Familienurlaub Wandern mit dem faulen Stadtkind – kann das gut gehen?

Von Anja Wasserbäch 

Der Berg ruft, doch das Kind will nicht hören. Wandern mit dem faulen Stadtkind - kann das gut gehen? Überraschenderweise ja, und die Eltern verlieben sich in den morbiden Charme von Bad Gastein. Eine Win-win-Situation.

Und nun? Kühe auf dem Weg runter von der Amoseralm Foto: Steffen Schmid 18 Bilder
Und nun? Kühe auf dem Weg runter von der Amoseralm Foto: Steffen Schmid

Bad Gastein - 958 Schritte sind es jeden Morgen in den Kindergarten. 958 Schritte zu viel für die Vierjährige, der immer wieder eine Ausrede einfällt, warum man doch besser das Laufrad, das Fahrrad, den Kinderwagen nehmen soll. Oder am besten gleich: „Tragen!“ Und mit diesem Kind soll man in die Berge? Immerhin: Das Kind spricht immer von den „Zauberbergen“ und stellt sich vor, dass die Eiskönigin Elsa da oben auf den Schneegipfeln wohnt.

Hans Naglmayer, Jahrgang 1955, kennt sich aus mit den Bergen. Er ist seit mehr als 20 Jahren Naturpark-Ranger in Gastein. Er kennt nicht nur jede Pflanze, jeden Vogel, sondern auch jede Menge Leute hier. „Habe die Ehre“, sagt er oft bei der Wanderung ab Sportgastein auf 1700 Meter Höhe. Und dann: „Servus, Pfiati.“ Twitter oder Whatsapp braucht er nicht. Eine kinderfreundliche Tour ist das, sie wäre sogar kinderwagentauglich. „Wir sind im Paradies und gehen noch weiter ins Paradies“, sagt Hans Naglmayer zu Beginn. Viel zu entdecken gibt es bei der Wanderung, bei der Hans viel von der Geschichte des Gemeindegebiets Bad Gastein, dem 95 Quadratkilometer großen Nationalparkgebiet, dem Gold- und Silberbergbau und der heilenden Kraft des Thermalwassers erzählt.

Ruhig ist es hier. Sehr ruhig. Die Kühe und Pferde kommen immer im Juni auf die Wiesen, dann hört man die Glocken läuten. Eine Besucherin aus Korea hat den Naglmayer-Hans bei einer Tour mal gefragt, wie man sie aushalten kann, diese Ruhe. Nach zwei Stunden und nicht vielen Kilometern erreicht man die Obere Astenalm. Ein Schaf kommt zur Tür heraus, es gibt ein Trampolin, eine Rutsche und eine Schaukel fürs Kind und ein hervorragendes Jausenbrettl für alle. Win-win.

„Stadtpflanzerl“ entdecken Bad Gastein als ihren „place to be“

Wandern ist im Trend, vor allem bei den jungen Städtern. „Stadtpflanzerl“, nennt sie Evelyn Ikrath. Sie ist eine bezaubernde Gastgeberin, hat das Hotel ihrer Eltern – das Haus Hirt – vor gut 20 Jahren übernommen und mit ihrem Mann, einem Architekten, ein Juwel geschaffen, das der urbanen Klientel gefällt: Bonbonpink ist eine Wand, vor der Bar stehen bequeme Ledersessel, in der Bibliothek hat man einen tollen Blick aufs Gasteiner Tal und Designbildbände in den Regalen. Ikrath weiß, dass es eine Sehnsucht nach dem Land gibt. Und nach den Bergen.

Und die „Stadtpflanzerl“ entdecken Bad Gastein seit ein paar Jahren als ihren „place to be“. Da kommt man verschwitzt vom Wandern vom Graukogel zurück, geht vorbei am Hotel Miramonte, einem schicken Designhotel, auf den Balkonen steht die adrett gekleidete Hochzeits­gesellschaft, während das Brautpaar (sie: zierlich mit Afro, er: Vollbart und Tracht) vor verlassenen Hotels posiert. Eine schönere Kulisse für Hochzeitsfotos gibt es kaum. Und auch keine für einen Urlaub in den Bergen. Friedrich Liechtenstein, den viele aus dem „Supergeil“-Werbespot von Edeka kennen, hat ein ganzes Album dem Ort gewidmet und kommt immer wieder hierher. Die Band Prag – damals noch mit Nora Tschirner – hat hier ein Video gedreht, das beste Tourismuswerbung für den Ort und die Berge drumherum ist.

