Farid Bang, Kollegah und der Echo Ehrung mit Beigeschmack

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Die höchst zweifelhaften Rapper Farid Bang und Kollegah gewinnen einen Echo-Musikpreis – und werfen wieder einmal die Frage auf, wie weit künstlerische Freiheit gehen darf.

Kollegah (l.) und Farid Bang lassen die Muskeln spielen. Foto: dpa-Zentralbild
Kollegah (l.) und Farid Bang lassen die Muskeln spielen. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Im Prinzip ist der Sachverhalt so eindeutig wie die daraus zu ziehenden Konsequenzen. Die beiden deutschen Rapper Farid Bang und Kollegah geben sich auf ihrem aktuellen Album nicht nur gewohnt geschmacklos, sondern überschreiten unter anderem mit der Songzeile „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ eine – zumal angesichts der deutschen Geschichte – nicht überschreitbare Grenze. Bei allem Verständnis für Provokation als Stilmittel höre bei Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Rechtsextremismus und Antisemitismus der Spaß auf, kommentierte dies der Tote-Hosen-Sänger Campino am Donnerstagabend auf der Bühne bei der Echo-Verleihung. Somit wären auch die Folgerungen klar: Niemand möchte Musik wie jene von Farid Bang und Kollegah hören, und Preise gewinnen sie damit schon dreimal nicht.

Nun hat sich aber deren im November erschienenes Album „Jung Brutal Gutaussehend 3“ rund zweihunderttausendfach verkauft, dazu kommen Downloadzahlen im zweistelligen Millionenbereich. Bei Amazon rangierte die CD am Freitagnachmittag auf Rang 31 der Bestsellercharts. Eben aufgrund dieser Erfolge zeichnete die deutsche Musikindustrie Farid Bang und Kollegah mit einem Echo aus.

Die zwei Seiten der Medaille

Das Zustandekommen dieser Ehrung ist die eine, die traurige Seite der Medaille. Dass die Echo-Macher diese so genannten Künstler überhaupt erst für den Preis nominiert haben, zeugte zumindest von fehlendem Fingerspitzengefühl. Dass dann die widerwärtigen Zeilen in ihrem Liedgut publik wurden (ausgerechnet durch die „Bild“-Zeitung übrigens) und die Echo-Verantwortlichen nicht etwa mit einer augenblicklichen Suspendierung der beiden reagierten, war befremdlich genug. Farid Bang und Kollegah am Ende aber auch noch auszuzeichnen, war schließlich ein gedankenloser Affront.

Völlig diskreditiert hat sich der Echo damit nicht, denn das war dieser Musikpreis schon zuvor. Angesichts des Geburtsfehlers, dass mit ihm – wie man bei einem Künstlerpreis ja erwarten würde – nicht etwa die qualitativ beste, sondern die in Deutschland meistverkaufte Musik ausgezeichnet wird. Angesichts des Umstands, dass es vor Jahren schon einmal eine ähnliche unerquickliche Debatte gab, seinerzeit um die Rechtsrockband Freiwild, die zunächst suspendiert wurde. Drei Jahre später aber bekam sie desaströserweise einen Echo zuerkannt, als sei vorher nichts geschehen. Und spätestens angesichts des Umstands, dass in diesem Jahr zu allem Überfluss auch noch die Söhne Mannheims für einen Echo nominiert wurden, deren Vorsteher Xavier Naidoo vor Kurzem noch wegen seiner Nähe zu den Reichsbürgern in der Kritik stand.

Wo Campino Recht hat

Die andere, bedenkenswerte Seite der Medaille ist, dass man Campino zumindest in seinem Echo-Monitum gerne Recht geben würde. Dass jedoch immense Albumverkaufszahlen sowie bestens gefüllte Konzerthallen etwa bei Kollegah, Freiwild, den Böhsen Onkelz oder den Söhnen Mannheims verdeutlichen, dass weite Teile der Bevölkerung sich mit derlei Bedenken offenbar nicht beschweren wollen. Dass insbesondere die Hip-Hop- und Heavy-Metal-Landschaft international wohl um einige Künstler ärmer wäre, wenn alle Menschen Sexismus nicht wie die sehr freizügigen Sängerinnen Nicki Minaj oder Doro Pesch definieren würden, sondern wie die Studierendenvertreter der Alice-Salomon-Hochschule, die Anfang des Jahres eine Sexismusdebatte um ein argloses Gedicht Eugen Gomringers entfacht haben. Und dass nicht jeder Kritiker der israelischen Politik wie etwa der Pink-Floyd-Musiker Roger Waters, der Filmregisseur Ken Loach oder der verstorbene Autor Henning Mankell pauschal des Antisemitismus bezichtigt werden sollte. Denn natürlich kann und darf sich ein Kulturschaffender politisch äußern, selbst wenn dies (siehe Uwe Tellkamp) gewissen Milieus nicht behagen mag.

Die Grenzen der künstlerischen Freiheit setzt unzweifelhaft nur das geltende Strafrecht. Schon Positionen wie jene von Campino, so sehr man ihr auch zustimmen möchte, bewegen sich in einem Ermessensspielraum. Wie weit dieses Ermessen reicht und wie weit die Auffassungen dazu insbesondere in der deutschen Gesellschaft, zu der nun einmal Pegida-Demonstranten ebenso wie junge Muslime zählen, auseinandergehen: das hätte Gegenstand einer Debatte sein können, die die Echo-Verantwortlichen hätten anstoßen können. Aber leider hat diese unselige Preisverleihung nicht einmal dazu getaugt.




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