Festival Dance in München Wie gestreamter Tanz für Staunen sorgt

Vom digitalen Raum und dem Wohnzimmer raus ins Freie: Die Choreografin Ceren Oran  montiert in ihrem Stück „The Urge“ Lockdown-Tanzfundstücke aus dem Internet zu einer Open-air-Performance. Foto: Dance/Dieter Hartwig 7 Bilder
Vom digitalen Raum und dem Wohnzimmer raus ins Freie: Die Choreografin Ceren Oran montiert in ihrem Stück „The Urge“ Lockdown-Tanzfundstücke aus dem Internet zu einer Open-air-Performance. Foto: Dance/Dieter Hartwig

Gestreamte Bühnenkunst hat in der Coronapandemie Hochkonjunktur. Wer meint, sich bereits stattgesehen zu haben, wird vom Münchner Festival Dance positiv überrascht.

Kultur: Andrea Kachelrieß (ak)
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Stuttgart/München - Eric Gauthier und das Theaterhaus haben das in diesem Sommer geplante Colours-Tanzfestival ins nächste Jahr verschoben. Tanz vor Publikum drinnen, Menschenmengen bei Colours in the City draußen, reisende Kompanien: das ist in der Coronapandemie zum einen nicht umzusetzen, zum anderen auch sehr schwer planbar.

In München haben die Veranstalter des ebenfalls alle zwei Jahre stattfindenden Festivals Dance anders entschieden. Als Hybridformat geht die Tanzbiennale der Stadt München in ihrer 17. Ausgabe noch bis zum 16. Mai über die Bühne, rund 20 internationale Produktionen wollen die Vielfalt und neuesten Entwicklungen des zeitgenössischen Tanzes zeigen. Tatsächlich lässt die in München lebende Choreografin Ceren Oran in ihrer Installation „The Urge“ live tanzen – draußen agieren die Tänzer mit einem Nachdruck, der dafür steht, wie dringlich die Kunst den in der Pandemie verlorenen Raum zurückerobern will. Vorbild für die umgesetzten Bewegungen waren die von Tänzern im ersten Lockdown zigfach in sozialen Medien geteilten Trainingseinheiten und Tanzhäppchen aus dem privaten Wohnzimmer. Sie trägt „The Urge“ nochmals am 16. Mai von 15 bis 22 Uhr nach draußen; per Live-Stream kann man über die Internetseite von Dance kostenlos dabeisein.

Eine Masse, die wie ein Körper denkt

Ein Ticket lösen muss man für andere Dance-Veranstaltungen. Wer das für die Uraufführung des belgischen Choreografen Jan Martens getan hatte, saß zum Start des Festivals mit großen Augen und offenem Mund auf dem Sofa. Nein, das letzte Wort zu gestreamter Tanzkunst ist tatsächlich noch nicht gesagt. Wie Martens seine 17 marschierenden Tänzer und Tänzerinnen über die Bühne des Concertgebouw in Brügge in immer neuen Formationen als graue Masse marschieren lässt, wirkt aus der Perspektive des Zuschauerraums ganz beeindruckend, von oben gefilmt entfalten die Reihen und Kreise aber eine Dynamik, die einfach nur staunen macht.

„Any attempt will end in crushed bodies and shattered bones“ heißt die Uraufführung, der Titel lässt an gewaltvoll niedergeschlagen Proteste denken, die mit gebrochenen Körpern und zersplitterten Knochen enden. Bei Martens nehmen sich die Menschen trotzdem ihren Raum. Zwischen 16 und 69 Jahren alt ist sein Ensemble, das in einem rotkostümierten Pro- und Epilog individuelle Tänzer-Qualitäten beweisen darf. Wie der bunte, heterogene Haufen dann aber im Gehen, Stillstehen, Marschieren wie ein Körper denkt, macht Mut und zeigt, dass gemeinsames Handeln zielführend sein kann.

Tanz als minimalistische, serielle Kunstform

Mit einem Rückblick auf Lucinda Childs Arbeiten aus den 1970er Jahren zeigt das Festival eine Quelle, aus der sich ein Choreograf wie Jan Martens speist. „Works in Silence“ hat die amerikanische Choreografin einen Abend mit fünf Stücken überschrieben, den das Senioren-Ensemble Dance on mit schöner Energie umsetzt. Um Struktur und Variationen geht es in diesen Choreografien, das Sneakers-Quitschen der Tänzer ist ihre einzige Klangquelle, ihr einziger Rhythmus. Die serielle Musik, die Minimal Art sind die direkten Verwandten dieser „Works in Silence“, die aus der minimalen Verschiebung von Bewegungsmustern maximalen Effekt ziehen.

Das Gegenteil von Stille herrscht in Richard Siegals Multikanal-Performance „Two for the Show – All for One and One for the Money“. Sie tritt an als rein für den digitalen Raum konzipierte Performance des einst in München, jetzt in Köln stationierten US-Choreografen. Anleihen bei Social Media und Video-Spielen sorgen für eine bunte Dynamik. Doch am Ende beeindruckt vor allem die Diversität und die Virtuosität von Siegals Tänzern, dem Ballet of Difference, darunter zum Beispiel die Transgender-Tänzerin Black Pearl de Almeida Lima, die man aus Birgit Keils Karlsruher Ensemble oder von Gauthier Dance kennt. Solche Tanzkunst will live erlebt werden, darüber trösten ein paar nervige digitale Gimmicks, mit denen Siegal und sein Team experimentieren, nicht hinweg.




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