Entführtes Mädchen aus dem Strohgäu Laras Vater wartet auf seine Verhaftung

Thomas Karzelek mit seiner  Freundin, seinem Sohn und mit Tochter Lara Foto: privat 12 Bilder
Thomas Karzelek mit seiner Freundin, seinem Sohn und mit Tochter Lara Foto: privat

Die Mutter entführte Lara von Ditzingen nach Polen, der Vater verschleppte das Kind zurück nach Deutschland. Nun droht ihm die Verhaftung – und vielleicht sogar die Auslieferung nach Polen.

Lokales: Tim Höhn (tim)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Ditzingen - Seit Jahren leidet die kleine Lara unter dem Krieg ihrer Eltern, mehrfach haben die Mutter und der Vater sich das heute neunjährige Mädchen gegenseitig weggenommen. Lara wurde nach Polen entführt, zurück nach Deutschland verschleppt, nie durfte sie ein normales Leben führen. Jetzt scheint ein Stück Normalität einzukehren. Lara ist erstmals an einer Schule angemeldet, die Bescheinigung liegt dieser Zeitung vor. Ihr Deutsch werde immer besser, erzählt ihr Vater Thomas Karzelek: „Wir haben auch Fahrradfahren gelernt und schwimmen – all das konnte sie nie machen.“ Selbst Essen mit Messer und Gabel falle Lara schwer. „Sie hat viel aufzuholen.“

Wenn es stimmt, was der Vater sagt, kommt Lara jeden Tag mehr in ihrem neuen Leben an. Um ein normales Leben handelt es sich trotzdem noch nicht. Was vor allem daran liegt, dass Lara seit Monaten keinen Kontakt zu ihrer Mutter hat, und auch daran, dass sie gerade erneut den Wohnort wechseln musste, der nächste Neustart. Aus Angst vor der polnischen Polizei und vor Racheakten der polnischen Familie ist Karzelek mit Lara und seinem Sohn Daniel kürzlich von Mecklenburg-Vorpommern nach Nordrhein-Westfalen gezogen – weit weg von der polnischen Grenze. „Dort hätte die Gefahr bestanden, dass die polnische Polizei mich verhaftet und nach Polen bringt“, sagt er. Denn gemäß eines deutsch-polnischen Vertrags darf die Polizei bis zu zehn Kilometer in das jeweils andere Land eindringen, wenn es dringend geboten ist. Und die Polen wollen Karzelek so bald wie möglich im Gefängnis sehen. Der Vorwurf: Freiheitsberaubung.

Die Polen werfen dem Vater Freiheitsberaubung vor – weil er seine Tochter geholt hat

Karzelek muss deshalb auch in NRW jeden Tag damit rechnen, verhaftet zu werden, aber von der deutschen Polizei. Spannend ist die Frage, wie es danach weitergeht, die Rechtslage ist äußerst kompliziert. Seit 2011 sind Thomas Karzelek und Joanna S., die polnische Mutter von Lara, verfeindet, und die ehemaligen Partner kämpfen mit allen Mitteln um das gemeinsame Kind, das in Deutschland geboren und im Strohgäu aufgewachsen ist.

Nach mehreren erfolglosen Entführungsversuchen verschleppte die Mutter das Mädchen im Oktober 2014 gewaltsam von Ditzingen nach Polen, wo Lara jahrelang in einem Versteck leben musste. Erst 2017 wurde sie gefunden, aber alle Versuche des Vaters scheiterten, seine Tochter auf legalem Weg zurück in die Heimat zu bringen. Weshalb er Lara vor drei Monaten von Stettin nach Deutschland verschleppte und untertauchte. „Inzwischen ist der Polizei unser Aufenthaltsort bekannt“, sagt er.

Obwohl Karzelek schon lange das alleinige Sorgerecht für Lara hat, wertet die polnische Justiz seine Rückholaktion als Freiheitsberaubung und beantragte einen Europäischen Haftbefehl. Auf Basis internationaler Abkommen muss die deutsche Polizei Karzelek bald vorläufig festnehmen. Bei schweren Straftaten wie Freiheitsberaubung ist Deutschland verpflichtet, den Betroffenen auszuliefern. Karzeleks Hoffnung fußt jetzt auf einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes, der im Juli entschied, dass Haftbefehle aus Polen in der EU abgelehnt werden können, wenn die Gefahr besteht, dass der Angeklagte kein faires Verfahren erhält. Der Grund für diese Einschränkung sind die umstrittenen Justizreformen in dem zunehmend nationalistisch agierenden Land. „Dass ich in Polen nie fair behandelt wurde, kann ich eindeutig belegen“, sagt Karzelek.

Laras Mutter lehnt offenbar jeden Kompromiss ab

Bislang war auf deutscher Seite stets das Ludwigsburger Amtsgericht für den Fall zuständig, das ändert sich jetzt. „Über die Auslieferung entscheidet immer ein Oberlandesgericht an dem Ort, an dem der Betroffene festgenommen wurde“, erklärt der Sprecher Ulf Hiestermann – in diesem Fall also voraussichtlich in NRW. Die Chance auf eine außergerichtliche Einigung ist derweil gen null gesunken. Nach der Rückholaktion hatte Karzelek der Mutter eine Mediation vorgeschlagen – mit dem Ziel, eine Umgangsregelung zu finden, mit der alle leben können. Jetzt erst habe er eine Antwort erhalten, sagt er: „Sie ist gar nicht darauf eingegangen, sondern hat nur geschrieben, dass ich Lara zurückgeben soll.“




Unsere Empfehlung für Sie