Entenjagd in Nürtingen Mit fixierten Flügeln in den Tod

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Bei der Ausbildung ihrer Hunde setzen Jäger im Land auf eine umstrittene, in vielen Bundesländern bereits verbotene Methode: die „Prüfung an der geflügelten Ente“.

Junge Hunde werden für die Jagd  im Wasser ausgebildet. Foto: Steve Oehlenschlager/AdobeStock
Junge Hunde werden für die Jagd im Wasser ausgebildet. Foto: Steve Oehlenschlager/AdobeStock

Nürtingen - Aus Sicht der einen ist es schlicht grausame Tierquälerei. Aus Sicht der anderen ist es eine rechtlich einwandfreie und fachlich absolut notwendige Schulungseinheit, um Jagdhunde entsprechend der deutschen Gesetzgebung „brauchbar“ zu machen. Hinter der „Prüfung an der geflügelten Ente“, die die Gruppe Württemberg des Vereins Deutsch Drahthaar (VDD) am Samstag, 21. Juli, an einem noch nicht näher definierten Gewässer im Raum Nürtingen durchführen will, verbirgt sich eine höchst umstrittene Methode. Mit ihr sollen junge Jagdhunde auf die Suche von krankem oder geschossenen Wasserwild vorbereitet werden und lernen, es zu den Jägern zu apportieren.

Damit die jungen Hunde ihre Prüfung ablegen können und die Enten nicht ihren natürlichen Fluchtinstinkt ausleben und wegfliegen können, werden sie für diese Prüfung flugunfähig gemacht. Dazu wird ihnen nach der so genannten Professor-Müller-Methode eine Papiermanschette über die Flügel gezogen, die sich spätestens nach 30 Minuten auflösen soll. „Die Enten haben also durchaus eine realistische Überlebenschance“, betont die VDD-Prüfungsobfrau Erika Rüdenauer, die die Übung bei Nürtingen organisiert.

Drei Varianten führen zum sicheren Tod

Das bestreiten sowohl die stellvertretende Landestierschutzbeauftragte Ariane Kari als auch die für den Landestierschutzverband Baden-Württemberg tätige Biologin Martina Klausmann. „Es gibt drei unterschiedliche Varianten, wie die flugunfähig gemachten und dadurch natürlich total gestressten Enten zu Tode kommen können“, sagt Martina Klausmann: „Entweder, die Hunde erwischen die Enten noch außerhalb des Wasser. Das mag man sich lieber nicht vorstellen. Oder die Enten werden, wenn sie durch Wasser fliehen wollen, von den Jägern erschossen.“

Und selbst wenn es ihnen gelänge, sich von der Papiermanschette zu befreien, hätten die Enten kaum eine Überlebenschance. Schließlich handle es sich bei den Tieren um speziell für diese Ausbildung gezüchtete Enten, die meist zu schwach zum Fliegen seien und sich zudem in dem für sie neuen Gewässer nicht auskennten. Rein rechtlich, so ergänzt Ariane Kari, dürften sich die Enten ohnehin nicht retten. Denn sonst verstießen die Jäger gegen das Aussetzungsverbot von Tieren.

Dass die Tiere nicht fliegen könnten, stimme nicht, sagt Erika Rüdenauer: Es handle sich um Wildenten, die in freien, allerdings eingezäunten Gewässern aufwüchsen. Erfahrungsgemäß, so sagt sie, käme die Hälfte der eingesetzten Enten mit dem Leben davon.

Es gibt mittlerweile einen Jagdtourismus

Eigentlich, so betont Martina Klausmann, sei das deutsche Tierschutzgesetz eindeutig. Es untersage die Schulung von Tieren an anderen lebenden Tieren. In vielen westlichen Bundesländern ist die „Prüfung an der geflügelten Ente“ deshalb auch verboten. In den östlichen Bundesländern, aber auch in Niedersachsen, Baden-Württemberg und in Bayern ist sie aber weiterhin erlaubt. Das führe, so berichtet Ariane Kari, zu einem richtigen Tourismus: Jäger aus Bundesländern, in denen die Methode untersagt sei, suchten Angebote für die Prüfung in solchen Bundesländern, in denen die Hunde nach wie vor an lebenden Enten trainieren dürften.

