Erfinderinnen aus Böhmenkirch Mit Wissenschaft gegen den Professor

Von Lena Hummel 

Teresa und Michelle Jahn haben ein halbes Jahr lang alle zwei Wochen den Böhmenkircher Kindergarten besucht. Die eine hat gespielt, die andere beobachtet. Entstanden ist ein Brettspiel, mit dem die Schülerinnen „Jugend forscht“ gewonnen haben.

Michelle Jahn (links) und ihre Schwester Teresa brennen für Mathe und Naturwissenschaften. Mit ihrem Spiel wollen sie ihr Interesse an die ganz Kleinen weitergeben. Foto: Lena Hummel
Michelle Jahn (links) und ihre Schwester Teresa brennen für Mathe und Naturwissenschaften. Mit ihrem Spiel wollen sie ihr Interesse an die ganz Kleinen weitergeben. Foto: Lena Hummel

Böhmenkirch - Wenn die ganze Familie in den Weihnachtsferien zusammenkommt, darf eine Sache in vielen Kreisen nicht fehlen: Gesellschaftsspiele. Mensch ärgere Dich nicht, Kniffel und Monopoly sind nur wenige von vielen Spielen, die in der freien Zeit bei vielen auf den Tisch kommen. Professor Minate ist dagegen noch den Wenigsten ein Begriff. Die Schwestern Teresa und Michelle Jahn aus Böhmenkirch haben das Brettspiel erfunden und dafür eine Menge Feldforschung in einem Kindergarten geleistet. Auf dem Markt ist es trotzdem noch nicht. „Wir sind noch auf der Suche nach einem Hersteller“, sagt die 16-jährige Teresa.

Tatsächlich waren es nicht kommerzielle Gründe, die die Jahn-Schwestern dazu angespornt hatten, das Spiel zu erfinden. Stattdessen haben sie das Brettspiel im Rahmen ihrer Teilnahme bei dem Wettbewerb „Jugend forscht“ entwickelt. Mit Erfolg, wie sich Anfang dieses Jahres herausstellte. Die jungen Frauen aus Böhmenkirch haben den ersten Preis im Regionalwettbewerb in der Kategorie „Arbeitswelt“ gewonnen und wurden außerdem mit dem Sonderpreis für interdisziplinäre Projekte ausgezeichnet.

Das Spiel erzählt eine Rahmengeschichte

Das Spiel, das sich an Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren richtet, erzählt die Geschichte eines Dorfs namens Duftikus. In der Nähe lebt Professor Minate. Die Dorfbewohner halten ihn für einen komischen Kauz. Vor seiner Haustüre stehen komische Dinge, immer wieder knallt und stinkt es. Deshalb wollen die Dorfbewohner nicht, dass der Professor zum jährlichen Sommerfest kommt. Um ihren Willen durchzusetzen, müssen sie gemeinsam gegen den Professor spielen – und gewinnen. Beantworten sie die Fragen richtig, führen sie die Aufgaben korrekt aus und gelingen die Experimente, bleibt der Professor fern. Machen sie Fehler, kommt der Professor zum Fest.

„Wir versuchen mit dem Spiel, alle MINT-Fächer abzudecken, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik“, erklärt die 18-jährige Michelle Jahn. Insbesondere für die Fächer Chemie und Physik sei das Interesse vieler Schüler gering. Michelle Jahn hat dafür eine mögliche Erklärung: „Man fängt erst in der 7. oder 8. Klasse mit diesen Fächern an, man macht viel Theorie und wenige Versuche, und dann ist man auch noch in der Pubertät. Da ist die Lust einfach nicht sehr groß.“ Teresa Jahn glaubt, dass Jugendliche anders in den Unterricht gehen würden, wenn sie schon im Kindesalter mit den Themen konfrontiert würden – und hat deshalb mit ihrer Schwester das Spiel entwickelt.

