Eurovision Song Contest 2015 Conchita lässt Austria Brücken bauen

Groß, größer, am größten: 43 Meter ist die Bühne in der Wiener Stadthalle breit – hier beim zweiten Halbfinale. Foto: Andres Putting
Groß, größer, am größten: 43 Meter ist die Bühne in der Wiener Stadthalle breit – hier beim zweiten Halbfinale. Foto: Andres Putting

Zum sechzigsten Mal sucht Europa den besten Popsong im Wettbewerb – und Wien nutzt die Chance, sich als unumstrittene Kulturhauptstadt zu präsentieren.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)
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Stuttgart - Das Beglückende an der schönen Stadt Wien ist ja, dass sie sich nie besonders herausputzen muss, wenn Gäste kommen. So sitzen ihre bald zwei Millionen Bewohner also dieser Tage gewohnt geruhsam in den Beisln, laben sich an Kalbsbeuschel, Fisolensalat, faschierten Laibchen oder, nun ja, Pferdeleberkäs. Und nehmen auf den ersten Blick nur am Rande wahr, dass in ihrer Heimatstadt gerade noch mehr Touristen als ohnehin auf den Beinen sind, die den Ruhm der Weltmetropole mehren sowie – wie die Zeitung „Österreich“ jubiliert – nebenbei auch noch „eine Bruttowertschöpfung um 38 Millionen Euro lukrieren“.

Eine Winzigkeit hat sich im Stadtbild allerdings doch geändert. An 120 Ampeln zeigen in Wien heuer nicht mehr kleine Männchen den Fußgängern an, ob sie gehen oder stehen sollen, sondern Pärchen weisen nun den Weg: in den Ausführungen hetero, schwul und lesbisch gibt es sie, Händchen haltend und verziert mit leuchtenden Herzchen. Die konservative Opposition im Wiener Rathaus schäumt und fordert erregt, dass die Ampeln wie geplant nach dem Song Contest und der Regenbogenparade im Juni wieder in ihren Urzustand zurückversetzt werden. Die Vizebürgermeisterin der rot-grün regierten Stadt, Maria Vassilakou, hat allerdings prompt entschieden, dass die rot-grünen Pärchen bleiben werden.

„Building Bridges“, das Motto des diesjährigen Song Contests, scheint sich aber auch der deutsche Botschafter in Wien zu Herzen zu nehmen. Detlev Rünger steht am Dienstagmittag beim von ihm gegebenen Empfang vor dem Rednermikrofon in jenen perfekt den kaiserlich-königlichen Glanz widerspiegelnden Wiener Börsensälen (turmhohe Decken, üppiges Ornament, Ölschinken, Kanapees reichende Livrierte, Handküsse hier und dort, grüß Gott Gnädigste, servus Herr Hofrat) und zeigt sich erfreut. Über die „sehr lebendige Diskussion über gleichgeschlechtliche Paare“, die in Österreich seit Conchita Wursts Triumph im vergangenen Jahr in Kopenhagen in Gang gekommen sei, über das Fernsehen, das in sechzig Jahren Grand Prix „so bunt geworden ist, wie es der Eurovision Song Contest nun ist“, bei dem sich „Vielfalt und Toleranz beweisen“.

Thomas Schreiber, der ARD-Unterhaltungskoordinator, schlägt da gerne in die gleiche Kerbe. Er weist – so deutlich wie nobel – darauf hin, dass die Ukraine in diesem Jahr wegen der „Annexion der Krim durch die russische Föderation“ nicht teilnehme, auf die finnischen Teilnehmer mit dem Down-Syndrom, erwähnt die im Rollstuhl sitzende polnische Teilnehmerin und erinnert daran, dass Conchita Wurst 2014 die fettesten Wertungen auch aus katholisch geprägten sowie postkommunistischen Ländern eingefahren habe.

Der Geist von Udo Jürgens schwebt über der Fanmeile

All das mag der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer nur unterstreichen. Dass doch, vom Kalten Krieg bis zum hier und heute, keine Stadt geeigneter für das Motto „Building Bridges“ wäre als Wien, die Heimstatt so vieler internationaler Organisationen, fügt er noch hinzu. Und da auch er aus sehr nachvollziehbaren Gründen wenigstens für ein paar Pünktchen für die diesjährigen österreichischen Starter The Makemakes werben muss, erwähnt er beiläufig den Umstand, dass Udo Jürgens bei allen seiner drei Teilnahmen nur einen einzigen Punkt aus Deutschland erhalten habe.

Der große Udo Jürgens, sein Geist schwebt natürlich auch über der Fanmeile. Vis-à-vis der Trutzburg der deutschsprachigen Hochkultur, dem zwar finanziell auf die schiefe Bahn geratenen aber nach wie vor mächtig prächtigen Burgtheater, hat die Stadt vor dem Rathaus ihr „Eurovision Village“ errichtet. An dem schwer repräsentativen Bau flattern neben Stadt- und Landesbannern auch zwei Regenbogenfahnen, auf der Bühne darunter nehmen am Mittwochabend der Sohn des Hochverehrten, John Jürgens, Udos Bandleader Pepe Lienhard und andere langjährige Weggefährten ein halbes Dutzend posthum verliehener Goldener Schallplatten entgegen. Glasige Augen hier und dort, wahrlich nicht nur wegen des Nieselregens. „Unterhaltung hat immer auch etwas mit Haltung zu tun“, hat Udo Jürgens gesagt, der nun in Wien seine letzte Ruhestätte finden wird.




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