Das englische Nationalteam hat so viel Selbstvertrauen bei dieser EM gesammelt, dass auch die Halbfinal-Hürde Schweden genommen werden sollte.

Touristen, die das erste Mal an der Themse zu Fuß, per Rad oder Bus nach Teddington gelangen, geht meist das Herz auf. Tief im Südwesten von London strahlt ein gepflegter Stadtteil eine Ruhe, Behaglichkeit und Gemütlichkeit aus, die nichts mit dem geschäftigen Stadtzentrum gemein hat. Insofern ist gut nachvollziehbar, warum Englands Fußballverband (FA) nach reiflicher Überlegung entschied, für seine Fußballerinnen zur Heim-EM hier sein Basiscamp aufzuschlagen. „Wir brauchen ein zweites Zuhause, wenn wir einen unvergesslichen Sommer schaffen wollen“, sagte Englands Nationaltrainerin Sarina Wiegman bereits beim Einzug in den Komplex The Lensbury, wobei ihr Trainingsplatz direkt am Themseufer liegt. Ein missglückter Befreiungsschlag beim Eckenüben – und der Ball fliegt ins Wasser.

Seit 18 Länderspielen sind die Engländerinnen unbesiegt

Aber ansonsten ist alles im Fluss. Die Nationalspielerinnen haben am Wochenende vor dem Halbfinale gegen Schweden an diesem Dienstag (21 Uhr/ARD) Spaziergänge unternommen – die meisten mit dem Handy in der Hand. Wären sie bis nach Richmond gegangen und hätten sich unter die Einheimischen gemischt, die in Szenetreffs wie The White Cross gerne mal schon zur Mittagszeit ein erstes Pint Bier aus einem Plastikbecher nehmen, hätten sie erfahren, wie stolz der gemeine Brite auf seine Three Lionesses ist. Dies Team strahlt nach außen so viel Stärke aus, dass auch die Hürde gegen den Olympia-Zweiten genommen werden sollte. Wer bitte anders als England soll denn im Finale in Wembley vorspielen?

Wiegmans seit 18 Länderspielen unbesiegte Löwinnen nehmen mit ihrem Titeltraum breiten Raum in der Berichterstattung der Zeitungen und Nachrichtensender ein. Die Premier League startet erst am Wochenende nach dem Frauen-Endspiel (31. Juli) – und die Männer spielen dann bis zur WM in Katar gefühlt ja täglich. Spätestens durch das megaspannende Viertelfinale gegen Spanien (1:0 nach Verlängerung) gehört also Spielerinnen wie der zum FC Bayern wechselnden Siegtorschützin Georgia Stanway die Aufmerksamkeit.

Über ein Thema wird im Camp der Löwinnen nicht gesprochen

Der Respekt für ihre Leistungen ist extrem hoch. Wer Inhaber eines „season ticket“, einer Dauerkarte, der Londoner Clubs Chelsea oder Arsenal fragt, der bekommt sofort zur Antwort, wie gut auch die vereinseigenen Ladys spielen würden. Das Spanien-Drama haben auf BBC one 7,6 Millionen Fans geschaut, über den Livestream weitere 1,5 Millionen. Beim Match gegen die Skandinavierinnen an der ausverkauften Bramhall Lane in Sheffield könnten es in Richtung des Rekords von 11,7 Millionen TV-Zuschauern gehen, die bei der WM 2019 das tragische Halbfinal-Aus gegen die USA (1:2) sahen. Damals verschoss Steph Houghton kurz vor Schluss einen Elfmeter.

Aber weil sich dazu noch eine Lehrstunde im EM-Halbfinale 2017 gegen die Niederlande (0:3) gesellte – Trainerin auf der Gegenseite übrigens eine gewisse Sarina Wiegman – und auch das WM-Halbfinale 2015 gegen Japan (1:2) durch ein Eigentor von Laura Bassett in der Nachspielzeit tränenreich ablief, müssen die Engländerinnen gegen die Dämonen der Geschichte ankämpfen. „Das ist in den Köpfen einiger Mädchen, die damals dabei waren“, gestand die an allen dieser so bitteren Abschiede beteiligte Fran Kirby. Die kampfstarke Mittelfeldspielerin von Chelsea versicherte zugleich, dass über das Thema im Camp nicht gesprochen werde. „Wir sind alle fokussiert auf das nächste Match gegen Schweden.“

Dass es vor allem in körperlicher Hinsicht eine echte Herausforderung wird, weiß die 29-Jährige: „Alle schwedischen Spielerinnen, gegen die ich angetreten bin, waren physisch immer sehr stark.“ Doch genau diese Spielweise dürfte dem Gastgeber behagen.

Und warum bitte schön hat die FA mit Wiegman jene fast schon supercoole Trainerin geholt, die schon vor fünf Jahren den niederländischen EM-Triumph beim Heimturnier mit einer extremen Gelassenheit orchestrierte? So was können nur Protagonisten, die genau wissen, was sie tun, weil sie sich in ihrer Rolle gerade sehr wohlfühlen. Der Geist von Teddington hilft dabei.