Filderrevier in Möhringen Für den Chef wird nicht geputzt

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Wenn jede Stunde eine Geschichte erzählt, hat der Tag 24 Geschichten. Eben diese erzählen wir in einer Serie. Von 5 bis 6 Uhr besuchen wir das Filder-Polizeirevier Möhringen. Beim frühmorgendlichen Kaffee entpuppen sich die Beamten dort als große Familie.

Hauptkommissar Geisser: „Wir sind eine große Familie.“ Foto: Maier
Hauptkommissar Geisser: „Wir sind eine große Familie.“ Foto: Maier

Möhringen - Andreas Geisser ist mehr als 200 Jahre alt. Zumindest, wenn man der Rechnung seines damaligen Dozenten auf der Polizeischule Villingen-Schwenningen während einer Soziologievorlesung glaubt. „Der hat anhand von Lebenssachverhalten hochgerechnet, wie viel mehr Polizisten durchmachen als der Durchschnittsbürger“, sagt der Schichtleiter im Polizeirevier Möhringen im Besprechungszimmer. Gleich drei Kaffeemaschinen stehen da. Offenbar ist der Bedarf nach Wachmachern um 5 Uhr in der Früh bei den Beamten groß.

Und auch wenn das Gebiet, das die Polizisten hier im Auge haben – von der Oberen Weinsteige rüber zur Messe, die A 91 runter bis Lederberg – nicht als sozialer Schmelztiegel gilt, hatten die Beamten in der Nacht jede Menge zu tun. Ein Brand, der auf dem Dach eines Firmenkomplexes in Vaihingen ausgebrochen war, hielt die Polizei auf Trab. Oder besser gesagt, manche Bürger. „Die rufen bei uns an und beklagen sich über den Hubschrauberlärm oder drängeln an der Absperrung“, sagt Oberkommissarin Susanna Jenöfi. Sie war bis 21 Uhr im Dienst und ist jetzt schon wieder auf den Beinen.

„Wir verbringen mehr Zeit mit den Kollegen als etwa mit dem Ehepartner“, sagt Andreas Geisser. Darum duzen sich auch alle – unabhängig vom Dienstgrad. „Wir verstehen uns hier als große Familie“, sagt der 45-Jährige weiter.

Von der Terroristenjagd zur Katzenrettung

Das neueste Familienmitglied ist gleichzeitig das Oberhaupt. Martin Rathgeb ist seit sechs Wochen Leiter des Polizeireviers an der Balinger Straße. Auch er trinkt viel Kaffee – und zwar aus einer Tasse, die ihn selbst in der Rolle des Geheimagenten James Bond zeigt. Während viele der anderen Polizisten im Revier auf dem Land leben, ist Rathgeb ein alteingesessener Stuttgarter. Die Kollegen sind Verkehrsdelikte, Ehestreitigkeiten oder Prügeleien neben dem Fußballplatz in der Kreisliga gewohnt. Rathgeb jagte 2007 noch die Terroristen der Sauerlandgruppe, leitete ein mobiles Einsatzkommando.

Dass er stolz auf seine damalige Arbeit ist, daraus macht er keinen Hehl. Rathgeb zeigt auf einen blauen Kanister, der in seinem Büro steht. „In so einem Fass lagerte die Sauerlandgruppe Wasserstoffperoxid, um eine Bombe zu bauen. Wir haben den gefährlichen Inhalt ausgetauscht.“

Internationaler Topterrorismus und die Katzenrettungen vom Baum – wie passt das zusammen? „Ich bin gerne nah beim Bürger. Und ich sehe die eine Aufgabe nicht als besser als die andere an“, sagt Rathgeb.

Den Finger für den Beruf geopfert

So sieht es auch der Schichtleiter Geisser. „Viele junge Polizisten wollen die Welt verbessern. Das ist Unsinn“, sagt er. Langfristig motivierend sei vor allem das Pflichtgefühl. Geisser findet den Vergleich des Polizisten mit einem Jedi-Ritter aus der Science-Fiction-Reihe Star Wars treffend: „Ein Jedi strebt nicht nach großen Taten, sondern ist stets bereit, das Richtige zu tun“, heißt es da über die Weltraumritter.

Im Gegensatz zu seinem Chef Rathgeb, der statt aus Star Wars lieber den Philosophen Lessing zitiert, erfüllt Geisser einige Polizistenklischees. Nebenbei ist der Hauptkommissar Jäger, kommt aus einer Metzgerfamilie, liebt es, auch mal „Schweinehälften zu zerteilen“, wie er sagt, und kann fluchen wie ein Pferdekutscher. Als 18-Jähriger hat er sich beim Holzhacken die Axt in den linken Mittelfinger gehauen. Die Verletzung heilte nicht gut, der Finger blieb steif. Geisser drohte als jungem Polizisten Dienstuntauglichkeit. Also musste der Finger ab – so sieht Leidenschaft für den Beruf aus.

Seit acht Jahren ist er auf dem Revier. Seitdem hat sich einiges getan. „Neu sind Aufgaben in Zusammenhang mit Flüchtlingsunterkünften“, sagt Geisser. Erst in dieser Nacht sollten die Beamten die Abschiebung eines Flüchtlings aus einer Unterkunft an der Arthurstraße durchführen. Doch sie trafen den Mann nicht an. „Das kommt öfter vor“, sagt Geisser.

Polizeipräsident besucht das Revier

Ihm ist es aber ohnehin unangenehm, Hiobsbotschaften zu überbringen. Seine Familie in seinem Heimatdorf auf der schwäbischen Alb engagiert sich sogar für Flüchtlinge. „Wir nehmen zwei Männer immer wieder zum Holzhacken mit, das macht denen einen Riesenspaß“, sagt Geisser. Wenige Tage zuvor musste er einer Frau in Degerloch den Tod ihres Mannes mitteilen – er starb als Geisterfahrer.

Darum trennt er Privates und Berufliches strikt: „Meine Frau erfährt nur ein Promille davon, was ich hier bei der Arbeit erlebe.“ Auch wenn es im Einsatzgebiet des Polizeireviers nicht um Themen wie Terrorismus geht, ernst, häufig ergreifend und belastend sind sie allemal.

Weniger ernst genommen wird dagegen der hohe Besuch, der heute noch ins Haus steht. Der Stuttgarter Polizeipräsident Franz Lutz macht bei den Möhringer Polizisten nämlich eine Stippvisite. „Ich erinnere mich nicht, dass hier je ein Polizeipräsident zu Besuch war“, sagt Geisser.

Bemühungen, einen besonders guten Eindruck zu machen, unternehmen die uniformierten Charakterköpfe nicht. „Also, wir saugen hier jetzt nicht extra durch“, sagt eine Polizistin in der Frühschicht. Ein Kollege putzt trotzdem einige Kaffeeflecken weg, die im Besprechungszimmer aus irgendeiner Tasse übergeschwappt sein müssen. Die Kaffeetassen sind jetzt leer. Die Mannschaft geht wieder an die Arbeit.

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