Ein Jahr nach der Krawallnacht Stuttgarter Richter sind auch heute noch sprachlos

Die Krawallnacht von Stuttgart hallt bis heute nach. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Krawallnacht von Stuttgart hallt bis heute nach. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Fast ein Jahr ist es jetzt her. Dutzende junger Menschen ziehen randalierend durch Stuttgart, sie plündern und sie schlagen zu. Auch Dutzende Urteile haben die Amtsrichter keine Erklärung. Eine Protestforscherin hätte zumindest einen Vorschlag.

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Stuttgart - Auch fast genau ein Jahr nach der sogenannten Krawallnacht und nach Dutzenden Urteilen gegen Randalierer zeigen sich die Juristen im Stuttgarter Amtsgericht mehr oder weniger sprachlos. Sie hätten keine plausible Erklärung für den damaligen Gewaltausbruch, sagten die Verantwortlichen in der Justizbehörde, bei der die meisten Täter aus jener Sommernacht bislang auf der Anklagebank saßen. „Die Strafverhandlungen haben wenig zur Erhellung beigetragen“, sagte Gerichtspräsident Hans-Peter Rumler. „Das Überraschende war eigentlich, dass die Täter in ihrer überwiegenden Mehrheit und bis zu jener Nacht unauffällig gewesen sind.“

Am späten 20. Juni 2020 hatten Dutzende - vor allem Jugendliche und junge Männer - nach einer Drogenkontrolle in der Stuttgarter Innenstadt randaliert. Polizisten waren bedroht, beworfen, getreten und verletzt, Schaufenster zerstört und Geschäfte geplündert worden. Die Vorfälle waren weit über Stuttgart hinaus als „Krawallnacht“ bekannt geworden und hatten für hitzige Debatten gesorgt. Videoüberwachung, Alkohol- und Aufenthaltsbeschränkungen wurden diskutiert, erste Kameras an zentralen Plätzen geplant und aufgestellt.

Bis Ende Mai 64 Urteile gesprochen

Es habe keine Brüche in den Lebensläufen der Täter gegeben, kaum Vorstrafen, die meisten angeklagten Jugendlichen und Heranwachsenden seien in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden, viele hätten einen Ausbildungsplatz, sagte Amtsrichter Joachim Spieth. „Und man kann wirklich nicht sagen, dass sie alle auf der Schattenseite des Lebens standen.“ Sicherlich hätten Gruppendynamik und Alkohol eine Rolle gespielt. „Aber in den Verhandlungen konnten sich die meisten Angeklagten die Gewalt selbst nicht mehr erklären.“

Bis Ende Mai sind am Stuttgarter Amtsgericht 64 Urteile zur Krawallnacht gesprochen worden, die meisten vor dem Jugendschöffengericht, viele wegen schweren Landfriedensbruchs oder gefährlicher Körperverletzung. Nach Angaben des Innenministeriums sind bislang insgesamt 141 Tatverdächtige im Zusammenhang mit den Ausschreitungen ermittelt und 82 Haftbefehle erlassen worden. „Aktuell befinden sich noch fünf Tatverdächtige in Untersuchungshaft“, sagte ein Ministeriumssprecher.

Rumler und Spieth äußerten Zweifel, ob die Urteile potenzielle Nachahmer von ähnlichen Gewaltausbrüchen fernhalten könnten. „Man hätte meinen können, dass sich eine solche Vielzahl an Haftbefehlen rumspricht und abschreckt“, sagte Spieth. Es habe sich nichts Wesentliches verändert, wie jüngste Auseinandersetzungen junger Menschen in Stuttgart, Heidelberg, Tübingen und Freiburg gezeigt hätten. „Es bleiben Fragezeichen, und wer mit offenen Augen durch die Straßen zieht, der nimmt wahr, dass sich die Lage offensichtlich nicht entspannt hat.“ Man dürfe die Bedeutung des Bestrafens nicht überschätzen, sagte Rumler. „Auch wenn es wichtig ist, ein Zeichen zu setzen.“

Protestforscherin ist für den Dialog

Ein Zeichen nach den jüngsten Auseinandersetzungen könnte nach Ansicht einer Protestforscherin das Gespräch mit jüngeren Menschen sein. „Statt polizeilich aufzurüsten, sollte die Kommunikation an der Basis etwa mit Streetworkern verbessert werden“, sagte Julika Mücke, Doktorandin an der Universität Münster, der Deutschen Presse-Agentur. Politik und Polizei müssten genau untersuchen, welche Konflikte hinter den Auseinandersetzungen stünden.

Die Ereignisse in den vergangenen Wochen sollten zunächst als Ausdruck der Unzufriedenheit gesehen werden, auch wenn die jungen Menschen nicht die gängigen Wege wie Demonstrationen oder Petitionen nutzen, um sich Gehör zu verschaffen, sagte Mücke. In den Städten gehe es oft um die Frage, wer den öffentlichen Raum auf welche Weise nutzen dürfe. Dieses Thema sei mit den Corona-Einschränkungen noch brisanter geworden. Ziel müsse es sein, den Konflikten nicht ausschließlich ordnungspolitisch zu begegnen, sondern nach dem eigentlichen Problem zu suchen und den jungen Leuten Beteiligungsmöglichkeiten zu verschaffen.




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