Eine Murrhardter SPD-Familie Die Grubers und der gemeine Genosse Trend

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Die Murrhardter Familie Gruber hat keine große Freude mehr mit ihrer Partei – und kämpft einen schweren Kampf. Der SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber bringt eine Doppelspitze mit Katarina Barley und Lars Klingbeil ins Spiel.

Gernot Gruber und  seine Mutter Gudrun mit einem Plakat von 1972 Foto: Gottfried Stoppel
Gernot Gruber und seine Mutter Gudrun mit einem Plakat von 1972 Foto: Gottfried Stoppel

Murrhardt - Sein Vater Giselher Gruber hat einst mit sagenhaften 38,8 Prozent im Wahlkreis Backnang, einem tiefschwarzen Landstrich, einen Sitz im Landtag gewonnen. Lange her. Anno 1972 hatten die Sozialdemokraten halt einen Lauf. Willy Brandt war Bundeskanzler. Gernot Gruber, der älteste Sohn von Giselher und Gudrun Gruber war damals Schüler in Murrhardt. Er hat hautnah miterlebt, wie der Vater Politik gemacht und die Menschen überzeugt hat. Seine Mutter saß 25 Jahre lang für die SPD im Murrhardter Gemeinderat. Gernot Gruber war früher Juso-Vorsitzender in Murrhardt, seit 2011 ist er Landtagsabgeordneter – Familie verpflichtet.

Ein Vormittag im Hause Gruber in Murrhardt. Gernot Gruber ist auf Stippvisite bei den Eltern. Sein Vater ist kürzlich 80 Jahre alt geworden und schwer krank, er hat seit Jahrzehnten MS. Der Hausherr ist versorgt. Mutter und Sohn sitzen am Esstisch. Wer ergründen will, was womöglich helfen könnte, den gemeinen Genossen Trend wieder gütiger zu stimmen, wer herausfinden möchte, wie die Sozialdemokraten ticken, der bekommt bei den Grubers einiges zu hören.

Gernots Mutter erzählt gerne und mit einem Grinsen im Gesicht die Familiengeschichte vom Tag der Taufe von Gernots kleinem Brüderchen Gunter im Jahr 1968. Die Zeremonie war im Gange, der Pfarrer forderte die Gemeinde auf, ein Kirchenlied zu singen. Und was tat der vierjährige Sohn, als er das Wort singen hörte? Gernot stimmte „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ an – ein Lied der Arbeiterbewegung.

Lafontaine habe 1990 viele Menschen im Osten verprellt

Der Abgeordnete Gernot Gruber hat ein altes Plakat von 1972 ausgepackt, es zeigt seinen Vater. Seine erste Rede im Landtag widmete der Pädagoge damals der Lokalpolitik. Er kritisierte die von der Vorgängerregierung aus CDU und SPD beschlossene Kreisreform und die Einführung des WN-Nummernschilds für alle Autos in den zusammengelegten Altkreisen Waiblingen und Backnang. Dass Waiblingen zur Kreisstadt wurde, das habe niemandem im Raum Backnang gepasst.

Das alte Plakat ist und war Gernot Gruber ein Ansporn. Der Filius, mittlerweile 56 Jahre alt, hat jetzt bei der Kreistagswahl seinen Sitz verteidigt. Mit seinem persönlichen Ergebnis sei er sehr zufrieden, habe er doch hinter dem Schorndorfer OB Matthias Klopfer das zweitbeste SPD-Stimmenergebnis erzielt. Die SPD habe auch in Backnang Stimmen verloren bei der Kreistagswahl, sei aber „ungewöhnlich klar“ vor den Grünen geblieben, „das liegt vielleicht auch an meinem jahrelangen Engagement für Umwelt- und Klimaschutz im Kreis und im Land“.

