Engagement für Arme und Obdachlose Figaros helfen in der Vesperkirche

Von Götz Schultheiss 

In der kalten Jahreszeit bekommen Bedürftige in der Vesperkirche nicht nur Speis’ und Trank, sondern auch einen kostenlosen Haarschnitt. Zum ehrenamtlichen Figaro-Team zählen zwei Vaihinger.

Sieben Wochen im Jahr wird die Leonhardskirche  zur Anlaufstelle für  Arme und Obdachlose, die dort   gratis Essen und Getränke bekommen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Sieben Wochen im Jahr wird die Leonhardskirche zur Anlaufstelle für Arme und Obdachlose, die dort gratis Essen und Getränke bekommen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Vaihingen - Der Vaihinger Fritz Stehle spendet nicht nur Geld für Menschen in Afrika. Er hilft auch Menschen, die quasi vor der eigenen Haustüre in Not geraten sind. „Ich habe viel Glück in meinem Leben gehabt, da will ich der Gesellschaft auch etwas zurückgeben“, sagt der Friseurmeister im Ruhestand, der früher an der Hauptstraße einen eigenen Friseursalon besaß. Deshalb engagiert er sich auch in der Vesperkirche. Sieben Wochen im Jahr wird die Leonhardskirche in der kalten Jahreszeit zur Anlaufstelle für Arme, die dort gratis Essen und Getränke bekommen. Im Chorraum der Kirche, hinter dem Altar, schneiden Fritz Stehle, seine Vaihinger Kollegin Heike Hübel und Ilde Palotta aus Stuttgart-Ost armen Frauen und Männern die Haare. Die Friseure bringen ihre Utensilien mit und schneiden nur die Haare. Dauerwellen oder Waschen und Legen sind dort nicht möglich.

Kürzere Haare verbessern das Selbstbewusstsein

„Nach einem Haarschnitt haben diese Menschen gleich wieder mehr Selbstbewusstsein, sagt er. Mittlerweile, sagt der 80-Jährige, habe er Stammkunden: „Sie freuen sich, wenn sie mich sehen.“ Einige von ihnen wollten ihm trotz ihrer Armut wenigstens ein Trinkgeld geben. „Das lehne ich immer ab. Weil man aber darauf achten muss, dass sich die Leute nicht herabgesetzt fühlen, habe ich es auch mal angenommen, den Betrag dann aber in den Opferstock gesteckt.“ Gleich beim ersten Mal habe er eingeführt, dass nicht die Friseure, sondern die mit dem Haarschnitt beschenkten die gefallene Haarpracht zusammenkehren: „Das klappt seit fünf Jahren hervorragend.“

Der Rentner kann es kaum erwarten, bis er wieder zur Schere greift

Fritz Stehle, den die Tatkraft zehn Jahre jünger erscheinen lässt, ist mit Feuereifer bei der Sache. Seine Frau Monika sagt: „Er kann es kaum erwarten, bis er wieder in der Kirche ist und er bedauert es, dass er zwei Mal wegen anderer Verpflichtungen fehlen muss.“ Nicht nur Obdachlose und arme Rentner kommen dem alten Meister unter die Schere. Immer wieder kämen Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. „Sie warten, bis wir Pause haben, dann leihen sie sich unser Gerät und schneiden sich die Haare gegenseitig“, erzählt Fritz Stehle.

Nicht ganz so viel Erfahrung mit dem Helfen in der Vesperkirche wie Fritz Stehle hat Heike Hübel, Friseurin im Vaihinger Salon Brommer an der Hauptstraße. Sie hat erst im vergangenen Jahr damit begonnen, den Bedürftigen zu einer Frisur zu verhelfen. „Ich weiß schon lange von der Vesperkirche, und ich hatte mir immer überlegt, dort zu helfen. Ich wusste ja, dass dort Friseure ehrenamtlich Haare schneiden.“ Der Anstoß, tätig zu werden, kam dann in der Schwabengalerie: „Ich habe dort einen Bedürftigen gesehen. Sein Anblick hat mich so berührt, dass ich mir gesagt habe: Jetzt helfe ich.“

Von Altersarmut sind viele Rentnerinnen betroffen

Ihr Klientel, sagte Heike Hübel, sei dankbar. Meist handele es sich um Rentner, meist Frauen, die von Altersarmut betroffen seien, aber auch Punker und Obdachlose seien dabei. „Am coolsten und freundlichsten sind die klassischen Obdachlosen“, sagt sie. Sie arbeite jeden Montag, also an ihrem freien Tag, in der Vesperkirche: „Das mach mir Spaß, aber es ist anstrengend und man muss abends vieles von den Geschichten, die man zu hören bekommt, verdauen.“ Eine ihrer ersten Kundinnen sei eine alte Dame gewesen. „Sie sagte mir, wenn es die Vesperkirche nicht gäbe, und sie in diesen sieben Wochen nichts zurücklegen könne, dann reiche ihr das Geld nicht fürs Essen und die Miete. Nachdem ich bei ihr mit dem Haarschnitt fertig war, hat sie mir 20 Cent hingelegt.“ Diese Geschichte und die rührende Geste der verarmten Seniorin gehe ihr heute noch unter die Haut.

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