Versuche sind die Höhepunkte

Der Ablauf ist simpel. Drei bis sechs Personen können an dem Teamspiel gegen den Professor teilnehmen. „Es sollte aber immer ein Spielleiter dabei sein, der schon lesen kann“, sagen die Schwestern. Die Mitspieler würden nacheinander auf das entsprechende Feld vorrücken und eine Karte ziehen. „Welches Lebensmittel schenkt uns die Kuh?“, heißt es beispielsweise auf einer Fragekarte. „Hüpfe wie ein Frosch“, lautet die Anleitung auf einer Aktionskarte. Wird die Frage falsch beantwortet, können sich die Mitspieler gegenseitig aus der Patsche helfen. Nur wenn alle falsch liegen oder keine Antwort parat haben, klettert Professor Minate auf einem separaten Spielfeld eine Sprosse in Richtung Baumwipfel.

Zieht ein Kind eine Aktionskarte, sind von vornherein alle Kinder gefragt. „Weil sie sich nicht so lange konzentrieren und still sitzen können“, begründet Michelle Jahn diese Regel. Die eigentlichen Höhepunkte auf dem Spielfeld sind aber die Sterne. Landet ein Spieler auf einem dieser Felder, steht ein experimenteller Versuch an. „Für die Versuche braucht man nur alltägliche Dinge, die man günstig in jedem Laden kaufen kann“, sagt Teresa Jahn. Auch den Kindern im katholischen Kindergarten St. Hippolyt in Böhmenkirch haben die Versuche am Besten gefallen.

Auch Teamgeist wird geschult

Ein halbes Jahr lang haben die Jahn-Schwestern ihren früheren Kindergarten alle zwei Wochen besucht. Michelle hat mit den Kindern das Spiel gespielt, Teresa hat beobachtet. Wie lange bleiben sie still sitzen? Wie groß ist ihr Interesse während der Versuche? Wie oft spielen sie mit ihren Haaren oder starren in die Luft? Und wie oft benutzen sie Schimpfwörter und beleidigen andere? All das haben die Schwestern dokumentiert und auf Basis dieser Beobachtungen ihr Spiel optimiert. So hatte sich beispielsweise gezeigt, dass der Konkurrenzkampf zwischen den Kindern zu groß war, wenn die Kinder gegeneinander spielten. Deshalb haben sich die Schwestern entschieden, alle zusammen gegen Professor Minate spielen zu lassen.

Neben den MINT-Fächern ist den Schülerinnen eine andere Sache besonders wichtig: das Sozialverhalten der Kinder. Beleidigt ein Kind einen Mitspieler, darf der Gegner zwei Sprossen auf seiner Leiter hochsteigen, kommt es zu körperlicher Gewalt, klettert er drei Stufen nach oben. Im Falle einer Entschuldigung, wird der Professor in beiden Fällen wieder ein Feld zurückgesetzt. Trotzdem macht die Einsicht das vorige Fehlverhalten nicht gänzlich wett – zumindest auf dem Spielbrett. „Durch diese Regel lernen die Kinder auch etwas über Werte“, sagt Michelle Jahn.

Es gibt nur zwei Exemplare

Für die optische Gestaltung des Spiels war Teresa Jahn alleine zuständig. Sie hat die tristen Spielfiguren in Tiere verwandelt, sie hat die Würfel gestaltet und das Spielfeld bemalt. Neben der Gartenseite, auf der die Dorfbewohner zu Hause sind, kann auch im Weltraum gespielt werden. Auch die Rahmengeschichte ist dann eine andere. Wie lange die Schülerin für all das gebraucht hat, kann sie nicht mehr genau sagen. „Aber mehrere Tage“, schätzt sie. „Also wenn man die komplette Arbeitszeit ohne Unterbrechung aneinanderreihen würde“, stellt sie klar. Kein Wunder also, dass es bisher nur zwei Exemplare des Spiels gibt – eines für die Schwestern und eines für den Kindergarten St. Hippolyt. Doch wer weiß, falls Teresa und Michelle bald einen Hersteller finden, steht das Spiel in den nächsten Weihnachtsferien vielleicht unter mehreren Christbäumen.




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