Zum sechzigsten Mal sucht Europa den besten Popsong im Wettbewerb – und Wien nutzt die Chance, sich als unumstrittene Kulturhauptstadt zu präsentieren.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)

Stuttgart - Das Beglückende an der schönen Stadt Wien ist ja, dass sie sich nie besonders herausputzen muss, wenn Gäste kommen. So sitzen ihre bald zwei Millionen Bewohner also dieser Tage gewohnt geruhsam in den Beisln, laben sich an Kalbsbeuschel, Fisolensalat, faschierten Laibchen oder, nun ja, Pferdeleberkäs. Und nehmen auf den ersten Blick nur am Rande wahr, dass in ihrer Heimatstadt gerade noch mehr Touristen als ohnehin auf den Beinen sind, die den Ruhm der Weltmetropole mehren sowie – wie die Zeitung „Österreich“ jubiliert – nebenbei auch noch „eine Bruttowertschöpfung um 38 Millionen Euro lukrieren“.

Eine Winzigkeit hat sich im Stadtbild allerdings doch geändert. An 120 Ampeln zeigen in Wien heuer nicht mehr kleine Männchen den Fußgängern an, ob sie gehen oder stehen sollen, sondern Pärchen weisen nun den Weg: in den Ausführungen hetero, schwul und lesbisch gibt es sie, Händchen haltend und verziert mit leuchtenden Herzchen. Die konservative Opposition im Wiener Rathaus schäumt und fordert erregt, dass die Ampeln wie geplant nach dem Song Contest und der Regenbogenparade im Juni wieder in ihren Urzustand zurückversetzt werden. Die Vizebürgermeisterin der rot-grün regierten Stadt, Maria Vassilakou, hat allerdings prompt entschieden, dass die rot-grünen Pärchen bleiben werden.

„Building Bridges“, das Motto des diesjährigen Song Contests, scheint sich aber auch der deutsche Botschafter in Wien zu Herzen zu nehmen. Detlev Rünger steht am Dienstagmittag beim von ihm gegebenen Empfang vor dem Rednermikrofon in jenen perfekt den kaiserlich-königlichen Glanz widerspiegelnden Wiener Börsensälen (turmhohe Decken, üppiges Ornament, Ölschinken, Kanapees reichende Livrierte, Handküsse hier und dort, grüß Gott Gnädigste, servus Herr Hofrat) und zeigt sich erfreut. Über die „sehr lebendige Diskussion über gleichgeschlechtliche Paare“, die in Österreich seit Conchita Wursts Triumph im vergangenen Jahr in Kopenhagen in Gang gekommen sei, über das Fernsehen, das in sechzig Jahren Grand Prix „so bunt geworden ist, wie es der Eurovision Song Contest nun ist“, bei dem sich „Vielfalt und Toleranz beweisen“.

Thomas Schreiber, der ARD-Unterhaltungskoordinator, schlägt da gerne in die gleiche Kerbe. Er weist – so deutlich wie nobel – darauf hin, dass die Ukraine in diesem Jahr wegen der „Annexion der Krim durch die russische Föderation“ nicht teilnehme, auf die finnischen Teilnehmer mit dem Down-Syndrom, erwähnt die im Rollstuhl sitzende polnische Teilnehmerin und erinnert daran, dass Conchita Wurst 2014 die fettesten Wertungen auch aus katholisch geprägten sowie postkommunistischen Ländern eingefahren habe.

Der Geist von Udo Jürgens schwebt über der Fanmeile

All das mag der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer nur unterstreichen. Dass doch, vom Kalten Krieg bis zum hier und heute, keine Stadt geeigneter für das Motto „Building Bridges“ wäre als Wien, die Heimstatt so vieler internationaler Organisationen, fügt er noch hinzu. Und da auch er aus sehr nachvollziehbaren Gründen wenigstens für ein paar Pünktchen für die diesjährigen österreichischen Starter The Makemakes werben muss, erwähnt er beiläufig den Umstand, dass Udo Jürgens bei allen seiner drei Teilnahmen nur einen einzigen Punkt aus Deutschland erhalten habe.

Der große Udo Jürgens, sein Geist schwebt natürlich auch über der Fanmeile. Vis-à-vis der Trutzburg der deutschsprachigen Hochkultur, dem zwar finanziell auf die schiefe Bahn geratenen aber nach wie vor mächtig prächtigen Burgtheater, hat die Stadt vor dem Rathaus ihr „Eurovision Village“ errichtet. An dem schwer repräsentativen Bau flattern neben Stadt- und Landesbannern auch zwei Regenbogenfahnen, auf der Bühne darunter nehmen am Mittwochabend der Sohn des Hochverehrten, John Jürgens, Udos Bandleader Pepe Lienhard und andere langjährige Weggefährten ein halbes Dutzend posthum verliehener Goldener Schallplatten entgegen. Glasige Augen hier und dort, wahrlich nicht nur wegen des Nieselregens. „Unterhaltung hat immer auch etwas mit Haltung zu tun“, hat Udo Jürgens gesagt, der nun in Wien seine letzte Ruhestätte finden wird.

