Familienzwist im VW-Clan Wolfgang Porsche will nicht streiten

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Im Aufsichtsrat von Volkswagen herrscht dicke Luft, seitdem der frühere Chefkontrolleur Ferdinand Piëch seinen Cousin Wolfgang Porsche und drei weitere Mitglieder des Gremiums beschuldigt hat, schon früher als bisher bekannt über den Abgasskandal informiert worden zu sein.

Wolfgang Porsche stand bei Volkswagen lange im Schatten seines streitlustigen Cousins Ferdinand Piëch. Das ist nun vorbei. Foto: dpa
Wolfgang Porsche stand bei Volkswagen lange im Schatten seines streitlustigen Cousins Ferdinand Piëch. Das ist nun vorbei. Foto: dpa

Genf - Auf den Abendveranstaltungen des VW-Konzerns vor den großen Automessen war früher stets das gleiche Ritual zu beobachten. Wenn die Premieren der vielen neuen Wagen der vielen Marken des Wolfsburger Konzerns beendet war, und Ferdinand Piëch mit seiner Frau Ursula durch die Halle schlenderte, umringte eine Traube von Journalisten den VW-Patriarchen. Piëch gab eine Audienz, dachte nach jeder Frage lange nach, blickte zu Boden, fixierte dann den Journalisten und sagte sehr leise, ein Wort, einen Halbsatz, einen Satz – manchmal schwer zu verstehen und schwer zu entschlüsseln. Sein Cousin Wolfgang Porsche inspizierte derweil das eine oder andere neue Modell, blickte manchmal kurz neugierig herüber zu Piëch und dessen Entourage.

Am Vorabend des Genfer Autosalons ist alles anders. Dieses Mal bildet sich eine Traube um Wolfgang Porsche. Denn Piëch, der als Aufsichtsratschef längst gestürzt und von der Bildfläche verschwunden ist, hat etwas Ungeheuerliches getan und manch’ einer mutmaßt, dass er Rache üben wollte. Er hat Wolfgang Porsche und drei weitere Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums beschuldigt, schon früher als bisher bekannt über den Abgasskandal informiert worden zu sein. Der „Spiegel“ schrieb, dass der frühere Aufsichtsratschef bei einer Befragung durch die Staatsanwaltschaft Braunschweig im Dezember 2016 ausgesagt habe, die vier Mitglieder des Präsidiums frühzeitig über Hinweise auf den Dieselbetrug informiert zu haben.

Der Aufsichtsrat bezichtigt Ferdinand Piëch der Lüge

Neben Wolfgang Porsche gehören diesem inneren Machtzirkel der niedersächsische Ministerpräsident Stefan Weil, Betriebsratschef Bernd Osterloh und der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber an. Der Aufsichtsrat schoss daraufhin zurück und teilte mit, dass Piëch im Frühjahr 2016 im Rahmen der internen unabhängigen Untersuchung durch die US-Kanzlei Jones Day eine ähnliche Darstellung gegeben habe. Die Aussage sei eingehend und detailliert überprüft worden. Sie sei insgesamt als unglaubwürdig eingestuft worden. Auch hätten sämtliche betroffenen Mitglieder des Aufsichtsrats alle Behauptungen Piëchs klar und deutlich als falsch zurückgewiesen. Damit stehe Ferdinand Piëch als Lügner da.

Wolfgang Porsche ist das Thema sichtlich unangenehm. Er redet nicht gerne über die Familie, die sehr verschwiegen ist und über die Stuttgarter Porsche SE die Mehrheit der Stimmrechte an VW hält. „Die Familie ist manchmal nicht einfach“, sagt Porsche. Piëch selbst hat sich einmal als „einzige Wildsau unter lauter Hausschweinen bezeichnet.“ Piëch der kühle Harte, sollte das heißen, gegen die Weichen des anderen Familienstamms, die auf Waldorf-Schulen erzogenen Porsches.

Porsche stellt sich auf die Seite von Martin Winterkorn

Als wollte Wolfgang Porsche dieses Bild aufgreifen, sagt er: „Ich will deeskalieren, nicht wieder eine neue Sau durchs Dorf treiben.“ Gleichwohl lässt er erkennen, dass er Piëchs Vorgehensweise zutiefst missbilligt. Scharf kritisiert Porsche, wie Piëch seinen langjährigen Weggefährten, den früheren VW-Chef Martin Winterkorn, abgestoßen habe. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, hatte Piëch über den „Spiegel“ mitteilen lassen und damit einen Machtkampf ausgelöst, den Piëch indes verlor. Winterkorn stürzte später über die Wirren des Abgasskandals. So gehe man nicht mit einem Mann um, mit dem man über Jahrzehnte zusammengearbeitet habe, sagt Porsche und fügt hinzu, dass er keinen loyaleren Menschen kenne als Winterkorn.

Zwischen Porsche und Piëch herrscht heute Funkstille. Piëch komme zwar weiter zu den Sitzungen des Aufsichtsrats der Porsche SE, gebe ihm auch die Hand, rede aber nicht mit ihm, sagt Wolfgang Porsche, der Aufsichtsratschef des Stuttgarter Unternehmens ist. Auch zur letzten Sitzung vor einigen Wochen sei der Salzburger gekommen. Seine Frau Ursula habe ihn gefahren. Porsche redet aber auch nicht mit Piëch, auch nicht über dessen Anschuldigungen. Das sei Sache von dessen Bruder Hans-Michel Piëch, meint Porsche. Er will das brisante Thema nicht ansprechen. Piëch müsse den ersten Schritt tun. „Das ist keine Holschuld,“ meint der Kaufmann und fügt hinzu: „Ich warte“.

Auf manche Fragen schweigt Wolfgang Porsche wie ein Grab

Aber kann Piëch angesichts dieses offensichtlichen Zerwürfnisses seinen Platz im Aufsichtsrat der Porsche SE behalten? Muss die Familie, die ja das Sagen hat, den alten Quertreiber endgültig aufs Altenteil schicken? Müssen Sie sich nicht schleunigst zu einer Krisensitzung auf dem österreichischen Schüttgut, dem Stammsitz, treffen, wo neben dem Bauernhaus auch eine kleine Kapelle mit der Familiengruft steht? Da hilft alles Nachbohren nicht. Auf solche Fragen schweigt Wolfgang Porsche wie ein Grab.

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