Felix Neureuther Olympia trotz Kreuzbandriss? So kann’s klappen

Von Dirk Preiß 

Ski-Star Felix Neureuther hat sich das Kreuzband gerissen. Der Olympia-Winter schien beendet für den Bayern. Nun denkt er neu nach – und hofft wohl auch auf Hilfe aus Markgröningen.

Felix Neureuther könnte trotz Kreuzbandriss weiter Skifahren – mithilfe einer Orthese. Foto: dpa 10 Bilder
Felix Neureuther könnte trotz Kreuzbandriss weiter Skifahren – mithilfe einer Orthese. Foto: dpa

Stuttgart - Auch nach dem „bittersten Moment“ seiner Karriere hat Felix Neureuther seinen Humor nicht verloren. Das haben schon zahlreiche Internet-Nachrichten gezeigt, die der Bayer abgesetzt hat. Seine Zuversicht ist erst recht nicht flöten gegangen. Am Wochenende hat sich der beste deutsche Skirennläufer im Riesenslalom-Training in den USA das vordere Kreuzband im linken Knie gerissen. Die Diagnose war niederschmetternd, die Folge recht klar: Die Olympia-Saison ist beendet, bevor sie so richtig Fahrt aufgenommen hat. Doch als Neureuther am Montagvormittag in München aus dem Flieger kletterte, klang das dann doch schon wieder ein wenig anders.

„Solange noch ein kleines Fünkchen Hoffnung besteht, dass vielleicht sogar Olympia möglich sein sollte, werde ich ­jedes kleine Fünkchen probieren zu er­greifen“, sagte der 33-Jährige da. Zwar gab er zu, von „Träumereien“ zu reden, er erklärte aber auch: „Ich mag definitiv alles versuchen, dass es funktioniert.“ Zu diesen Versuchen gehört wohl auch ein Besuch in Markgröningen.

Ist nur das Kreuzband betroffen?

Dort kennen Sie sich nicht nur in der Klinik für Sportorthopädie mit Kreuzbandverletzungen aus, auch im angrenzenden Gebäude schauen regelmäßig Profisportler vorbei. Oft geht es darum, wie sie sich dank der Produkte der Firma Ortema vor Verletzungen schützen oder nach einer Operation einen schnellen Wiedereinstieg schaffen können. Immer wieder aber auch geht es um die Frage: Kann ich trotz eines gerissenen Kreuzbandes Hochleistungssport treiben?

„Ja“, sagt Ortema-Geschäftsführer Hartmut Semsch. Aber – natürlich – folgen Einschränkungen. „Bei Hochleistungssportlern ist es natürlich absolut sinnvoll, das Knie durch eine Operation zu stabilisieren“, sagt Semsch. Eine Zeit lang könne man den Termin aber nach hinten schieben. Allerdings nur dann, wenn im betroffenen Knie wirklich nur das Kreuzband gerissen ist – und nicht weitere Bereiche, etwa der Meniskus oder das Innen- oder Außenband, ebenfalls verletzt sind. Stabilisiert wird das Gelenk dann vom umfangreichen Muskelapparat, über den Skirennläufer verfügen. Und von einer Schiene, die in Markgröningen seit 1986 stetig weiterentwickelt worden ist.

Heute besteht das Teil zu großen Teilen aus Carbon und verhindert vor allem den sogenannten „Schubladeneffekt“. Also, dass der Unterschenkel bei gebeugtem Knie nach vorne ausscheren kann. Dies verhindert normalerweise das vordere Kreuzband. Fehlt diese Stabilisation, drohen Knorpel- oder Meniskusverletzungen.

Bohnacker schon wieder auf Ski

Mit einer solchen individuell angepassten Orthese ist derzeit zum Beispiel Daniel Bohnacker unterwegs. Der Skicrosser von der Schwäbischen Alb hatte vor sechs Wochen einen folgenschweren Trainingssturz – trotz Kreuzbandverletzung steht er mittlerweile schon wieder auf Ski und erwägt einen Start im Weltcup in der nächsten Woche. „Aktuell läuft es schon wieder sehr gut“, sagt der 27-Jährige, der im Gegensatz zu Felix Neureuther einen Vorteil hat: Das Kreuzband ist bei Bohnacker „nur“ angerissen.

Neureuthers Fall ähnelt wohl eher dem von Carlo Janka. Den Schweizer Ski-Star hat es Ende Oktober erwischt, trotz Kreuzbandriss will er es zu den Olympischen Spielen nach Pyeongchang (9. bis 25. Februar 2018) schaffen. Auch er ist deswegen schon in Markgröningen bei Hartmut Semsch vorstellig geworden und trainiert bereits wieder auf Schnee. Abfahrtsweltmeisterin Ilka Stuhec hat sich gegen einen solchen Versuch entschieden und wurde operiert. Olympia 2018 findet ohne die Slowenin statt.

Felix Neureuther fuhr am Montag zum Münchner Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfarth, weitere Spezialisten sollen hinzugezogen werden, danach werden Chancen und Risiken abgewägt – und es wird die Entscheidung fallen, ob der 33-Jährige zumindest einen Versuch unternimmt, Pyeongchang noch ins Visier zu nehmen. Klar ist für ihn allerdings: Halbe Sachen macht er nicht. Er starte in Südkorea nur, „wenn es Sinn hat und ich auch eine Medaille gewinnen kann“. Wenn nicht, wird es zur Operation kommen – aber wohl nicht zum Karriereende, schließlich ist Neureuther „hundertprozentig felsenfest überzeugt, dass ich es noch mal schaffen kann“.

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