Englisch ist out, Songs im Heimatidiom sind en vogue

Felix Austria begrüßt auch den Australier. Guy Sebastian besteht auf der Showbühne vor dem Rathaus darauf, live zu singen und zu spielen. Der in Malaysia geborene und von vier dunkelhäutigen Sängern begleitete Musiker schnallt sich eine Akustikgitarre um und untermauert nicht zuletzt mit einer fabelhaften Variante seines Beitrags „Tonight again“, warum er, wenn’s auf der Welt gerecht zuginge, an diesem Samstagabend zweifelsohne als Sieger die ganz große Bühne in der Wiener Stadthalle verlassen müsste. Aber lassen wir das lieber, der Autor dieser Zeilen hat sich angesichts seines in vielen Jahren unter Beweis gestellten grandiosen ESC-Fehlprognosentalents doch längst ein Schweigegelübde auferlegt.

Sieben der vierzig Starter sind – von den englischsprachigen Nationen natürlich abgesehen – in diesem Jahr in ihrer Heimatsprache an den Start gegangen. Völlig überraschend findet sich darunter auch die französische Teilnehmerin Lisa Angell, die ebenfalls ein kleines Stelldichein auf der Bespaßungsbühne bietet. „If I sing English, anybody cannot understand me“ rechtfertigt sie diese nicht unbegründet gepflegte frankofone Tradition. Toleranz wird eben großgeschrieben, auch auf der rechten Bühnenseite im „Eurovision Village“, an der – schon mal sehr fein – der Slogan „Freiheit wächst wo Regeln brechen“ appliziert ist, an deren linken, wo – noch schöner – die Stadt Wien als „Heimat großer Töchtersöhne“ für sich wirbt, und, in jeder Hinsicht bedenkenswürdig, in Versalien über die große Bühne gestanzt worden ist: „Akzeptanz ist eine Tochter der Freiheit“.

Ann Sophie ist wieder bei Stimme

Conchita Wurst hat die Haare schön, als sie am Donnerstagmittag vor etwa fünfhundert Journalisten eine kleine Pressekonferenz gibt. Verblüffend, weil es doch eher wenig zu verkünden gibt. Eine neue Frisur (fesches Madl, würden ihre Landsleute sagen), ein neues Album (am letzten Freitag erschienen), eine Reise jüngst nach Australien („ich war noch nie so weit von zuhause weg“), noch keine Memoiren („ich bin doch erst 26 Jahre alt“) und erst recht keine Vorhersage („Ich habe einen Favoriten, aber ich verrate ihn nicht“). Immerhin liefert Thomas Neuwirth mit weicher Stimme und den Worten „Ich muss das nicht machen, ich will das machen und meine Message verbreiten“ ein aufrichtiges Bekenntnis über das Spiel mit den Geschlechterrollen ab, und dann schenkt er beziehungsweise sie uns noch eine Lebensweisheit, die keinem wurst sein sollte: „Ich habe mich dafür entschieden, nicht an die miesen, sondern an die schönen Dinge des Lebens zu glauben.“

Aber da die Welt nicht nur bunt, sondern zugleich klein ist, treffen wir am Donnerstagnachmittag Tante Gabi, die Wienerin sowie praktischerweise dortselbst auch noch Fremdenführerin ist. Wir schlendern vom Stephansdom auf verwinkelten Wegen zur Staatsoper, und eh du dich versiehst, stehen wir vor Anna Netrebkos Dachgeschosswohnung am Franziskanerplatz. Eine Ecke weiter liegt das Haus, wo Mozart über seinem eigenen Requiem verschied. Entlang am Café Frauenhuber, dem ältesten Kaffeehaus Wiens, in dem einst Beethoven mit Frühstückskonzerten den Gästelärm übertönte. Sowie dem Haus, in dem links Chopin und rechts Haydn wohnten. Die Zeit (ver)fliegt, die Erkenntnis bleibt, dass viel bleiben wird, auch wenn der Songcontest längst weitergezogen sein wird.

Wohin? Jedenfalls nicht nach Prag, da die baden-württembergischen Teilnehmerin Marta Jandova, bekannt als Sängerin der Band Die Happy aus Ulm, für Tschechien an den Start gegangen ist – und trotz der felsenfesten Überzeugung, sie sicher an diesem Samstag wiederzusehen, im zweiten Halbfinale eine der sieben Nieten zog, weswegen der Autor für jetzt und immerdar nun wirklich jeder Prognose abschwören wird. Auch in Lissabon wird der ESC im kommenden Jahr nicht über die Bühne gehen, weil die Portugiesen einer lieb gewonnenen Tradition treu bleiben und auch im 48. Jahr ihrer Teilnahme nicht gewonnen haben werden, da sie ebenso wie der unverdrossene Ralph Siegel mit seinem lauen Beitrag „Chain of Light“ für San Marino die Herzen nicht erleuchten konnte.

„Unsere“ Ann Sophie, die am Mittwochabend noch einen Auftritt im Eurovision Village absagen musste, lag da erkältungsbedingt offenbar artig im Bett. Bei der ersten der drei Generalproben am Freitagnachmittag, die verblüffenderweise vor Publikum stattfand, war sie auf jeden Fall wieder bei Stimme. Freundlichen Beifall hat sie auch bekommen, allerdings nicht in jener Orkanstärke, die auf zwei andere Teilnehmer niederprasselte. Aber wir enthalten uns ja bekanntlich einer Prognose.

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