In Baden-Württemberg wird das voraussichtlich noch bis zum 31. März 2022 möglich sein. Denn erst im vergangenen Jahr haben das Ministerium für den Ländlichen Raum und die Jagdkynologische Vereinigung Baden-Württemberg eine „Stuttgarter Vereinbarung 2017“ unterzeichnet, die auf neun Seiten bis ins Detail die Schulung an lebenden Enten regelt.

Darin heißt es zwar, es sei das Ziel, die derzeitige Ausbildung mit lebenden Tieren „auf ein Mindestmaß zu reduzieren und die Stressbelastung der Enten durch geeignete Rahmenbedingungen soweit wie möglich zu begrenzen“. Auch soll der Vertrag enden, wenn „eine gleichwertige Alternative zur bisherigen Ausbildung gefunden wird oder die Ausbildungsmethode durch höchstrichterliche Rechtssprechung als tierschutzwidrig“ eingestuft werde.

Ausbildung an der flugunfähig gemachten Ente

Bis dahin aber ist in der Vereinbarung festgehalten, dass geeignete Hunde für die Jagd auf Wasserwild nach der „überwiegenden Meinung in Wissenschaft und Praxis“ nur durch die Ausbildung an einer lebenden, kurzfristig flugunfähig gemachten Ente zu gewinnen seien. Die Reihe der Vereinbarungen ist lang. Unter anderem muss derjenige, der eine solche Prüfung plant, sie acht Tage vor Beginn beim zuständigen Veterinäramt ankündigen. Ein Vertreter des Amts sei dann, so berichtet Markus Wierich, der Veterinär des Esslinger Landratsamts, vor Ort und prüfe, ob die Vorschriften von den Jägern auch eingehalten würden.

Die Hunde, für die Ausbildungsbücher zu führen sind, dürfen insgesamt nur zwei Mal an einer solchen Prüfung teilnehmen. Pro Prüfung dürfen maximal drei Enten – zwei für die Übung, eine für die Prüfungsabnahme – eingesetzt werden. Bei den Enten selber soll es sich um flugfähige, gut ernährte und konditionsstarke Stockenten handeln, die an Wasser und Deckung gewöhnt sind und ein „normales Feindvermeidungsverhalten“ zeigen. Ihnen müsse bis kurz vor der Übung oder Prüfung die Gelegenheit gegeben werden, ihre Gefieder zu fetten. Die „Ausbildungszeit“ an einer Ente darf 15 Minuten nicht übersteigen. Eine vom Hund lebend gebrachte Ente muss „sofort tierschutzkonform“ getötet werden. Tote und lebende Enten müssen getrennt untergebracht werden.

Der VDD, so betont der Veterinär Markus Wierich, sei dabei ein zuverlässiger Partner, der sich bis jetzt stets an die Vorgaben gehalten habe. Ob am 21. Juli indes tatsächlich eine „Prüfung an der geflügelten Ente“ stattfindet, ist noch offen. „Das hängt davon ab, ob sich genügend Teilnehmer melden“, sagt Erika Rüdenauer.

Eine Alternative gebe es, davon ist Martina Klausmann überzeugt, durchaus. Es sei durchaus denkbar, die jungen Hunde mit ihren Eltern auf die Jagd zu schicken. Auch durch das Abschauen von deren Verhalten könnte der Nachwuchs an seine Aufgaben herangeführt werden. Das sei allerdings deutlich zeitintensiver als die Ausbildung an der geflügelten Ente. Deshalb wohl scheuten viele Jäger diesen deutlich tierschutzfreundlicheren Weg.




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