InterviewFellbachs OB Gabriele Zull im Interview „Miteinander, nicht übereinander reden“

Von und Dirk Herrmann 

Fellbachs OB Gabriele Zull setzt verstärkt auf Gespräche mit den Bürgern, ist beim Breitbandausbau optimistisch und erhofft sich vom Einzelhandelskoordinator „intelligente Ansätze“. Mittlerweile in Oeffingen lebend, fühlt sie sich „positiv willkommen geheißen“.

Gabriele Zull will die Fellbacher Bürger mit einbinden, wenn es um die Zukunft der Stadt geht, etwa bei größeren Bauprojekten. Foto: Stadt Fellbach/Laartz
Gabriele Zull will die Fellbacher Bürger mit einbinden, wenn es um die Zukunft der Stadt geht, etwa bei größeren Bauprojekten. Foto: Stadt Fellbach/Laartz

Fellbach - Gewerbe und Einzelhandel, Schulbauten, Feuerwehrhäuser, Europäischer Kultursommer: Eine umfangreiche Agenda kommt auf die Stadt und ihre Bürger in den kommenden Monaten zu. Im Interview mit unserer Redaktion zeigt Oberbürgermeisterin Gabriele Zull kurz vor dem Neujahrsempfang die Herausforderungen und Schwerpunkte auf und analysiert Lösungsansätze.

Frau Zull, wie läuft’s denn beim Thema Breitband-Ausbau?

Das Thema „großflächiger“ Breitbandausbau war etwas schwierig anzukurbeln. Mittlerweile ist die vereinbarte Vorvermarktungsquote fast erfüllt, und ich bin inzwischen optimistisch, dass wir den Ausbau erreichen. Für die Stadt ist es ein Zukunftsthema! Für die Gewerbetreibenden, die Privathaushalte, aber auch für die Stadtgesellschaft ist es wichtig, hier den Anschluss an die kommenden Entwicklungen zu halten. Ich bin sicher keine „Markenbotschafterin“ der Telekom, doch ein flächendeckender Breitbandanschluss ist derzeit einer der wichtigsten Standortfaktoren für Kommunen, und ich möchte hier Fellbach gut aufgestellt wissen.

Wie ist die wirtschaftliche Lage?

Sie kennen die allgemeinen Einschätzungen – an Fellbach geht diese Entwicklung natürlich nicht vorbei. Wir müssen daher die Wirtschaft stärken und uns intensiv mit möglichen Gewerbeflächen, zukunftsfähigen Branchen und der gewerblichen Ausrichtung in unserer Stadt befassen – hier müssen wir eine gute Strategie entwickeln. Im März wird sich auch der Gemeinderat in einer Klausurtagung damit beschäftigen.

Der Gemeinderat ist Ihrem Wunsch gefolgt und hat die Stelle einer Einzelhandelskoordinatorin oder eines -koordinators beschlossen. Wann kann denn die Person loslegen?

Die Ausschreibung für diese Koordinationsstelle läuft bereits. Ich denke, das Thema sollten wir mit einem guten Konzept und einer Person angehen, die sich diesem Thema voll und ganz widmet, aber auch das notwendige Fachwissen mitbringt. Die inhabergeführten Geschäfte, die Service und Kundenbindung in den Fokus stellen, stehen unter anderem in Konkurrenz zum Onlinehandel. Der künftige Koordinator muss die derzeitige Situation analysieren, Ideen erarbeiten, mit den Unternehmen, dem Stadtmarketing und der Wirtschaftsförderung eng zusammenarbeiten und Schwerpunkte setzen – die Aufgaben sind komplex und verlangen hundertprozentigen Einsatz.

Also kein Grüß-Gott-Onkel?

Was würde uns so jemand nützen? Wir wollen eine kreative Person, die sich als Ansprechpartner etabliert. Da braucht es ein anderes Vorgehen, als einfach vorbeizukommen und „Grüß-Gott“ zu sagen. Wir möchten einen Ansprechpartner für die Unternehmen und für die Immobilienbesitzer aufbauen, der auf Augenhöhe kommuniziert. Daher ist der Koordinator als Stabsstelle bei der OB angesiedelt – er oder sie ist also direkt bei mir angedockt. Probleme, die beispielsweise bei der Ansiedlung auftreten können oder bei einer Nachfolgeregelung, sollen im Vorfeld besprochen werden. Nur so können wir reagieren, bevor Entscheidungen gefallen sind. Wir wollen mit intelligenten Ansätzen punkten. Es soll hier vorwärts gehen, daher brauchen wir jemanden, der sich das auf die Fahnen schreibt, intensiv ins Gespräch mit den Einzelhändlern geht und Hilfestellungen leistet.

