. Die Freude ist riesengroß. „Das war für mich zunächst gar nicht zu begreifen“, sagt Aichinger im Rückblick.

Für seinen Vater Karl, damals Vorsitzender des HTC Stuttgarter Kickers und Vizepräsident des Deutschen Hockey-Bundes, sei es der sportliche schönste Tag im Leben gewesen. Und auch wenn der Filius in Rom keine einzige Minute spielen durfte, weil die erfahrenen Bronze-Jungs von Melbourne 1956 noch immer den Kern der Mannschaft bildeten und damals nicht so oft gewechselt werden konnte wie heute, spricht Aichinger auch noch sechs Jahrzehnte später von einer „tollen Sache“. „Es war alles unheimlich locker“, sagt Aichinger, der nach dem Turnier sein Studium in Darmstadt fortsetzte und deshalb fortan für den TSV 1857 Sachsenhausen auflief, ehe er später zu seinen sportlichen Wurzeln an die Hohe Eiche in den Stadtbezirk Degerloch zurückkehrte.

Lacher bei der Eröffnungsfeier

In Erinnerung geblieben ist Aichinger vor allem der Einmarsch ins Olympiastadion bei der Eröffnungsfeier am 25. August. Ein unglaublich ergreifender Moment sei das gewesen. Für den großen Lacher hat der Aufstieg der Tauben als Symbol des Friedens gesorgt. „Als es so weit war, hieß es nur: Hut auf“, sagt Aichinger. So landetet der Taubenkot zwar nicht auf seinen Haaren, wohl aber seinem hellen Anzug. Glück habe ihm das Malheur aber nicht gebracht – und auch nicht dem deutschen Team, das sich bei seiner Konkurrenz im Marmorstadion mit einem enttäuschenden siebten Platz zufrieden geben musste.

Apropos Anzug: von den Klamotten, die es bei der Einkleidung in Frankfurt gegeben hatte, hat Aichinger schon vor der Abreise viel aussortiert. „Weil wir, über alle Sportarten gesehen, ja eine gesamtdeutsche Mannschaft waren, haben wir Sachen aus dem Westen und Osten bekommen. Die aus dem Osten waren aber nicht ganz in unserem Sinne“, erinnert er sich und lacht. Was derweil den Hut betrifft, so hat jener den Hockeyspielern zur Bekanntschaft mit dem erfolgreichen Dressurreiter Josef Neckermann verholfen. Bei einem Busausflug flog eine der Kopfbedeckungen durchs Schiebedach. Neckermann, in Rom Dritter im Einzel, war in seinem 600er-Mercedes gerade zufällig auf derselben Strecke unterwegs, hielt an, nahm den Hut an sich und übergab ihn später am Ausflugsziel der Hockey-Jungs wieder seinem Besitzer.

Und dann war der Schinken weg

Unvergessen ist Aichinger auch die Einladung beim deutschen Botschafter. Der Riesenschinken auf dem Buffet sei plötzlich verschwunden gewesen und erst später bei einer Zimmerparty im Olympischen Dorf wieder aufgetaucht. Ob dort auch der Hibiskustee in Strömen floss, ist nicht überliefert. „Wir haben ihn ständig getrunken. Da sei alles drin, was ein Sportler an Mineralien braucht, hieß es. Er war quasi unsere Geheimwaffe“, sagt Aichinger.

In anderer Sache half der Teamkollege Alfred Lücker. Die stämmige Figur des Torwarts erwies sich nicht nur auf dem Spielfeld als Vorteil. Er sperrte den Weg frei. „Mit ihm sind wir in jedes Stadion gekommen“, sagt Aichinger. Vor allem Leichtathletik-Wettbewerbe schauten er und die Seinen sich an. So war Aichinger auch dabei, als Armin Hary über 100 Meter zu Gold lief und bei der Siegerehrung „Freude, schöner Götterfunken“ aus Beethovens Neunter erklang. Noch heute, sagt Aichinger, der 1969 seine Karriere beim HTC beendete, verbinde er diese Melodie einzig und allein mit den Olympischen Spielen in Rom, bei denen für ihn vor allem eines galt: „Dabei sein ist alles.“

Zur Person Utz Aichinger

Utz Aichinger wurde am 13. Juni 1938 als zweites von vier Kindern geboren. Er wuchs in Feuerbach auf, legte am Leibniz-Gymnasium sein Abitur ab und studierte hernach in Berlin und Darmstadt Wirtschaftsingenieurwesen. Mit seiner Frau Vera ist er seit 45 Jahren verheiratet. Das Paar lernte sich bei einem Hockeyturnier in der Schweiz kennen und lebt heute in Hoffeld. Der Sohn Heiko spielte beim HTC Stuttgarter Kickers in der Bundesliga, die Tochter Katrin wurde mit der deutschen ­U-21-Auswahl Europameisterin. Aichingers Schwester Bärbel war ebenfalls Nationalspielerin und war zudem 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles als Schiedsrichterin im Einsatz.

Als Siebenjähriger begann Utz Aichinger in der Hockeyabteilung des SV Stuttgarter Kickers, die 1957 in den damals neu gegründeten HTC Stuttgarter Kickers überging. Außer in Rom nahm er auch an den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-City teil, zwischenzeitlich vom Angreifer zum Verteidiger umgeschult. In dieser neuen Rolle war Aichinger Stammspieler und belegte mit der deutschen Auswahl den vierten Platz. Ein 0:1 nach Verlängerung gegen Pakistan kostete unglücklich den Finaleinzug. Auf nationaler Ebene wurde Aichinger mit dem HTC Stuttgarter Kickers und dem Berliner HC je einmal deutscher Vizemeister. (sd)

Rom 1960: Barfuß-Weltrekord und ein gewisser Cassius Clay

Endlich! Im sechsten Anlauf klappte es. Als die stolzen Römer den Zuschlag für die Spiele 1960 erhielten, hatten sie eine olympische Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie hinter sich. Vorausgegangen waren vier vergebliche Bewerbungen und ein naturhistorisches Debakel. 1908 hatte man die Ausrichtung kurzfristig abgeben müssen, weil es nach dem Ausbruch des Vesuv im Land plötzlich andere Sorgen gab. Aktuell nun nahmen 5352 Sportler aus 83 Nationen teil.

Zu den Stars avancierten zwei Leichtathleten: die US-Sprinterin Wilma Rudolph, die als „schwarze Gazelle“ Schlagzeilen machte, und Abebe Bikila. Der Angestellte der kaiserlichen Leibwache Äthiopiens rannte barfuß zum Marathonsieg. Im Schwergewichtsboxen gewann ein gewisser Cassius Clay. Was keiner ahnen konnte: Es war der Beginn einer der größten Karrieren der Sportgeschichte – jener von Muhammad Ali, wie sich Clay später nannte.BRD und DDR traten unter schwierigen politischen Umständen an. Sie stellten ein gesamtdeutsches Team. In jenem setzte Armin Hary das Glanzlicht. Mit Gold über 100 Meter schockte der Saarländer die erfolgsgewohnten Amerikaner. In der Heimat sah man nur wenig von alledem. Die Exklusiv-Fernsehrechte hatte der US-Sender CBS erworben. Die ARD übertrug als Zweitverwerter knapp vier Stunden – von den Spielen insgesamt. (frs)




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