Einsame Herzen in Leinfelden-Echterdingen Diese Singles bandeln lieber offline an

Von Frank Wahlenmaier 

Was bringen die besten Flirts übers Smartphone, wenn im Endeffekt doch kein Date dabei herausspringt? Die Besucher einer Singleparty in Leinfelden-Echterdingen setzen deshalb aufs Kennenlernen von Angesicht zu Angesicht.

Auf der Tanzfläche kommt man sich allmählich näher. Die leuchtenden Bänder an den Handgelenken signalisieren die Bereitschaft zum Flirten. Foto: Frank Wahlenmaier
Auf der Tanzfläche kommt man sich allmählich näher. Die leuchtenden Bänder an den Handgelenken signalisieren die Bereitschaft zum Flirten. Foto: Frank Wahlenmaier

Leinfelden - Um 23 Uhr erreicht die Singleparty im Schwabengarten ihren Zenit. Rund 200 Feierwütige, im Alter von schätzungsweise 20 bis 50 Jahren, schwofen und grölen zu den Evergreens aus den 90ern. Arme werden in die Luft gerissen, und die Drinks fließen in Strömen.

Vier Stunden vorher geht es da noch verhaltener zu, als die ersten Besuchergrüppchen an dem Abend ihre Getränke am besinnlichen Lagerfeuer in der Mitte des Gartens zu sich nehmen. Hier und da huscht mal ein gestreckter Kopf mit neugierigen Augen über das Menschenmeer, um einen Blick auf das Handgelenk eines potenziellen Partners zu erhaschen. An denen erkennen die Junggesellen nämlich, inwieweit sich ein Balzangriff lohnt. Ein rotes Bändchen symbolisiert die ungehemmte Bereitschaft zum Flirten. Ein Blaues zwar auch, da muss sich derjenige aber richtig ins Zeug legen, um das Herz des Bandträgers zu erobern. Kein Band, kein Interesse.

Offline- anstatt Online-Dating

Die Spielregeln sind also klar, doch warum riskiert man eine Abfuhr vor Publikum, wenn es auch anonymer geht? In Zeiten von sozialen Medien und Co. ist die Partnersuche zum gelegentlichen Zeitvertreib geworden. Kurz eine App geöffnet, ein paar Wischer nach links oder rechts und darauf hoffen, dass sich daraus ein Date ergibt. Eine Plattform wirbt sogar mit erfolgreichen Partnervermittlungen im Minutentakt.

Für manche hat sich das Kapitel Online-Dating bereits komplett erledigt. Sie setzen auf die Offline-Version. „Irgendwann fehlt der Reiz“, sagt der 38-jährige Marco Ritz aus Möhringen. „Tinder fand ich nach einer Weile zu langweilig. Hier kann ich Spaß haben, und vielleicht ergibt sich ja was.“ Mit ein paar seiner digitalen Begegnungen habe er zwar anfangs enthusiastisch über die Plattform geschrieben, doch schnell verloren er oder das Gegenüber das Interesse, da es bei den Gesprächen blieb oder nach ein paar Nachrichten keine Antwort mehr zurückkam.

Seit 2012 gibt es unter anderem die Dating-App Tinder für das Smartphone. In den vergangenen Jahren kam sie aber zunehmend in Verruf, dass sie, überwiegend von Männern, nur für gelegentliche Techtelmechtel genutzt werde. Eine Frauenclique im mittleren Alter sieht das ähnlich: „Den ersten richtigen Eindruck bekommt man nur, wenn man sich dann auch trifft“, sagt eine von ihnen, die beiden anderen nicken zustimmend. Sie hätten schon einmal jemanden im Internet kennengelernt, mehr als ein virtueller Flirt war aber nicht drin. „Auf den Partys kann man direkt mit jemandem in Kontakt kommen und kann sich schneller entscheiden, ob es passt.“ Von den Damen hat noch keine auf den Partys einen Seelenverwandten kennengelernt, vorrangig würden sie für eine gute Zeit in den Schwabengarten kommen.

Authentizität und Hüftschwung sind gefragt

So auch der bänderlose Felix Klein aus Stuttgart-Ost, der an diesem Abend als Flügelmann für einen Kumpel einspringt. Selbst habe er schon vor zwei Jahren seine bessere Hälfte gefunden, „aber mein Kumpel wollte nicht alleine zu einer Singleparty gehen, was ich nachvollziehen kann“. Ein Flügelmann, umgangssprachlich Wingman genannt, hilft Single-Freunden, mit möglichen Partnern ins Gespräch zu kommen. „Authentisch bleiben und auf der Tanzfläche nicht einfach nur rumstehen“, gibt Klein noch den anderen Singles als Tipp auf den Weg. Laut seiner Erfahrung würde es selten fruchten, eine Dame nur auf ein Getränk einladen zu wollen.

Während der Winterdörfle-Saison im Schwabengarten, die von Anfang November bis Anfang Februar dauert, hatte man jeden zweiten Samstag im Monat die Chance, anzubandeln. Gelegenheiten, die nicht selten darin münden würden, dass sich frisch Verlobte beim Schwabengarten-Betreiber David Blanco bedanken und ihn fragen, ob sie aufgrund der Kennenlerngeschichte im Schwabengarten ihren Junggesellenabschied feiern dürfen. „Pro Jahr kommen zwischen 15 und 20 Anfragen.“ Bei den Partys möchte Blanco niemanden ausgrenzen: „Klar, das ist eine Singleparty, aber es kommen auch Leute her, die einfach nur feiern wollen.“

Bei freiem Eintritt ist die Veranstaltung auf den Fildern, die in dieser Regelmäßigkeit stattfindet, eine Ausnahme. Im Inneren der Partyhütte mit Aprés-Ski-Charme wird das Anbandeln an dem Abend zunehmend schwieriger. Der DJ schraubt die Musiklautstärke in die Höhe, Menschenmassen umzingeln die überforderten Barkeeper am Tresen oder füllen das Tanzparkett bis auf den letzten Quadratmeter. Luft zum Flirten bleibt dann wenig, dafür aber für wilde Tänze, die bis tief in die Nacht andauern und so nur im realen Leben stattfinden können.




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