Einzelhandel in Stuttgart-Zuffenhausen Wenn Azubis zu Chefs werden

Von Bernd Zeyer 

Lehrjahre sind keine Herrenjahre? Manchmal schon, zumindest für kurze Zeit: Die Aldi-Filiale an der Schwieberdinger Straße wird drei Wochen lang von Auszubildenden geleitet. Jeder darf mal Chef sein oder an der Kasse sitzen, muss aber auch Regale auffüllen und leere Kisten wegräumen.

Bezirksvorsteher Gerhard Hanus Foto: Bernd Zeyer
Bezirksvorsteher Gerhard Hanus Foto: Bernd Zeyer

Zuffenhausen - Wir kleben also die Sachen wieder zu und schicken sie zurück“, sagt Ebru Ece, macht sich ein paar Notizen und legt dann den Hörer auf. Einige Artikel sind fälschlicherweise in die Aldi-Filiale an der Schwieberdinger Straße 62 geliefert worden, nun muss neu disponiert werden. Für die junge Frau ist es keinesfalls selbstverständlich, eine solch verantwortungsvolle Aufgabe zu erledigen: Eigentlich ist die 20-Jährige noch in der Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel, doch heute ist alles ganz anders. Ece ist nämlich Filialleiterin, wenn auch nur für kurze Zeit. Zusammen mit anderen Auszubildenden hat sie für drei Wochen die Verantwortung für den Einkaufsmarkt, wobei die verschiedenen Tätigkeitsfelder jeweils zwischen den jungen Leuten wechseln. Jeder darf mal Chef sein oder an der Kasse sitzen, muss aber auch Regale auffüllen oder die leeren Kartons wegräumen.

Die Azubis können zeigen, was sie gelernt haben

„Das ist natürlich ziemlich ungewohnt, aber es macht viel Spaß“, erzählt Ebru Ece. Eigentlich ist sie bei Aldi in Abstatt beschäftigt, auch ihre jungen Kolleginnen und Kollegen, allesamt im dritten Lehrjahr, kommen aus anderen Filialen. Die drei Wochen in Zuffenhausen sollen die Lehrlinge fit machen für ihre späteren Aufgaben. „Die Azubis können zeigen, was sie gelernt haben“, sagt der Regionalverkaufsleiter Robin Zachenbacher. Diese Aktion sei ein fester Bestandteil der Ausbildung. Generell seien die Chancen sehr gut, später übernommen zu werden. Leider gehe die Zahl der Bewerber in den vergangenen Jahren zurück. Gerade im Stuttgarter Raum gebe es viel Konkurrenz durch die großen Industriebetriebe. Mit einem Vorurteil möchte Zachenbacher aufräumen: „Aldi zahlt überdurchschnittlich gut.“ Außerdem bekämen auch Jugendliche mit Hauptschulabschluss die Gelegenheit, eine Lehre zu machen.

Um Schülern einen Job im Einzelhandel schmackhaft zu machen, werden regelmäßig Klassen eingeladen. Auch am Mittwoch hätten eigentlich Mädchen und Jungs aus der Uhlandschule in den Markt kommen sollen, um sich mit den Azubis über Erfahrungen, Möglichkeiten und Berufschancen zu unterhalten – was aber aus Krankheitsgründen ins Wasser fiel. Dafür ist Bezirksvorsteher Gerhard Hanus vor Ort, um sich über das Projekt zu informieren. „Das ist eine sehr sinnvolle Aktion“, sagt er. Es sei von großem Vorteil, wenn Kontakte zur Arbeitswelt so früh wie möglich geknüpft würden und sich junge Leute eigene Eindrücke vor Ort verschaffen könnten.

Wer Frühschicht hat, muss um sechs Uhr da sein

Mehr als 1500 Waren sind im Aldi-Sortiment, dazu kommen noch diverse Sonderaktionsartikel. Da scheint es gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten. Wo steht was, wann wird welcher Artikel geliefert, wie sind die aktuellen Preise? Dies sind nur einige der Fragen, mit denen sich die Mitarbeiter beschäftigen müssen.

An der Schwieberdinger Straße wird sechs Tage die Woche in zwei Schichten gearbeitet. Wer Frühschicht hat, muss morgens um sechs Uhr da sein. „Das frühe Aufstehen fällt manchmal schon etwas schwer“, sagt Carina Funke. Am Mittwoch ist die 19-Jährige für die Kasse zuständig. Auch ihr macht die Ausbildung viel Spaß. Sie hat bereits ein festes Ziel angepeilt: Nach der Lehre möchte sie noch eine Ausbildung zur Handelsfachwirtin machen, danach dann einen Bürojob ergattern. Auch Mercedes Keles will der Firma treu bleiben und später eventuell sogar Filialleiterin werden. „Ich möchte bei der Arbeit unbedingt Kontakt zu Menschen haben“, erzählt die 21-Jährige. Sie ist sich sicher, beruflich den richtigen Weg eingeschlagen zu haben – auch wenn es manchmal Kunden gibt, mit denen nicht gut Kirschen essen ist. Sibel Yilmaz hat ein probates Mittel gefunden, mit solchen Situationen umzugehen: „Cool bleiben, sich innerlich beruhigen, immer freundlich bleiben.“

Sonderthemen