Fachgeschäfte in Stuttgart-Sillenbuch Worin kleine Händler besser sind

Von Caroline Holowiecki 

Vieles, was in Fachgeschäften vor Ort angeboten wird, gibt es auch im Supermarkt oder Internet. Wie behaupten sich die Inhaber? Ein Streifzug durch Stuttgart-Sillenbuch.

Inge Haag in ihrer Boutique, in der sie deutlich macht, was Onlinehändler nicht leisten können – und sie hingegen schon. Foto: Caroline Holowiec/ki
Inge Haag in ihrer Boutique, in der sie deutlich macht, was Onlinehändler nicht leisten können – und sie hingegen schon. Foto: Caroline Holowiec/ki

Sillenbuch - Angelique Dubiel hebt Praline für Praline ins Tütchen und mischt Gebäck drunter. Am Schluss kommt eine Schleife dran. 30 Mischungen hat jemand bestellt, und die stellt die 69-Jährige händisch in der Confiserie zusammen, die ihren Vornamen trägt.

Im nostalgisch anmutenden Lädle an der Kirchheimer Straße in Sillenbuch gibt es ihn noch, den persönlichen Service, von dem so viele sagen, dass er zunehmend verloren geht. Dietmar Dubiel zeigt ein Schokosträußchen, „alle selbst gemacht“. Sind das die Kassenschlager? Er wird wortkarg. „Es wird immer mehr im Supermarkt und im Internet gekauft“, sagt er. „Gebührenfrei“, schiebt seine Frau nach. Mancher Kunde komme nur, wenn er in der Stadt etwas vergessen habe. Oder wenn Onlinehändler im Sommer nichts verschickten. Dietmar Dubiel sagt: „Es geht gerade noch, aber es geht nur noch runter.“

„Die sagen immer: Wir hoffen, dass es Sie noch lange gibt“

In Sillenbuch gibt es viele kleine Geschäfte – etliche seit Jahrzehnten. Schuhe Duffner etwa gibt es seit 1954 am Ort, die Apotheke Dr. Höss wurde 1949 aufgemacht. Die Stammkundschaft ist im einwohnermäßig ältesten Bezirk mit den Inhabern gealtert, weiß Dietmar Dubiel (67). Auch zu Maria Bühler ins kleine Elektrogeschäft kommen überwiegend Senioren. Die Inhaberin, die den Laden samt Elektroinstallationsbetrieb 1991 mit ihrem Mann übernommen hat, kennt jeden beim Namen. Mixer, Bügeleisen, Staubsauger: Alles ist ausgewählt. Statt 30 Varianten und viel Verwirrung gibt es zwei Ausführungen und eine intensive Beratung. Senioren, etwa aus dem Augustinum, kommt das entgegen. „Sehr viele sagen, sie möchten nicht mehr in die Stadt fahren.“ Bei Bedarf wird vor dem Haus mit den Stufen bedient, Batterien fürs Hörgerät werden prompt gewechselt. „Die sagen immer: Wir hoffen, dass es Sie noch lange gibt“, sagt Maria Bühler.

Beziehungen als Nische. Auch an der Kasse von Andreas Seegers Getränkelädle bleiben Kunden bisweilen etwas länger stehen. „Das ist schon mehr als einkaufen“, sagt der 55-Jährige. Er führt abseits der Einkaufsstraße den Laden, den sein Vater 1973 eröffnet hat, und so sieht es drinnen auch aus. „Retro ist ja wieder in“, sagt er und lacht dabei.

„Wenn man beharrlich ist, ist man präsent“

Positioniert hat sich Andreas Seeger mit Waren kleiner Produzenten, die es anderswo selten gibt, außerdem mit einem Bringdienst. Kleine Läden seien gezwungen, sich mit dem hervorzutun, „was die großen Ketten nicht bieten wollen oder können“. Stefan Hertel, der Sprecher des Handelsverbandes in Deutschland, bestätigt das. Behaupten könne sich der Fachhandel nur, indem er „seine Besonderheiten hervorhebt und mit seinen Pfunden wuchert“, sagt er.

Inge Haag hat genau das perfektioniert. Ihre Boutique, in der sie seit 22 Jahren Oberbekleidung, Wäsche und Strümpfe anbietet, ist so kreativ geschmückt wie sie selbst. Es duftet nach Vanille und klingt nach Weihnachten. Individuelle Feierabendtermine gehören ebenso zu ihrem Service wie Hausbesuche. „Wenn man beharrlich ist, ist man präsent“, sagt sie. Ihre Stammkundschaft honoriere das. Inge Haag lobt die Sillenbucher dafür, dass sie die Fachgeschäfte vor Ort schätzen und nutzen. Sie betont: „Letztlich formt der Verbraucher sein Umfeld.“

Trotz der noch verhältnismäßig gesunden Struktur in Sillenbuch, „die Konkurrenz spürt man gewaltig“, sagt Maria Bühler. Sie ärgere sich, wenn Kunden sich bei ihr beraten ließen und dann online bestellten. „Überall verschwinden die kleinen Läden, weil der Druck der Ketten da ist. Das spüren alle“, stellt Andreas Seeger klar. „Wir kämpfen Tag für Tag ums Überleben“, sagt er. Jetzt kommen neue Probleme auf ihn zu. Sein Mitarbeiter hört auf – Rückenprobleme. Ein Nachfolger, der die anstrengende Arbeit machen will, ist nicht in Sicht. „Ich bin verzweifelt auf der Suche.“

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