Stadtkind Stuttgart

Filmaka-Absolvent bei der Filmschau Moral ohne Zeigefinger

Von Björn Springorum 

Mit „Offline“ ist Filmaka-Absolvent Florian Schnell bei der Filmschau Baden-Württemberg zu Gast. Nächstes Jahr startet der Mix aus Realfilm und Online-Rollenspiel regulär im Kino. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Florian Schnell machte 2015 sein Regiediplom an der Filmakademie in Ludwigsburg. Foto: privat 4 Bilder
Florian Schnell machte 2015 sein Regiediplom an der Filmakademie in Ludwigsburg. Foto: privat

Stuttgart - Immer recht spät ins Jahr fällt der Höhepunkt der regionalen Filmbranche. Die Filmschau Baden-Württemberg ist das Schaulaufen im Ländle, ein Stelldichein der Filmschaffenden und eine Bestandsaufnahme, wo in diesem Jahr so überall die Kameras surrten. Auch bei der 22. Filmschau wird deutlich: Hier gibt's viel mehr als Effekte für „Game of Thrones“. Darauf sind wir hier natürlich auch mächtig stolz, keine Frage. Es ist aber mal wieder an der Zeit, den Film- und Medienstandort in seiner verdienten Breite abzubilden und nicht immer nur davon zu reden, dass Mackevision das Wasser in der letzten „Game of Thrones“-Staffel wirklich verdammt gut hingekriegt hat.

 

Bis zum 4. Dezember werden fast 150 aktuelle Produktionen zu sehen sein. Eines der Highlights: „The Last Warning“ aus dem Jahr 1929, ein restaurierter Stummfilm des in Stuttgart geborenen Regisseurs Paul Leni und des vor 150 Jahren im schwäbischen Laupheim geborenen Hollywood- und Universal-Gründers Carl Laemmle. Musikalisch wird’s bei der Doku „Eat That Question – Frank Zappa in his own words“, die aus raren und verschollen geglaubten Aufnahmen des US-amerikanischen Exzentrikers, während der durchaus auch als exzentrisch zu bezeichnende Stuttgarter Kabarettist Michael Gaedt seine ganz eigene Fassung von „Der Freischütz“ vorstellt. Einen Ludwigshafen-Tatort gibt es auch zu sehen (okay, strenggenommen nicht Ba-Wü, aber trotzdem schön), ganz allgemein ist die Flüchtlingsthematik eines der Kernthemen.

 

Damit verwandt ist auch der Film „Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel“, wenn auch eher aus einer eskapistischen Perspektive. Der Langfilm des Filmakademie-Absolventen Florian Schnell thematisiert als Mix aus Realfilm und digitaler Animation die Welt der Online-Rollenspiele, die Verschmelzung zwischen Realität und virtueller Welt und die daraus resultierende Schwierigkeit, sich in der wirklichen Welt zurechtzufinden. Ab dem 23. Februar 2017 ist er auch regulär im Kino zu sehen. Der vergnügliche Streifen heimste schon zahlreiche Preise ein und ist das Kinofilmdebüt des 32-jährigen Regisseurs und Filmaka-Absolventen aus Schwaben.

 

Florian, ist es was Besonderes, wenn der eigene Film sozusagen in der Heimat gezeigt wird?

 

Es ist toll, dass die Filmschau dem Film eine große Bühne in seiner Heimat gibt. Er ist ja komplett in dieser Region entstanden und es haben so viele Leute von hier mitgemacht – von den Studenten der Filmakademie über die Filmförderung MFG bis hin zu den Komparsen aus Stuttgart –, dass es uns natürlich unglaublich freut, dass „Offline“ auch hier gewürdigt wird.

 

Wo wir schon beim Thema sind: Wie schwierig ist es für junge Filmemacher, an Finanzierung zu kommen?

 

Natürlich war es zunächst nicht einfach, diese experimentelle und neuartige Filmidee zu erklären. Es gibt schließlich auch keine Referenz-Filme auf die man verweisen kann und bisher hat noch niemand in Deutschland (vielleicht sogar europaweit) in so direkter Zusammenarbeit mit einer Computerspielfirma einen Film gemacht. Aber glücklicherweise hat Stefanie Groß vom SWR das Potential erkannt und mit Arte (Barbara Häbe) und dem BR (Cornelius Conrad) an das Projekt geglaubt und dann zusammen mit der Filmförderung Baden-Württemberg (MFG) möglich gemacht. Ich bin all diesen tollen Partnern unglaublich dankbar, dass sie diesen neuen Weg mit uns gegangen sind und sehr stolz auf das ganze Team, dass das Ergebnis sowohl bei der jungen Zielgruppe, als auch vielen erwachsenen Zuschauern so toll ankommt.

