Eindrücke vom Fachkongress FMX in Stuttgart Was digitale Bilder mit uns machen

Eine Mischung aus Schnabeltier und Honigdachs: Bei der FMX wurde erklärt, wie der Niffler und andere Geschöpfe aus „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ Foto: Verleih
Eine Mischung aus Schnabeltier und Honigdachs: Bei der FMX wurde erklärt, wie der Niffler und andere Geschöpfe aus „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ Foto: Verleih

Vier Tage lang hat das Haus der Wirtschaft gebrummt bei der Konferenz FMX, haben Illusions-Profis und junge Talente die digitalen Geschöpfe und Welten von morgen durchleuchtet. Es ist faszinierend, was die Technik kann – und manchmal auch gruslig.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Stuttgart - Das digitale Zeitalter mag die Möglichkeiten erweitert und die Werkzeuge verändert haben, die Sehnsucht nach künstlerischem Ausdruck aber ist geblieben. Jedenfalls bei vielen der jungen Menschen, die vier Tage lang den Fachkongress FMX im Stuttgarter Haus der Wirtschaft besucht haben. Wenn sie die Wahl hatten, entschieden sie sich immer für die Kunst. Vorträge über die Tricks in „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ oder das Design von „Star Wars“: rappelvoll; die Veranstaltungen zum erstmals platzierten, wirtschaftsnahen Thema „Automotive“: Luft nach oben.

Inhaltlich ist bei beiden einiges geboten, wobei die Künstler natürlich die Magie auf ihrer Seite haben. Mit hinreißendem englischem Humor präsentiert am Mittwoch Christian Manz vom Londoner Animationsstudio Framestore, wie die sauber animierten Wundertiere für Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Vorgeschichte entstanden – allen voran der kleine Lederkoffer des Zauberers Newt Scamander, indem dem dieser einen ganzen Zoo beherbergt. Manz zeigt an Entwürfen, wie um Gestalt und Funktion des Koffers gerungen wurde, wie schwierig es war, Geschöpfe viel größer als der Koffer selbst heraus- und wieder hineinzubekommen. Er zeigt die Stadien, die Scamanders geheime Welt durchlief, bis sie stand, und seine zauberhafte Menagerie, bis sie Gesichter hatte.

“Sie sollten fantastisch sein, aber nicht extravagant”, erklärt Manz. Er beschreibt, wie eine Mischung aus Schnabeltier und Honigdachs zum diebischen Niffler wurde, den er lächelnd als den „Star“ des Films tituliert, „einen nervigen Typen, der geschmeidig überall hinkommt“. 170 Versionen des Pflanzenmännchens Pickett habe es gegeben, bis er nachher zum feinen Zweigwesen wurde, sagt Manz, der schon bei „Harry Potter“ den Greif und den Hauself Dobby mit animiert hat. In Filmszenen von Harold Lloyd hätten sie das brummende New York des Jahres 1926 entdeckt, das der Film brauchte. Am Ende gibt Manz den vielen jungen Talenten im Publikum mit auf den Weg: „Beim Filmemachen geht es nicht um digitale Nachbearbeitung– sondern ums Geschichtenerzählen und um Charaktere.“

Es geht um die eigene Handschrift

Christian Alzmann, Concept Artist beim Trick-Pionier Industrial Light & Magic, hat als Illustrator den Look der Welt in „Star Wars 7“ und „Rogue One“ mitgeprägt. Er zeigt einige seiner fantastischen Vorentwürfe von Umgebungen, Raumschiffen, Explosionen, und welche Bilder er nach dem Drehen nachretuschiert hat. Er schwört auf einen eigenen Stil: „Entwickelt eure eigene Handschrift!“, ruft er den FMX-Besuchern zu.

Das Thema Automotive bekommt Würze durch eine Rivalität zweier sehr unterschiedlicher Konzepte, wie neue, noch gar nicht gebaute Autos in hyperrealistische Bewegtbilder gesetzt werden können. Die exzellente Selbstinszenierung die Erfinder des „BlackBird“ beginnt mit einem großen Kompliment: Die britischen Trickser von The Mill und die US-amerikanischen Spielplattform-Entwickler von Epic Games hätten vor einem Jahr auf der FMX zueinandergefunden, sagt Vince Baertsoen von The Mill. Nun existiert der „BlackBird“, ein Funk-Elektrofahrzeugs, an das Felgen aller Hersteller passen, und über das dann am Computer die jeweilige digitale Karosserie gezogen wird. Einen Clip mit einem wahnwitzigen Autorennen gibt es schon, und während er läuft, kann man am Konfigurator die Farbe und Ausstattung des Autos verändern – in Echtzeit. Sogar ein klassischer Chevrolet Camaro von 1970 lässt sich einwechseln.