Was steht sonst in den nächsten Monaten in Fellbach an?

Unsere Agenda ist umfangreich! Neben dem Einzelhandel und der Gewerbe­politik, die wir ja schon besprochen haben, laufen die Planungen für die Feuerwehrhäuser und die Maicklerschule. Wir haben die Gartenschau hinter und den Remstal-Sommer vor uns, der Europäische Kultursommer bringt uns französische Lebensart in die Fellbacher Straßen, und im Hallenbad rollen dieses Jahr die Bagger an, und der Neubau in der Mitte von Schmiden wird eingeweiht – die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Nach der Neuen Mitte Schmiden folgt die Neue Mitte Fellbach. Was ist vorgesehen auf der Nordseite von Rathaus und Lutherkirche? Die 80-Meter-Bahnsteige für die Endhaltestelle Lutherkirche passen da ja eigentlich gar nicht mehr hin.

Hier haben wir einen Zeitplan, der unter anderem von der SSB bestimmt wird. Mit der Umsetzung der 80-Meter-Züge müssen wir unser Konzept für die Innenstadt einer Prüfung unterziehen. Wir werden im Februar mit dem Gemeinderat darüber sprechen, welche Chancen sich daraus entwickeln können.

Was ist mit neuen Gewerbeflächen?

Wir wollen in der Gewerbepolitik neue Wege beschreiten. Dazu gehört sicher auch die Frage, ob und welche Flächen wir wem anbieten können. Im März findet hierzu die Klausurtagung mit dem Gemeinderat statt. Unser Ziel ist, ein zukunftsfähiges Konzept zu entwickeln – ähnlich wie bei der Wohnbauoffensive. Allein mit der Siemensstraße können wir uns nicht auf die Zukunft einstellen.

Heftig wurde über die Möglichkeit diskutiert, Wohnungen für Geschäftsinhaber im Gebiet Siemensstraße unterzubringen.

Stimmt! Wir haben darauf das Gespräch mit den Gewerbevereinen gesucht, um den Bedarf abzufragen. Nach den ersten Ergebnissen aus Fellbach scheint es keinen beziehungsweise einen sehr geringen Bedarf für solche Flächen zu geben. Wir warten das endgültige Ergebnis noch ab, planen aber ein Gebiet, in dem betriebsbedingtes Wohnen möglich sein kann.

Grundsätzliches wird demnächst in der Klausurtagung diskutiert. Wann findet diese statt – und geht’s an den Bodensee?

Wir gehen am 20. und 21. März ins Waldhotel nach Degerloch, und wir fahren natürlich mit dem ÖPNV – also mit der Stadtbahn von der Lutherkirche aus oder mit der ­S-Bahn vom Bahnhof.

Sie leben mittlerweile in Oeffingen, wie haben Sie sich eingelebt?

Als Familie sind wir endgültig und gut in Fellbach angekommen, ein riesiger Vorteil: Die Fahrerei – je nach Verkehrslage mehr als zwei Stunden täglich – ist weggefallen. Doch nicht nur das Hin und Her ist weggefallen, ich bin jetzt auch anders verortet, präsenter und sozusagen mittendrin – hier war der Umzug noch mal sehr wichtig. Ich bin dankbar, dass meine Familie und ich hier so positiv willkommen geheißen worden und wir uns hier sehr wohlfühlen.

Die Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürgern in der Stadt sind wichtig?

Ja, natürlich. Wir müssen miteinander und nicht übereinander reden! Wir haben inzwischen viele Formate, in denen wir die Bürger direkt ansprechen und einladen – Informationen vor Ort bei Baumaßnahmen, Bürgerinformationen vor größeren Vorhaben, Begehungen, Einladungen ins Rathaus etc. Auch bei den wichtigen Bauprojekten wie im Freibad-Areal haben wir Bürger mit in die Jury berufen. Natürlich gibt es zu Maßnahmen und Vorhaben verschiedene Meinungen. Für mich ist es wichtig, sich ein umfassendes Bild zu machen, nur so können sie eine gut abgewogene Entscheidung treffen und so auch zu einem guten Ergebnis kommen.

Wie ist das Verhältnis zum Lokalparlament, zu den Stadträten?

Hier kann ich ja nur für mich sprechen, doch meines Erachtens arbeiten wir wirklich gut zusammen. Es gibt eine konstruktive Atmosphäre und ein gutes Miteinander, in dem alle Beteiligten bestrebt sind, die Stadt nach vorn zu bringen – vielen Dank an die Stadträtinnen und Stadträte dafür. Wir haben einen guten Austausch – sind aber natürlich nicht immer einer Meinung. Von den Stadträten kommt durchaus auch mal ein Stoppsignal.