Europa studieren in Ludwigsburg Die Eurofighter

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Schlechte Nachrichten schrecken sie nicht: 22 junge Frauen und Männer wollen für Europa arbeiten. Voller Idealismus haben sie in Ludwigsburg ihr Studium begonnen.

Professor Kies ist begeistert von Ines Steinhauser (roter Pulli), Sarah Alber (rechts daneben) und ihren Kommilitonen. „Da spürt man das Feuer“, sagt er. Foto: Martin Stollberg
Professor Kies ist begeistert von Ines Steinhauser (roter Pulli), Sarah Alber (rechts daneben) und ihren Kommilitonen. „Da spürt man das Feuer“, sagt er. Foto: Martin Stollberg

Ludwigsburg - In diesem Raum könnte sich Angela Merkel wohlfühlen. Er ist quadratisch, keine 40 Quadratmeter groß. Von der Decke leuchten Neonröhren, auf dem Boden liegt ermattet Linoleum. Eine grüne Tafel, ein grauer Folienprojektor, ein paar Landkarten. Das Nötigste. Die weißen Tische bilden ein U, auf den Holzstühlen dahinter sitzen 22 junge Männer und Frauen, die Europa kennenlernen wollen. Sie sagen Sätze wie „Europa hat uns so viel gebracht“ oder „Die Krise macht Europa stärker“. Sätze, die auch Angela Merkel immer wieder sagt, während sie noch gegen Eurobonds und Schuldenschnitt kämpft. Vor den Studenten in dem Raum mit der Nummer 6.109 steht Dieter Kies, Professor für Steuerrecht und Dekan des Studiengangs Europäisches Verwaltungsmanagement in Ludwigsburg. Dieter Kies sagt: „Wer bei Verstand ist, ist Europäer.“ Ein Zitat von Erwin Teufel. Aus einer Zeit, als es noch nicht so schwierig war, das ideale Europa vom realen zu unterscheiden. Doch die 22 Erstsemester im Raum 6.109 haben keine Zweifel. Für sie ist das ideale Europa die Zukunft.

Die Meistereuropäer kommen gut an

Der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg war es, der ihren Studiengang in den 90er Jahren initiiert hat. Erwin Teufel wollte, dass sein Land in Brüssel besser aufgestellt ist. Die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg entwickelte mit ihrem Pendant in Kehl den Masterstudiengang, der die Studenten für gehobene Funktionen in großen Verwaltungen ausbilden soll. „Wir machen Sie europafähig“, verspricht die Hochschule auf ihrer Homepage. Seit 2001 haben rund 200 Meistereuropäer den Studiengang absolviert. Einer von ihnen leitet nun das Büro der baden-württembergischen Kommunen in Brüssel. Einer ist Referent beim Europäischen Gerichtshof. Andere arbeiten für Abgeordnete oder mit den Betrugsbekämpfern der Europäischen Kommission. „Unsere Master spielen in der ersten Liga in Europa mit“, wirbt die Hochschule. Europameister sozusagen.

In Raum 6.109 geht es um Schaschlik. Und um Geld. Auf dem Stundenplan steht Steuerrecht. Zweieinhalb Stunden. Zum Glück hat sich Dieter Kies kurzweilige Beispiele ausgedacht. Etwa das vom Schaschlikverkäufer aus Ludwigsburg. Der Mann mietet von einem Unternehmer in Russland ein Schaschlikbratgerät, um auf dem berühmten Barockweihnachtsmarkt Fleischspieße zu verkaufen. Die Studenten lachen und lernen. Sie finden heraus, dass der Russe für die Vermietung des Bratgeräts Umsatzsteuer zahlen muss. „Wie kommt die Steuer zum Finanzamt?“, fragt ihr Professor, der aussieht, als esse er gerne Schaschlik. Stille. „Wen hätten Sie lieber als Steuerschuldner: den Deutschen oder den Russen?“, hilft ihnen ihr Professor auf die Sprünge. „Den Deutschen“, antworten die Studenten. Da komme man sicherer an das Geld. „Richtig“, sagt ihr Professor und erklärt, dass es aus diesem Grund etwas gibt, was sich Steuerschuldumkehr nennt. Oder auf Europäisch: Reverse Charge. „Unsere Finanzminister sind große Fans von Reverse Charge“, sagt ihr Professor. Die Studenten schreiben eifrig mit. Wieder was gelernt.

Die Studenten müssen hart arbeiten

Ines Steinhauser könnte einen ruhigeren Feierabend haben. Hätte sie die Stelle im Landratsamt angenommen. Doch dann kam die Zusage für den Masterstudiengang, und Ines Steinhauser entschied sich gegen ruhigere Feierabende, gegen Feierabende überhaupt könnte man meinen. An manchen Tagen dauern die Vorlesungen bis acht Uhr abends und halbe Sams­tage. Europäische Gesetzgebungsverfahren, die Geschichte der Integration, interkulturelle Kommunikation, die Feinheiten des Haushaltsverfassungsrechts sind harte Arbeit. Wenn Ines Steinhauser ihren Master hat, möchte sie in Brüssel arbeiten, in einem Abgeordnetenbüro oder einer Landesvertretung.

Die 23-Jährige weiß nicht, wie es war, vor dem Urlaub in Frankreich Geld umzutauschen. Und an Kontrollen vor der Grenze erinnert sie sich vage. Nur daran, dass der Vater plötzlich ganz langsam fuhr und fremde Gesichter ins Auto stierten. Im Frühjahr hat Ines Steinhauser ein Praktikum in Brüssel gemacht, danach einen Englischkurs in Südengland belegt und im Sommer in Frankreich gejobbt. Vor ein paar Wochen war sie mit ihren Kommilitonen in Luxemburg, nächstes Jahr reisen die Erstsemester gemeinsam nach Ungarn. „Das Denken in Nationalstaaten muss aufhören“, sagt Ines Steinhauser. Dann geht der Unterricht weiter. Irgendwann in der Nacht wird sie noch ihr Referat für Europarecht vorbereiten. Thema: der rechtswissenschaftliche Subventionsbegriff.

Mit Schaschlik durch den Steuerdschungel

Die Luft war schon besser in Raum 6.109. Rotbackig lauschen die Studenten Professor Kies. Er spricht von ruhenden Lieferungen, bewegten Lieferungen, Ursprungsländern, Bestimmungsländern, Drittländern. Er spricht von Reihengeschäften im Sinne von Paragraf drei Absatz sechs Nummer fünf Umsatzsteuergesetz und malt Pfeile und Kreise auf die Folie des Tageslichtprojektors. Die Studenten wälzen ihren Steuerschmöker, unterstreichen Passagen mit Leuchtstiften, stöhnen ein bisschen. „Kompliziert?“, fragt Kies. Ja. „Brauchen Sie eine Pause?“ Ja! Vor dem Fenster hängt Nebel, ein paar letzte blasse Blätter klammern sich an die Äste dürrer Bäume. Die Nachrichten in diesen Tagen handeln von neuen Hilfen für Griechenland. Von strengeren Regeln für Ratingagenturen. Von verunsicherten Märkten. Von debattierenden Abgeordneten. Von Problemen und Protesten. Das Übliche.




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