Später präsentieren sich die Stuttgarter Spezialisten von Mackevision, die für Daimler, BMW und Ferrari arbeiten. Ihr Vortrag ist weniger schrill, das Ergebnis aber kein bisschen weniger überzeugend: Sie haben für Porsche einen 911er digital in einen 919er verwandelt, und der digitale Wagen in realer Umgebung wirkt absolut echt. Juri Stanossek hat als Spezialist für visuelle Effekte angefangen, er war in dem Team, das den Oscar für „Hugo Cabret“ gewann, und hat einen Emmy für „Game of Thrones“ bekommen. Mit dieser Erfahrung im Rücken inszeniert er nun bei Mackevision auch Autos. „Ich möchte Lichtreflexionen und Spiegelungen auf echtem Lack in der selben Farbe sehen“, sagt er nach dem Vortrag. „Ich möchte ein echtes Auto auf der Straße liegen sehen, kein E-Mobil, das Fahrverhalten ist ja ganz anders. Und ich will nicht immer ein Sonderfahrzeug zum Drehort verschiffen müssen, wenn ähnliche Fahrzeuge überall verfügbar sind.“

Einen Trickfilm zu machen, scheint ein Wahnsinn zu sein

Zweimal im Monat lehrt Stanossek am Ludwigsburger Animationsinstitut, und seine Schützlinge haben dieses Jahr den FMX-Trailer beigesteuert: Vier Tänzerinnen und Tänzer verkörpern da die vier Elemente Feuer, Erde, Luft, Wasser, in die sie sich bruchlos hin- und zurückverwandeln. „Die Studierenden machen das alles selbst, ich gebe ihnen nur Tipps und überprüfe regelmäßig die Machbarkeit“, sagt er. „Die Studierenden sollen Selbsteinschätzung lernen – bei mir werden alle rechtzeitig mit ihren Filmen fertig.“

Das ist alles andere als selbstverständlich, selbst die Profis ringen mit der Mühsal und dem Wahnsinn, den jede Trickfilmproduktion mit sich zu bringen scheint. „Regie führen und produzieren sind zwei völlig unterschiedliche Dinge“, sagt am Mittwoch beim „Directors‘ Panel“ in der König-Karl-Halle Peter Lord von Aardman, der Erfinder von „Wallace & Gromit“ und „Shaun das Schaf“. „Regie führen ist ein sehr intensiver, massiver Prozess, der Jahre dauert. Mir reicht es heute meistens, zu produzieren – es ist toll, mit all den kreativen Leuten zu arbeiten, von ihrer Energie zu trinken und an ihren Arbeiten mitzuverdienen.“ Wie er das sagt, ist klar, dass es sich um britische Ironie handelt.

Lords Landsmann Hugh Welchman sagt, nach seinem Oscar-prämierten Kurz-Trickfilm „Peter und der Wolf“ (2008) habe er nie wieder Stopptrick machen wollen, „das ist einfach zu langatmig“. Nun hat er „Loving Vincent“ inszeniert, einen Film über Vincent van Gogh in fließenden Ölgemälden, in denen der wirbelnde Stil und bekannte Motive des Künstlers auf wunderbare Weise zum Leben erwachen. „Das geht noch zehnmal langsamer, ich bin also wohl nicht lernfähig“, sagt Welchman. „Als meine Frau und ich nach fünf Jahren damit fertig waren, waren wir im normalen Leben zu nichts mehr zu gebrauchen.“ „Versuch mal, dreieinhalb Jahre in Schlumpfhausen zu verbringen“, erwidert Kelly Asbury, der schon für alle großen Trick-Studios an Filmen wie „Toy Story“, „Shrek“ und „Die Eiskönigin“ gearbeitet hat – und zuletzt am aktuellen Schlümpfe-Abenteuer „Das verlorene Dorf“. Der Schweizer Claude Barras („Mein Leben als Zucchini“) erzählt von einer wahrhaft unmöglichen Herausforderung, die er gerade anpackt: Er möchte „Ödipus“ zum Trickfilm machen - „für Kinder“.