Was müssen die Sozialdemokraten nach dem Debakel bei den Wahlen Ende Mai also tun, damit ihnen ein kompletter Absturz wie in einigen anderen Ländern in Europa erspart bleibt? Ihr Bauchgefühl sage ihr, „wir müssen mit denen, die links sind, wieder zusammen kommen“, erklärt Gudrun Gruber. Also mit der Partei Die Linke? Ja. Ihr Sohn ist skeptisch, sagt, dass die Zersplitterung der Linken in Deutschland sicher nicht gut sei für die SPD. Er halte allerdings nichts von „linken Sektierern“, ein Linksbündnis, sagt der Abgeordnete, sei „schwer vorstellbar“.

Die SPD habe es unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung versäumt, „offen zu sein“ für neue Mitglieder im Osten. Der damalige Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine habe 1990 viele Menschen im Osten verprellt. Alles vergossene Milch, könnte man einwerfen. Zudem hat die SPD später unter Gerhard Schröder ja noch mal eine Bundestagswahl gewonnen. Was also tun, heute? Gernot Gruber sagt, die SPD müsse ihr Kernthema Gerechtigkeit viele stärker beackern.

„Eine Frau wie Malu Dreyer als Bundesvorsitzende“

Gudrun Gruber fehlt jemand an der Parteispitze, „den man bewundert“ – ein neuer Willy Brandt oder Helmut Schmidt. Gernot Gruber hatte bereits kurz vor den Wahlen und vor dem Rücktritt von Nahles erklärt, er würde sich eine Frau wie Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, als Bundesvorsitzende wünschen. Alle Parteien hätten Probleme, Leute zu finden, die die Menschen erreichten. Es gebe zu viele reine Berufspolitiker. Eine Vita mit Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal überzeuge die Wähler nicht.

Gernot Gruber selbst ist ein bisschen anders. Das sagt er freilich nicht so. Er lässt bei Diskussionen allerdings mitunter durchblicken, dass er finanziell nicht auf den Job als Abgeordneter angewiesen sei, erklärt, dass er als leitender Angestellter früher mehr Geld verdient habe. Der Mathematiker Gruber hatte 2011 zur Überraschung vieler Beobachter erstmals den Sprung in den Landtag geschafft, als erster SPD-Mann in Backnang seit seinem Vater.

Die SPD müsse nach den schlechten Ergebnissen bei der Europawahl und bei der Kommunalwahl sowohl das Programm als auch die Strategie und die Personal an der Spitze prüfen. Andrea Nahles habe wohl gewusst, dass sie „die SPD nicht aus dem Keller ziehen kann“, deshalb habe sie das Amt der Parteivorsitzenden abgegeben. Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert, sagt Gruber, sei aus seiner Sicht „eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung“. Grubers Mutter indes bewertet Kühnert positiv, er sei „das freundliche Gesicht der Gegner der großen Koalition“. Gernot Gruber erklärt, die von Kühnert angestoßene Debatte um die Vergesellschaftung von Wohnungen und Betrieben habe die SPD im Kommunalwahlkampf sicherlich zwei Prozentpunkte gekostet.

Gruber wünscht sich eine Mitgliederbefragung

Also Herr Gruber: Wer sollte den SPD-Vorsitz übernehmen? Er sagt, gefragt sei jemand, der studiert und „Berufserfahrung außerhalb der Politik hat“. Der Diplom-Mathematiker, der lange bei der Allianz in Stuttgart tätig war, sagt auf Nachfrage augenzwinkernd, er wolle sich „nicht selbst ins Gespräch bringen“. Gruber wünscht sich eine Mitgliederbefragung und sagt dann, er könne sich eine Doppelspitze vorstellen: mit der ehemaligen Bundesjustizministerin und EU-Parlamentarierin Katarina Barley und dem SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil.

Gernot Gruber will mit seinen Sozialdemokraten wieder mehr Arbeiter erreichen, aber zugleich soziale, linksliberale Menschen – zudem müsse viel mehr getan werden für den Umweltschutz. Spötter könnten mit Blick auf diese Aussage von der Quadratur eines Kreises sprechen. Ob dieses Unterfangen gelingen kann, erklärt der passionierte Langstreckenläufer Gernot Gruber, sei völlig offen.