Eiermann-Areal in Stuttgart Der Anfang vom Ende des Dornröschenschlafs

Von Christoph Kutzer 

Das Ensemble in Stuttgart steht lange leer – und begeistert die Leute immer mehr! Bei einem Tag der offenen Tür durften jetzt die Bürger in die Baudenkmäler auf dem IBM-Campus.

Einblicke: Der Campus besticht durch seine strenge Formen und das Zusammenspiel von Holz, Glas und Beton Foto: Lichtgut/Verena Ecker 7 Bilder
Einblicke: Der Campus besticht durch seine strenge Formen und das Zusammenspiel von Holz, Glas und Beton Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - So viele Besucher fanden sich lange nicht in der Cafeteria der ehemaligen IBM-Hauptverwaltung an der Pascalstraße in Vaihingen: Rund 30 Neugierige passieren die verwaisten Essensausgaben. Eine Tafel kündet davon, dass hier vor einigen Jahren Wok-Gerichte, Pizza und Pasta gereicht wurden. Am Samstag ist der Speisesaal ein Zwischenstopp auf dem Rundgang über den Campus. Im Zuge eines Tages der offenen Tür wird das Gelände mit den von Egon Eiermann entworfenen, denkmalgeschützten Pavillons der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: ein erster Schritt zur Bürgerbeteiligung an der Neugestaltung des Areals.

Fabian Andree (25) ist begeistert: „Ich kann gar nicht sagen, was ich persönlich am liebsten an diesem Ort entstehen sehen würde“, überlegt der Student der Immobilientechnik und -wirtschaft. „Die vielen Eindrücke müssen sich erst einmal setzen.“ Er fände es jedenfalls fahrlässig, die einmalige Mischung aus Architektur und Natur, die sich direkt am Autobahndreieck Stuttgart findet, weiter sich selbst zu überlassen. Während Eiermanns Bauten durch strenge Formen und das Zusammenspiel von Holz, Glas und Beton geprägt sind, herrscht draußen beinahe Park-Atmosphäre. „Ich habe vor einiger Zeit sogar ein Reh gesehen“, bemerkt Markus Pärssinen, der die Gruppe durch die Baudenkmäler lotst. Wenn es nach ihm ginge, würde hier ein Viertel mit Wohnungen und der zugehörigen Infrastruktur entstehen. Der gebürtige Finne vom Büro Seyler und Pärssinen, das der Gerch-Group bei der Neugestaltung des 2009 geschlossenen IBM-Sitzes konzeptionell zur Seite steht, würde sich ein zukunftsweisendes Pilotprojekt wünschen: einen Ort mit eigenem Energie- und Verkehrskonzept.

Nachts ist das Gelände ein Anziehungspunkt für Vandalismus

Noch liegt der Campus zumindest für Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs an der Peripherie. Der Bus verkehrt samstags einmal die Stunde. Nachts ist das Gelände immer wieder Anziehungspunkt für Vandalismus. „Ich kann mich noch erinnern, dass man vor zwei, drei Jahren einfach durch das Haupttor fahren konnte“, erinnert sich Bernd Edel aus Filderstadt. Er fühlt sich von „Lost Places“, leerstehenden Gebäuden mit ungewisser Zukunft, angezogen. Das Eiermann-Areal fasziniert ihn schon länger. „Besonders lustig fand ich es, als ich feststellte, dass unter dem Parkdeck, rechts vom Eingang ein Hubschrauberlandeplatz ausgewiesen ist“, sagt der-50-Jährige amüsiert. Die Erklärung ist einfach: Die Helikopter-Anlaufstelle wurde im Nachhinein überbaut.

Edel kennt das Gelände. En passant weist er seine Begleiterin auf das Bruchstück aus der Berliner Mauer hin, das unweit des Eingangs zu einem Eiermann-Pavillon im Grünen steht. Trotzdem genießt er die Führung. Kein Wunder: Immer wieder streut Pärssinen fachkundige Kommentare ein. So erklärt er, dass die Regelung der Bürotemperatur ohne natürliche Lüftung funktionierte. Die Fenster sind nicht zu öffnen. Das Klima wurde technisch geregelt. „Man muss sehen, wie weit sich solche Faktoren ändern lassen“, merkt der Fachmann an. „Es ist noch nicht klar, ob die Fassade nur genauso aussehen soll, wie sie ursprünglich gedacht war, oder ob sie auch wirklich identisch sein muss.“

Eiermann baute zahlreiche Details ein

Dass die Eiermann-Architektur zu Recht unter Denkmalschutz steht, ist unter den Teilnehmern der Führung Konsens. „Das sieht schon toll aus“, würdigt eine Anwohnerin aus Vaihingen die Gestaltung der Sanitäranlagen. Die Türen mit hölzernen Lamellen sind nur eines von vielen Beispielen für die zahlreichen Details, die der Architekt eingebaut hat. Von den Aushängen für die IBM-Belegschaft zeugen nur noch Tesafilm-Spuren. Das Atrium in Pavillon 1, das einst als zentraler Treffpunkt fungierte, liegt verödet da. „Es wäre schön, wenn hier wieder Leben einkehren würde“, bemerkt ein Besucher und nimmt die Rote im Brötchen entgegen, die im Anschluss an den Rundgang feilgeboten wird.

Am Mittwoch, 4. Mai, folgt die erste von zwei geplanten sogenannten Informations- und Dialogveranstaltungen, für die sich Interessierte unter der Mailadresse anmeldungbb@sp-projektpartner.de anmelden müssen. Die Diskussionsrunden sollen nach Angaben der Gerchgroup jeweils von 18 bis 22 Uhr dauern, Ort und Tagesordnung erfahren die angemeldeten Teilnehmer dann per Mail.

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