Schüler glaubten, sie führen mit ihrem Bus über den Mars

Wo er den jungen Zuschauern einen alten Stoff nahezubringen sucht, ging es den Machern des „Field Trip to Mars“ („Schulausflug zum Mars“) darum, sie für technische Möglichkeiten zu begeistern. „Die heutigen Schüler sind die Generation, die als erste auf den Mars gelangen kann“, sagt Theo Jones von Framestore. Er hat daran mitgearbeitet, Schulkindern in Washington D.C. die Illusion zu vermitteln, sie führen mit ihrem Schulbus durch eine Marslandschaft. Die Scheiben wurden durch Spezialmonitore ersetzt, die sich transparent stellen lassen und auf Knopfdruck die vorüberziehende Oberfläche des Roten Planeten zeigen, Rover und Basistation inklusive. Eine eigens installierte Soundanlage übermittelte die Geräusche der Gerätschaften draußen und das Toben eines Sandsturms.

Framestore brauchte das hintere Viertel des Busses für die extrem komplexe Ortungs- und Übertragungstechnik sowie deren Bediener. Bezahlt hat das sicher nicht ganz billige Unterfangen der US-Rüstungs- und Raumfahrtkonzern Lockheed Martin, der an allen bisherigen Mars-Missionen der Nasa mitgewirkt hat. Der größte virtuelle Raum aller Zeiten ist also ein PR-Werkzeug – aber eines, das Unerhörtes bietet und die Technik stark vorangebracht hat.

Wie alle Technik hat auch die digitale Risiken und Nebenwirkungen. Besonders gut lässt sich das beim „Digital Humans Forum“ beobachten, einem festen Bestandteil der FMX. Am Donnerstag treffen sich im Stuttgarter Gloria-Kino Mike Seymour, Hao Li, Kiran Bhat und Luca Fascione, vier führende Forscher, was die Erschaffung digitaler Menschen angeht. Die gute Nachricht zuerst: Vollständig computergenerierte menschliche Filmfiguren werden vorerst die Ausnahme bleiben, weiterhin sollen ihnen Schauspieler Charakter verleihen, deren Mimik und Bewegungen digital erfasst und aufgezeichnet werden – so wie es Andy Serkis etabliert hat, der Typen wie Gollum und King Kong humane Züge gab.

Es droht eine neue, besonders gruslige Dimension von Fake News

Anderes lässt aufhorchen, etwa die Fortschritte, die die künstliche Intelligenz in wenigen Jahren gemacht hat. War Gesichtserkennung für Computer früher schwer, weil sie intuitiv erfolgt und mathematisch schwer zu fassen ist, hat das sogenannte „Deep Learning“ alles geändert. Vereinfacht könnte man sagen, dass die Rechner heute keine vordefinierten Kriterien mehr abhaken, sondern sich ein eigenes Verständnis erarbeiten anhand von Bilddatenbanken mit detaillierten Beschreibungen, was jeweils zu sehen ist. Wenn sie einmal wissen, was fotorealistisch ist und was nicht, können sie dazu beitragen, künstlichen Gesichtern das Künstliche zu nehmen.

Schon jetzt ist einiges möglich: Man kann Menschen aus einem Bild wegradieren und der Computer ergänzt die Umgebung derart perfekt, als wäre da nie jemand gewesen. Man kann Teile eines Gesichts ausradieren, und der Computer setzt einen anderen Mund, andere Augen, eine andere Frisur ein, ohne dass dies erkennbar wäre. In den falschen Händen könnte das zu einer neuen, besonders grusligen Dimension von Fake News führen. „Man kann natürlich alle Neuerungen missbrauchen“, sagt Seymour zum Schluss, ganz Naturwissenschaftler. „Wir wünschen uns das nicht, aber wir können es auch nicht verhindern.“ Da sind sie, Dürrenmatts „Physiker“, mitten in Stuttgart – es ist einer dieser Momente, die den Zukunftskongress FMX zu etwas ganz Besonderem machen.




Unsere Empfehlung für Sie