Ein imposanter Wasserfall tost durch den Ort

Ach, Bad Gastein. Es gibt nicht viel, aber viel zu sehen. Dieser imposante Wasserfall, der mitten durch den Ort tost. Diese Kulisse, die so schön ist, dass man jetzt an einem Stahlseil vorbeischweben kann. Flying Fox von links nach rechts. Hier sieht man die mondänen Häuser, die von einer längst vergangenen Zeit erzählen. Was für ein Charme! Was für ein Elend! Regisseur Wes Anderson hätte hier viel Location-Material. Farbe blättert von den Fensterläden, Putz fällt von den Wänden, Bauzäune stehen um die Hotels im Ort. Auf drei Ebenen ist die Stadt am Hang erbaut. Eigentlich ist es keine Stadt, Bad Gastein hat nur gut 4000 Einwohner. Mittendrin zwischen den verfallenden Belle-Époque-Prachtbauten ist ein Brutalism-Betonbunker hineingequetscht, der einmal Congresscentrum war. Viele Pläne gab es schon dafür, heute steht das Gebäude wie so viele andere leer. Um den Wiener Investor, dem die Häuser gehören und der inzwischen verstorben ist, ranken sich viele Legenden. Auch das macht diesen Ort so anziehend: diese Geschichten.

Und die Sommerfrische, die die Menschen schon früher hierhergelockt hat: Thomas Mann, Stefan Zweig, sie alle waren hier. Fünf Millionen Liter täglich sprudelt radonhaltiges Wasser aus dem Berg, das heilende Kräfte haben soll. Der Ort hat viel Potenzial. Und diese wunderbare Natur drumherum. Zauberberge eben. Das hat sich bis zu einigen „Stadtpflanzerl“ herumgesprochen. Juristen, Kaffeeröster, Immobilienmakler, Hautärzte, Ergotherapeuten verbringen hier ihren Urlaub. Sie kommen aus Berlin, Hamburg, Hannover oder Wien nach Bad Gastein, um, nun ja, abzuschalten. „Dieses Runterkommen geht bei mir hier schneller als am Meer“, sagt Erik Brockholz, der mit Frau, Sohnemann Henri und Schwiegermama aus Hamburg angereist ist. Vor dem Haus Hirt steht eine Armada an Kinderwagen. Schnell macht sich das Kita-Phänomen breit: Da man sich nur die Namen der gut ein Dutzend Kinder merken kann, ist man schnell nur noch „die Mutter von . . .“.

Das Haus Hirt, am Fuße des Graukogels gelegen, ist kein Familienhotel im klassischen Sinne, aber eines, in dem sich Familien sehr wohlfühlen. Und alle anderen auch. Das geht sich aus, würde der Österreicher sagen. Fee, Philipp, Charlotte, Paula, Henri und Henry lassen sich schminken, malen mit Fingerfarben oder grillen Stockbrot am Lagerfeuer mit den Betreuerinnen Elisabeth, Lisa und Sarah. Das Beste: Die Eltern essen. In Ruhe. Zwei Stunden lang. „Das ist wahrer Luxus“, sagt ein Vater. Die Muter nickt und isst und trinkt. Das Kind kommt um 21 Uhr, glücklich, geschminkt wie ein Löwe, die Treppen zum Restaurantbereich hinauf. Win-win, mal wieder.

Wer mit Kindern wandert, muss nicht die Höhen­meter zählen.

Es sind aber auch Menschen ohne Kinder hier, die wissen, dass ein bisschen Geweine am Frühstückstisch auch dazugehört, dass aber der Spabereich von 18 Uhr an nicht mehr von den Kleinen genutzt wird. Und dass man hier mehr als 100 Kilometer Wanderwege vor der Tür hat: von einfach bis hochalpin. Dass jeden Tag Vorschläge für Touren mit oder ohne Guide gemacht werden, dass man hier E-Bikes leihen kann, dass man aber auch mal faul im Spa bleiben kann. Und dass es jeden Tag geführte Touren gibt – für Bergfexe und für Familien. An einem Tag geht es zum Goldgräberbach ins Angertal. Kinderbetreuerin Elisabeth Inhöger (23), eine gebürtige Gasteinerin, geht mit Ella, Emil und Charlotte durch den Wald. Sie kommen an ein kleines Häuschen. „Wohnt hier der Wolf mit den sieben Geißlein?“ Eines ist klar: Wer mit Kindern wandert, muss nicht die Höhen­meter zählen. Der olle Spruch von wegen der Weg ist das Ziel ist selten treffender. Elisabeth weiß: „Für Kinder ist es spannender, wenn man unebene Wege geht, solche mit Steinen und Wurzeln.“ Erstaunlicherweise: Kein Kind mault, manche singen, alle sammeln Steine.

Bergwanderführer Hannes Buckner hat schon erlebt, dass ein Kind kaum mehr gehen konnte, weil die Taschen so schwer mit Steinen beladen waren. Mit ihm geht es hoch an den Palfnersee. Auch für Städter-Erwachsene ohne Gepäck eine fordernde Tour. „Arme Sau“, ruft Guide Hannes dem Vater mit Kraxe und 15-Kilo-Kind darin zu, als jener den Aufstieg geschafft hat. Hier oben liegt noch Schnee. Das Kind zieht sich die Schuhe aus und stapft durchs eiskalte Weiß. Das würde Elsa bestimmt auch so machen.




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