 

Der Film ist dein Kino-Debüt, war auf über 30 Festivals zu Gast und konnte gleich schon einige Preise abräumen. Wie wichtig sind diese Preise und Nominierungen in der Branche?

 

Natürlich ist die Aufmerksamkeit durch Festivals enorm wichtig, um als Newcomer bemerkt zu werden. Und es freut uns alle, dass der Film sowohl national als auch international so erfolgreich ist, obwohl er sehr untypisch für deutsche Debütfilme ist.

 

Offline“ greift eine eigentlich sehr ernste Sache auf: Die Diskrepanz zwischen der realen Identität und der virtuellen Identität. Wie siehst du diese Entwicklung?

 

Der Antagonist Loki (Hannes Wegener) sagt im Finale des Films: „Die virtuelle Identität wird wichtiger als alles andere!“ Das ist natürlich der worst case, der in Zukunft passieren könnte. Das Wichtigste und die Aussage des Films ist es ja, die Balance zwischen beiden Welten zu finden.

 

 

Klingt so, als hättest du diese Balance schon gefunden. Wie kam es überhaupt zur Idee zu „Offline“?

 

Seit ich denken kann bin ich großer Fantasy-Fan, habe Rollenspiele gespielt und mich in fremde Welten geträumt. Daher kann ich jeden Online-Gamer gut nachvollziehen, der seine Zeit lieber im Netz als in der Realität verbringt. Gleichzeitig liebe ich aber auch die Natur, spontane Reisen und arbeite häufig mit Kindern und Jugendlichen. Dabei ist mir schon vor einiger Zeit aufgefallen, dass einige Kids noch nie auf einen Baum geklettert sind – was mich ernsthaft entsetzt. Ich denke durch die Kombination beider Pole, die ich in mir fühle, bin ich mit dem Produzenten Benjamin Munz auf die Idee für den Film gekommen.

 

Letzten Endes wird deutlich, dass das Abenteuer durchaus auch im echten Leben warten kann. Ein erhobener Zeigefinger soll der Film aber nicht sein...

 

Ich halte viel von Moral, aber nix von Zeigefingerpädagogik: „Offline“ ist ein Film, der weder das Spielen verteufelt, noch die echte Welt für altmodisch erklärt. Ich möchte auf eine unterhaltsame Art für das Gleichgewicht plädieren. Denn darauf kommt es an. Gleichzeitig ist "Offline" aber auch ein „Lehrfilm“ für Eltern und Lehrer, die bislang nichts mit Computerspielen anfangen konnten.

 

Der Film trägt ja den Untertitel „Das Leben ist kein Bonuslevel“. Wann hast du das erstmals feststellen müssen? Beim Studium an der nicht gerade anspruchslosen Filmaka vielleicht?

 

Eher auf meinem Weg zum Erwachsenwerden. Aber der Satz ist ja ein Zitat aus dem Film, das noch weitergeht: „Das Leben ist kein Bonuslevel, lässt einen aber auch nie hängen!“ Meine Erfahrung ist nämlich, dass man, auch wenn es sich im Leben manchmal hart anfühlt, am Ende doch eigentlich immer das vom Universum bekommt, was man wirklich braucht. Man muss nur genau hinschauen und sich der Welt und dem Weg anvertrauen.

 

Wie war es mit deinem Weg? Wieso wolltest du Regisseur werden?

 

Ich habe einfach schon immer Filme gemacht, schon während meiner Schulzeit. Dass man das wirklich als Beruf machen kann, mussten mir erst andere Leute sagen, eigentlich wollte ich mal Lehrer oder Psychologe werden – bis mir klargeworden ist, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen kann.

 

Und wie übersteht man die Filmakademie?

 

Vor allem braucht es Durchhaltevermögen, gute Freunde und Familie, verbündete Kommilitonen und „Partner in Crime“ sowie tolle Mentoren, die an der Aka unterrichten. Kreativität und Talent sind zwar auch wichtig, machen in der eigentlichen Arbeit aber meist nur einige Prozent aus.

 

Fimschau: „Offline“ ist am 3. