Einzelhandel in Stuttgart-Süd Ein Klagelied über Kaltental

In den 1950er Jahren gab es in Kaltental fast alles für den täglichen Bedarf. Heute haben die meisten Einzelhändler dort ihre Geschäfte geschlossen. Foto: dpa/Christophe Gateau
In den 1950er Jahren gab es in Kaltental fast alles für den täglichen Bedarf. Heute haben die meisten Einzelhändler dort ihre Geschäfte geschlossen. Foto: dpa/Christophe Gateau

Lothar Hubl ist von Stuttgart-Kaltental nach Abstatt bei Heilbronn gezogen. Dort findet er, was es einst auch in Kaltental gegeben hatte: einen funktionierenden Einzelhandel mit Geschäften, die der 71-Jährige mit seinem Rollator erreicht.

Kaltental - Kaltental geht dem Rentner Lothar Hubl nicht aus dem Kopf, obwohl er seit eineinhalb Jahren in Abstatt bei Heilbronn wohnt und dort sehr glücklich ist. Der wichtigste Grund für seinen Umzug: Der Stadtteil im Stuttgarter Süden ist den 71-Jährigen zu beschwerlich geworden. Um einzukaufen, ist Lothar Hubl seit einem Schlaganfall auf den Rollator und den Rollstuhl angewiesen. „Kaufen Sie in Kaltental doch einmal damit ein! Ich habe auf dem evangelischen Berg gewohnt“, erzählt er. „Ohne Auto ist es unmöglich, ins Tal zu kommen, um einzukaufen. Dann haben nach und nach die meisten Geschäfte zugemacht. Wenn ich jetzt in Kaltental wohnen würde, dann müsste ich verhungern.“

In den 1950ern gab es noch viele Geschäfte

Früher, erinnert sich der Rentner, sei in Kaltental alles besser gewesen: „1957 bin ich dorthin gekommen. Damals war ich noch in der Grundschule. Alles, was man gebraucht hat, konnte man im Ort einkaufen.“ Auf beiden Bergseiten habe es jeweils mehrere Bäckereien und einen Metzger gegeben. „Es gab auch den Laden von Herrn Wolf, in dem man noch die Milch in der Kanne abgeholt hat. Dort erhielt man auch Waschmittel, aber nur eine Marke, und das hat gereicht“, sagt Hubl.

Auf der anderen Seite habe es drei Tante-Emma-Läden gegeben und ein Buchgeschäft, in dem man Literatur kaufen oder leihen konnte. Für elek­tronische Unterhaltung sei ein Radio- und Fernsehgeschäft dagewesen und für Autofahrer zwei Tankstellen und eine Werkstatt. An der Hauptstraße im Tal habe es eine Reinigung, eine Drogerie, eine Bank, eine Post, eine Apotheke und einen Friseur gegeben. „Wenn ältere Leute in der Apotheke ein Medikament bestellt hatten, brachte es die Apothekerin vorbei.“

Für den Niedergang Kaltentals als Einzelhandelsstandort, den der Rentner miterlebt hatte, macht er überwiegend die Einwohner selbst verantwortlich: „Wer ein Auto hatte, der fuhr wegen günstigeren Angeboten ins Stuttgarter Zentrum zu den Discountern.“ Zu guter Letzt, sagt er, habe auch noch das Gemüsegeschäft von Ingrid Strähle auf dem evangelischen Berg geschlossen. „Wenn ich etwas aus der Apotheke bräuchte, müsste ich den Berg hinunterlaufen, in die Straßenbahn nach Heslach oder Vaihingen steigen und hoffen, dass dort in der Apotheke das Medikament da ist.“

Heile Einzelhandelswelt

Lothar Hubl ist jetzt glücklich in seiner neuen Heimat Abstatt bei Heilbronn: „Meine Frau und ich wohnen in einer behindertengerechten Wohnung direkt neben unseren Kindern“, berichtet er. „Schöner kann man es nicht haben, und wir genießen jeden Tag.“ Neben seinem familiären Glück hat Lothar Hubl in der Heilbronner Kreisgemeinde auch seine heile Welt des Einzelhandels gefunden: „Alles ist zu Fuß und eben erreichbar, unterwegs kommt man mit jedem ins Gespräch“, sagt er. Wenn ich mit Auto einkaufe, muss ich keine Parkgebühren zahlen und nicht dauernd auf die Uhr schauen, ob die Parkzeit abgelaufen ist“, sagt er. Jedes Geschäft sei bequem mit dem Rollator oder mit dem Rollstuhl zu erreichen.

Ab und zu fährt der 71-jährige Mann trotzdem nach Stuttgart. „Wenn es keine Staus gibt, bin ich mit dem Auto von Heilbronn aus schneller dort als von Kaltental in Bad Cannstatt“, sagt er frotzelnd. Wenn er an Kaltental denkt, dann wird ihm um diejenigen, die alt und nicht mehr mobil sind, weh ums Herz, sagt Hubl: „Es ist schlimm, dass von allem, was wir hatten, so gut wie nichts mehr da ist. So ändern sich die Zeiten.“




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