Eine junge Frau auf Identitätssuche Durch den Monsun

Von  

Vor 27 Jahren wurde sie von einem Marbacher Ehepaar adoptiert. Nun hat Sandra Sharda Kecker in Bangalore ihre Wurzeln gefunden. Ein deutsch-indisches Familiendrama.

Die Familienähnlichkeit ist nicht zu übersehen: Sandra Sharda Kecker mit ihrem zehn Jahre älteren Bruder Foto: privat
Die Familienähnlichkeit ist nicht zu übersehen: Sandra Sharda Kecker mit ihrem zehn Jahre älteren Bruder Foto: privat

Leinfelden/Bangalore – Am Tag, als Sharda im Slum von Bangalore zur Welt kommt, schaut niemand auf den Kalender. Nach der Entbindung muss sich ihre Mutter wieder um den Ehemann kümmern – seit er beide Beine verloren hat, trägt sie ihn durchs Leben. Mit zwei Jahren folgt Sharda den Bettlern ins Zentrum der südindischen Millionenstadt. Poomani, die Anführerin der Gruppe, ist eine kleine Frau mit einem großen Herzen. Sie sorgt dafür, dass Sharda nicht verhungert. Im Sommer, wenn der Monsun die Straßen überflutet, schlafen sie unter dem Vordach eines Ladens.

1984 sterben Shardas Eltern, der Vater an Polio, die Mutter an Malaria. Das Mädchen, kaum vier Jahre alt, besitzt keine Verwandtschaft mehr, die für es sorgen könnte. Kumar und Kanna, die älteren Brüder, leben selbst auf der Straße. Gowri, ihre große Schwester, hat Mühe, ihre eigenen beiden Töchter zu ernähren. Sharda wird ins Waisenhaus Shishu Mandir gebracht. Dort gibt man ihr täglich zu essen – Reis, Gemüse, etwas Fleisch. Nachts teilt sie sich mit zwei anderen Kindern einen Laufstall.

„Wäre ich damals nicht ins Shishu Mandir gekommen, würde ich mit Sicherheit nicht mehr leben“, sagt Sandra Sharda Kecker. Die 32-Jährige sitzt an ihrem Esstisch in Leinfelden, ihr silberner Schmuck und ihre weißen Zähne funkeln um die Wette. Sandra Sharda Kecker schwätzt astreines Schwäbisch, was in Kombination mit ihrer dunklen Haut verblüfft. Vor ihr stapeln sich amtliche Dokumente aus Indien und Deutschland sowie ein Tagebuch, Reisenotizen und Fotos. Die Lebensgeschichte, die Sandra Sharda Kecker erzählt, wirkt wie aus einem Bollywoodfilm. Große Gefühle, tragische Todesfälle, überraschende Wendungen. Kann das alles wahr sein? Es kann.

Ein Polaroid von dem neuen Zuhause

Im Frühjahr 1985 bekommt Sharda von der Heimleiterin ein Polaroid überreicht: „Das ist bald dein Zimmer.“ Sharda erkennt saubere Bettwäsche und frisch gestrichene Wände. Einige Wochen später erhält sie einen zweiten Vornamen (Sandra), ein offizielles Geburtsdatum (15. März 1980) und neue Eltern. Lore und Siegfried Roth kennen Sharda nur von einem Foto, das sie mit kurz geschorenen Haaren und scheuem Blick zeigt. Genealogisch betrachtet, gibt es keinerlei Verbindung zwischen dem schwäbischen Ehepaar und dem südindischen Kleinkind. Dennoch spüren die drei bei ihrer ersten Begegnung am Bangalore International Airport eine tiefe Verbundenheit, so als wären sie schon immer eine Familie gewesen. All die Mühen, die Lore und Siegfried Roth in den vergangenen zwei Jahren auf sich nahmen, all die bürokratischen Hürden, die sie überwinden mussten, sind augenblicklich vergessen.

Prominente wie Madonna, Angelina Jolie und Brad Pitt haben dafür gesorgt, dass Auslandsadoptionen zu einem Lieblingsthema der Regenbogenpresse geworden sind. Kinderschutzorganisationen warnen jedoch vor den Risiken. Niemand wisse, welche seelischen Erschütterungen ein Kind aus einem Entwicklungsland erfahren habe, es bringe eine weitgehend unbekannte Vergangenheit mit. Oft kommen die Kinder mit den ungewohnten Umweltbedingungen nicht zurecht, und spätestens in der Pubertät fragen sie sich, wo sie eigentlich hingehören. Sobald ernste Probleme auftauchen, greifen manche Adoptiveltern auf ein archaisches ­Erklärungsmuster zurück: Das Kind sei eben nicht ihr eigen Fleisch und Blut. Im Internet finden sich Berichte über traumatisierte Zöglinge aus Afrika, Asien oder Südamerika, die zu einer schweren Belastung für die Pflegefamilie, die Schule und die Nachbarschaft wurden.

Sharda ist der Beweis, dass es anders laufen kann. Nach sechs Wochen in Marbach am Neckar spricht sie die ersten Wörter Schwäbisch. Mit sieben wird sie eingeschult, mit elf wechselt sie aufs Gymnasium. Sharda, die Tochter des Feuer­-wehrkommandanten Siegfried Roth, ist ein fröhliches, anpassungsfähiges Kind. Sie spielt Gitarre und Handball, engagiert sich in der evangelischen Kirchengemeinde und singt bei Weihnachtskonzerten. Als ein Mitschüler Sharda „Bambusnegerlein“ nennt, steht Lore Roth noch am selben Tag bei dessen Eltern vor der Haustüre und macht ihnen klar, dass so etwas nie wieder vorkommen dürfe. Sharda ist glücklich in ihrem heimeligen Nest, die Adoption empfindet sie als unermessliches Geschenk. Die Frage nach ihrer Herkunft stellt sie sich erst, als sie flügge wird.




Unsere Empfehlung für Sie