Die Uniklinik Ulm will abgelaufenes medizinisches Material an die Erdbebenopfer in der Türkei und Syrien spenden. Das verursacht Ärger im Netz. Am Ende platzt das Vorhaben.

Baden-Württemberg: Florian Dürr (fid)

Eigentlich hatte es die Uniklinik Ulm ja nur gut gemeint. Die Verantwortlichen wollten den Erdbebenopfern in der Türkei und Syrien helfen. Über eine Initiative türkischstämmiger Ärzte in der Region sollten medizinische Materialien wie Verbände, Magensonden oder Blasenkatheter in die Krisenregionen gespendet werden. So weit, so gut. Doch für die Spende kamen ausschließlich die abgelaufenen Materialien infrage, wie ein interner Aufruf zeigt, der sich in den sozialen Medien verbreitete: „Gesammelt werden darf alles, was abgelaufen ist oder aus verschiedenen Gründen in den Müll wandern würde“, lautete die Ansage.

 

„Wir wurden bedroht und haben üble Mails und Anrufe bekommen“

Das erzürnte einige Nutzer im Netz – und die Uniklinik Ulm traf ein regelrechter Shitstorm: „Behalten Sie einfach Ihre abgelaufenen Materialien. Das was Sie nicht einsetzen würden, sehen Sie als angemessen für die Türkei und Syrien. Das ist krank und menschenunwürdig!“, findet eine Twitter-Nutzerin. „Wir finden es unmöglich“, schreibt ein türkischstämmiger Orthopäde aus Stuttgart in einer Mail an unsere Zeitung. Als Konsequenz der vielen negativen Reaktionen hat sich die Uniklinik Ulm für den Stopp der Hilfsaktion entschieden.

„Wir wurden bedroht und haben üble Mails und Anrufe bekommen“, berichtet eine Sprecherin. Die Klinik veröffentlichte deshalb ein Statement: „Wir bedauern sehr, dass eine unglücklich formulierte interne E-​Mail, die mit besten Absichten verbunden war, bei vielen Menschen zu großer Verärgerung geführt hat“, heißt es darin. Produkte wie Verbände, Magensonden oder Blasenkatheter „können oftmals noch weit über das Ablaufdatum hinaus bedenkenlos eingesetzt werden“.

„In der Türkei wird jede Art von medizinischem Material gebraucht“

Die für die Spende infrage gekommenen Materialien wären voll funktionsfähig und original verpackt gewesen. Abgelaufene Medikamente oder Lebensmittel seien nicht vorgesehen gewesen – und medizinisches Material, das für die Versorgung der Patienten am Uniklinikum gebraucht wird, dürfe nicht an Dritte abgegeben werden. Doch auch diese Erklärung beruhigte die erhitzten Gemüter nur bedingt. „Einfach beschämend! Von studierten Medizinern kann man erwarten, dass sie einen vorurteilsfreien Spendenaufruf formulieren können! Es war richtig, dass die Uniklinik Ulm es zurückzieht“, schreibt der ehemalige Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu (Grüne) auf Twitter.

Der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg, Gökay Sofuoğlu, hingegen ist da anderer Meinung: „In der Türkei wird jede Art von medizinischem Material gebraucht. Ich gehe nicht davon aus, dass die Uniklinik Ulm etwas spendet, was nicht brauchbar ist“, sagt er. Auch der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart springt der Uniklinik Ulm zur Seite: „Wir können nicht erkennen, dass die Menschen, die mit diesem original verpackten Material hätten versorgt werden sollen, irgendeinen Nachteil erfahren hätten. Verlierer der Debatte sind letztlich die Menschen, die dieses Material brauchen“, heißt es in einer Stellungnahme.

Der Ulmer Landtagsabgeordnete Martin Rivoir (SPD) bedauert den Stopp der Spendenaktion und kritisiert den Shitstorm: „Ich halte diese Aufregung für übertrieben. Jede Hilfe wird gebraucht, es werden ja keine verdorbenen Lebensmittel geliefert.“ Und auch die Uniklinik selbst hat laut einer Sprecherin durchaus auch positive Rückmeldungen erhalten: „Aber die sind im Netz leider nicht so laut.“ Und so überwiegt dort eher die Ansicht: Gut gemeint heißt nicht gut gemacht.

Wie gut ist „abgelaufenes“?

Sterilität
 Wird das Verfallsdatum bei Medizinprodukten erreicht, sei die Sterilität nicht mehr garantiert, erklärt eine Sprecherin des Klinikums Stuttgart. Doch in Katastrophengebieten unter Extrembedingungen beeinträchtigten eher äußere Einflüsse die sichere Sterilität – und weniger die Lagerdauer.

Hilfe
 Das Klinikum Stuttgart empfiehlt für die Erdbebenopfer in der Türkei und in Syrien statt Sachspenden die finanzielle Unterstützung der Hilfsorganisationen.