Fantasy-Filmfest Fiese Monster, grässliche Nachbarn

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Wer das Außergewöhnliche sucht, wird hier fündig: Das Stuttgarter Fantasy-Filmfest, das am Mittwoch im Metropol-Kino beginnt, wartet wieder mit Monstern und Zombies, mit verrätselten Krimis und Endzeitszenarien auf – und kaum einer der Filme kommt je ins reguläre Kinoprogramm.

Horror im Apartment-Haus – eine Szene aus ,,Columbus Circle“. Foto: Filmfest
Horror im Apartment-Haus – eine Szene aus ,,Columbus Circle“. Foto: Filmfest

Stuttgart - Ein Mann wacht auf und stößt an. Nicht, weil er auf der falschen Seite aus dem Bett zu steigen versucht, sondern weil er in eine Art Sarg eingeschlossen worden ist. Wer häufig ins Kino geht oder Glück bei der Auswahl für seine DVD-Abende hat, meint gewiss, dieses Szenario wiederzuerkennen. Ryan Reynolds hat 2010 einen derart Eingezwängten in Rodrigo Cortés’ Thriller „Buried – Lebendig begraben“ gespielt.

Aber wir blicken hier nicht auf „Buried“ zurück, sondern voraus auf „Brake“, auf eines der interessantesten Werke beim diesjährigen Fantasy-Filmfest, das morgen startet und also von diesem Mittwoch bis zum nächsten Mittwoch das Stuttgarter Metropol-Kino mit Horror, Science Fiction, Fantasy, Krimi, Prügelfilmen, asiatischen Schwertkampf-Epen und kühnen Mixturen aus alldem füllen wird.

Hat „Brake“ also schamlos das Konzept von „Buried“ geklaut, hat Regisseur Gabe Torres eifrig studiert, was Cortés vorgelegt hat? Und darf man dem Drehbuchautor Timothy Mannion unterstellen, er habe sich genau angeschaut, was der Autor Chris Sparling für „Buried“ geschrieben hat? Die Antwort lautet schlicht: Ja. Aber das Genrekino heißt ja nicht Genrekino, weil es das Rad neu erfinden will. Es arbeitet mit Mustern, die wir kennen, und unterhält uns mit ihrer effizienten Anwendung, mit unerwarteten Schlenkern und originellen Details. „Buried“ hat sich eine extrem knifflige Aufgabe gestellt. Wie soll man eineinhalb Stunden lang von einem Mann erzählen, der kaum noch Handlungsmöglichkeiten hat? Wie soll die Kamera Bilder finden, wo ihr doch kaum etwas zur Verfügung steht als eine Kiste, in die sie selbst kaum passen würde? „Brake“ – der Film steht am Samstag um 21.30 Uhr sowie am Montag um 23.30 Uhr auf dem Programm – stellt sich dieser Herausforderung mit Begeisterung.

Filme, die den Verstand überlisten wollen

Stephen Dorff („Krieg der Götter“) spielt den Eingesperrten Jeremy, der zunächst fruchtlos an die Wände seines engen Gefängnisses schlägt. Mit der Außenwelt, die er nicht sehen kann, ist er durch ein Funkgerät verbunden, das ihn zunächst mit einem Leidensgenossen verknüpft. Auch der Entführer der beiden meldet sich. Er hält sie für Geheimnisträger, deren Geheimnisse er gerne kennen würde.

„Brake“ ist blühender Unfug, ein Film, der jede Wahrscheinlichkeit hinter sich lässt und immer verwegenere Wendungen präsentiert. Das wird nicht jedermanns Geschmack sein, aber es ist typisch für viele Beiträge des Fantasy-Filmfests. Sie arbeiten fast alle mit der Herausforderung, das eigentlich Verrückte oder gar völlig Dämliche einen halben Abend lang glaubhaft zu halten, sie legen sich mit unserem kritischen Verstand an und wetten, ihn einlullen zu können. „Bei „Brake“ macht es großen Spaß zuzuschauen, wie der Film den aufsteigenden Ärger über den präsentierten Blödsinn durch die Verblüffung über den nächsten immer wieder verscheucht.

Auch George Gallos „Columbus Circle“ (Freitag, 15 Uhr) bedient sich erfolgreich dieser Methode. Selma Blair spielt hier eine menschenscheue Millionenerbin, die eines von zwei Penthouse-Apartments eines vornehmen Hauses bewohnt und nie vor die Tür geht. In der Wohnung gegenüber ziehen neue Nachbarn ein, die ihr Distanzbedürfnis nicht respektieren, und es kommt der Verdacht auf, die Grenzüberschreitungen seien Teil einer koordinierten Psychoattacke. Auch hier verhalten sich vor allem die Polizisten (Giovanni Ribisi, Jason Antoon) immer so, wie es das Drehbuch gerade braucht, also selten professionell. Aber die Lust des Films an Beklemmungssituationen und die verspielte Galligkeit, die nicht an Polizeiprozeduren, sondern am Ausmaß menschlicher Fiesheit interessiert ist, tragen über Logikbrüche hinweg.

Kaum einer der Filme kommt je ins Kino

Trotz des starken Krimianteils hat das Filmfest auch wieder Übernatürliches zu bieten. Überlebenstipps für die Zombie-Apokalypse kann man sich in Matthias Hoenes „Cockney vs. Zombies“ (Samstag, 21.30 Uhr) holen. Werwölfe heulen in der spanischen Komödie „Game of Werewolves“ ( Sonntag, 21.15 Uhr), ein genialer Wissenschaftler bastelt in „Eva“ (übernächsten Mittwoch, 17 Uhr) am Androidenkind, und ein Spukhaus, endlich mal eine Geringverdienerhütte, terrorisiert seine Bewohnerin in „The Pact“ (Montag, 17 Uhr).

Kaum etwas von dem, was das Stuttgarter Fantasy-Filmfest bietet, wird je ins deutsche Kino kommen. Einiges wird auf DVD veröffentlicht werden, bei etlichen Filmen ist aber auch das nicht gewiss. Früher war das mal ein Vorbehalt, den manche gegenüber dem Filmfest hegten. Mittlerweile aber werden die Kinos von enttäuschenden Großproduktionen und lahmem Wohlfühlkitsch, den Feel-Good-Movies, so verstopft, dass die Direktauswertung auf DVD fast schon eine Empfehlung ist. Die Filmfest-Macher haben sich auch eine schöne Sammelbezeichnung für ihre Angebote ausgedacht: Fear-Good-Movies.




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