Ehrenamtspreis Stuttgarter des Jahres Der Gänsebraten lässt die Augen leuchten

Marcus Klein charakterisiert sich selbst als Organisationstalent, und so lädt er mit Sponsoren regelmäßig zum „Heißen Kessel“ in die Marienkirche ein. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Marcus Klein charakterisiert sich selbst als Organisationstalent, und so lädt er mit Sponsoren regelmäßig zum „Heißen Kessel“ in die Marienkirche ein. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Marcus Klein lädt Bedürftige zum Festessen ein, im „Heißen Kessel“ gibt es Maultaschen, und außerdem finden die Besucher auch etwas zum Anziehen.

Lokales: Sybille Neth (sne)

Stuttgart - Ein gedeckter Tisch und ein Festessen: Gans mit Rotkohl und Knödel. „So wunderbar habe ich seit meiner Hochzeit nicht mehr gegessen“, schwärmt die alte Dame. Die Hochzeit ist schon lange her. Sie ist eine von mehreren Hundert Menschen, die zu dem großen Festschmaus für Bedürftige in Stuttgart gekommen sind. Marcus Klein hat ihn bisher zweimal organisiert. 200 Gänse vom Biohof wurden von der Speisemeisterei gebraten. Die Aktion „Gans viel Nächstenliebe“ sorgte bei denen, die sich sonst keinerlei Extras leisten können, für leuchtende Augen. Schon das Ambiente in der Alten Reithalle mit den gedeckten Tischen lässt viele nur noch staunen.

Ein Netzwerk von Helfern

Stadtbekannt ist Klein für seine andere, sehr viel bodenständigere Benefizaktion: den „Heißen Kessel“. In normalen Jahren wurde er drei- bis viermal im Jahr in der Marienkirche in der Tübinger Straße angeheizt. Maultaschen und Gulasch gibt es dort traditionell gratis zu essen. „Das sind halt Gerichte, die jeder gerne mag“, sagt Klein.

Dazu Getränke und jede Menge Kleidung, Schuhe und Heimtextilien wie Bettwäsche, Handtücher, Tischdecken, alles Spenden aus dem Netzwerk, das Klein in den vergangenen Jahren gesponnen hat: „Ich habe etwa 200 Ansprechpartner“, sagt er. Die helfen – je nach Zeitbudget – auch tatkräftig mit beim Gans-Essen oder beim „Heißen Kessel“. Hinzu kommen die Sponsoren, die der 44-Jährige an der Hand hat: von der Speisemeisterei, die für seine Benefiz-Events kocht, über den Getränkehändler, den Bäcker, den Honiglieferanten, ein Kaufhaus bis zu einer Schokoladenfabrik. Alles, was verteilt wird, ist gespendet. „Da sagt keiner: Was zahlst du?“, betont er.

Eifrige Sponsoren und Spender

Auch die Werbeflyer für die Veranstaltungen kommen von einem Sponsor. Sie liegen bei der Diakonie, der Caritas und der Bahnhofsmission aus. Dort gehen die Menschen aus und ein, denen Klein und seine Mitstreiter eine Freude machen wollen. „Wahrer Reichtum entsteht nur dadurch, dass man gibt“, mit seinem Leitspruch hat sie der wortgewandte Unternehmer Klein zum Mitmachen überzeugt. „Ich kenne viele Leute, und mich kennen viele – so funktioniert das gut.“

Lange war er als Finanzberater tätig; seit drei Jahren hat er seine eigene Firma in der Software-Branche. „Ich kann nicht programmieren“, sagt er. Das erledigen seine zehn Mitarbeiter. Sein Büro mit freiem Blick auf den Marienplatz ist der ­Ideenpool für immer neue Projekte.

Den „Heißen Kessel“ gab es mittlerweile 19-mal. Kommen kann jeder. Die Bedürftigkeit wird nicht geprüft, und Klein betont, dass viele Menschen, die sich hier auf eine warme Mahlzeit freuen und etwas zum Anziehen mitnehmen, zwar nicht bedürftig wirken, es aber durchaus sind. Beim Gans-Essen haben sich anfangs 60 Gäste angemeldet, beim letzten Mal, Anfang November 2018, waren es mehr als 500. „Vorwiegend alte Menschen kommen. Ich würde sagen, 95 Prozent Altersarmut haben wir unter den Gästen“, sagt Klein.

Gespräche sind wertvoll

Die ehrenamtlichen Helfer und die Besucher kommen ins Gespräch, und das ist neben dem Essen und der gespendeten Kleidung ein Effekt, der ihm als Veranstalter ebenfalls am Herzen liegt – Kommunikation zwischen sozialen Gruppen. So hat er selbst manches Schicksal kennengelernt, wie zum Beispiel eine Krankheit einen Strich nicht nur durch die Lebensplanung machen, sondern auch den sozialen Abstieg bedeuten kann.

Weshalb er das alles macht? „Ich will Stuttgart etwas geben, denn die Stadt war immer gut zu mir.“ Hinzu kommt, dass Klein sich selbst als Organisationstalent charakterisiert. „Mir fällt das leicht“, sagt er und: „Ich bin frei, denn ich bin familiär nicht gebunden. Mir bereitet das alles keinen Stress, obwohl es viel Arbeit ist.“ Und sowohl den Kessel als auch das Gänse-Essen will er gerne weiter organisieren. Deshalb hat ihn die Jury zum Stuttgarter des Jahres 2019 gekürt.




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