Familie Chili für die Herzen

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Das Adoptivkind Sandra Kecker hat vergangenes Jahr im indischen Bangalore ihren leiblichen Bruder gefunden. Jetzt ist Ravi zu Besuch in Leinfelden.

Endlich vereint Foto: Gottfried Stoppel
Endlich vereint Foto: Gottfried Stoppel

Leinfelden/Marbach/Bangalore - In drei Wochen kehren Ravi und seine Frau Anusha in den Slum von Bangalore zurück. Er schuftet trotz seiner Rückenschmerzen wieder für ein paar Rupien als Maler. Sie kümmert sich um Heim, Herd, vier Töchter und drei Enkel. Oberflächlich betrachtet wird ihr Leben wie früher sein. Wie in all den Jahren, bevor Sandra aufgetaucht ist.

Als Sandra noch Sharda gerufen wurde, gehörte sie zu den Tausenden Bettelkindern von Bangalore. 1984 starben ihre Eltern, der Vater an Polio, die Mutter an Malaria. Die Vierjährige kam in ein Waisenhaus und wurde zur Adoption frei gegeben. Wenige Monate später gaben ihr Lore und Siegfried Roth einen neuen Namen und eine neue Heimat. Fortan wuchs Sandra wohlbehütet in Marbach am Neckar auf. Als sie sich einen Bruder wünschte, wurde das Ehepaar Roth abermals in Indien fündig: Daniel, der bis dahin Probyn hieß, vervollständigt die kunterbunte Familie.

Wären Sandra und Daniel keine Adoptivkinder, könnte man meinen: Sie kommt ganz nach ihrem Vater, dem Marbacher Feuerwehrkommandanten Siegfried Roth. Lebensfroh, kontaktfreudig, mutig. Er gleicht charakterlich eher der Mutter. Empfindsam, beherrscht, zaghaft. „I bin a Schwoab“, sagt Daniel lediglich, wenn er auf seine indische Vorgeschichte angesprochen wird, die komplett im Dunkeln liegt. Sandra weiß hingegen, dass in Bangalore leibliche Geschwister existieren. Sie beginnt, nach ihren Wurzeln zu graben.

Mit Anfang 20 macht sie sich auf die Suche nach der zweiten Identität, doch ihre dreiwöchige Forschungsreise in die Vergangenheit endet ergebnislos im indischen Chaos. Daheim holt sie ihr rastloses Leben ein: Heirat mit dem Betriebswirt Marco Kecker, Geburt der Tochter Vinja, Umzug nach Leinfelden, Sohn Leon kommt zur Welt. Erst im Sommer 2012, die Kinder sind inzwischen aus dem Gröbsten heraus, unternimmt Sandra Kecker einen zweiten Anlauf, um ihrem indischen Ich näherzukommen. Der Recherchetrip endet mit der traurigen Erkenntnis, dass drei ihrer vier leiblichen Geschwister tot sind. Doch wenige Tage vor der Abreise erfährt sie: Ravi lebt! Nach einer jahrelangen Suche schließt Sandra Kecker am 8. August ihren ältesten Bruder in die Arme. Fünfzehn Stunden des gemeinsamen Glücks bleiben ihnen, dann muss sie den Heimweg antreten.

Der John-Travolta aus Bangalore

Neun Monate später gibt Sandra Kecker in der Marbacher Stadthalle ein Freudenfest. „Ravi kommt nach Deutschland!“ steht auf den Einladungen. Das frisch vereinte Geschwisterpaar hat den vordersten Tisch für sich reserviert. Er trägt einen glänzenden Anzug wie John Travolta in „Saturday Night Fever“, sie eine knallrote Robe wie Julia Roberts bei einer Oscargala. Rechts neben Ravi sitzt seine Ehefrau ­Anusha, links neben Sandra ihr Gatte Marco. Den Kreis schließt Matu, die eigentlich Patientin des Arztes ist, bei welchem Sandra Kecker angestellt ist. An diesem Nachmittag fungiert die junge Frau aus Sri Lanka als Schwäbisch-Tamil-Dolmetscherin: Ravi beherrscht nur wenige Brocken Englisch, er ist auf Zeichensprache und Matu angewiesen, wenn er sich mit den Gästen verständigen will. „Do you like Germany?“, fragt jemand. Ravi nickt.

Im Saal geht es sehr deutsch zu: Bohnerwachsboden, Tischdecken, Filterkaffee, Kondensmilch, Kuchenbüfett. Die holzvertäfelte Wand zieren geflügelte Schiller-Worte „Sehn wir doch das Große aller Zeiten/Auf den Brettern, die die Welt bedeuten/Sinnvoll still an uns vorübergehn.“

Sandra Kecker hält eine kurze Begrüßungsrede: Ihr Bruder Ravi ist etwa 50 Jahre alt, so ganz genau weiß er das selbst nicht. Am 13. April ist er mit Anusha in Stuttgart gelandet, am 8. Juli fliegen sie zurück nach Bangalore. Die Reise hat ihnen selbstverständlich die Familie Kecker spendiert. Weil die indischen Gäste zurzeit jedoch kein Geld verdienen können, steht auf dem Tisch an der Fensterfront eine Spendendose, in die man ein paar Euro schmeißen kann.

Nicht einmal einen Tag haben Sandra und Ravi zuvor miteinander verbracht, nun sitzen sie zu sechst – die beiden Paare und die zwei Kecker-Kinder – ein Vierteljahr lang in einer Hundertquadratmeterwohnung in Leinfelden. Kann das gutgehen? Die kulturellen Unterschiede zwischen Bangalore und Württemberg sind beträchtlich, und zwischen der dravidischen Sprache Tamil und dem Germanischen gibt es überhaupt keine Verbindung. „Ehrlich gesagt, hatte ich ernsthafte Bedenken, ob wir miteinander klarkommen“, sagt Marco Kecker. „Aber der Umgang mit Ravi und Anusha hat sich als total unkompliziert herausgestellt Die beiden sind extrem anpassungsfähig, sie machen alles mit, was wir ihnen anbieten.“

Ravi und Anusha freuen sich, wenn ihnen das Siebenmühlental, die Wilhelma oder Heidelberg gezeigt werden, sie sitzen aber auch gerne stundenlang auf dem Sofa und schauen drei Bollywoodfilme hintereinander. Das schwäbische Essen passen sie mit Chilipulver ihrem Reizempfinden an. Nur bei Ikea lassen sie eine Mahlzeit stehen, der lasche Schwedenschmaus erweist sich als inkompatibel mit indischen Geschmacksnerven. In Sandras Küche demonstriert Anusha regelmäßig, was die südasiatische Kochkunst auszeichnet, während Ravi freiwillig zum Staubsauger greift. „Zwischen uns herrscht vollkommene Harmonie“, schwärmt Marco Kecker.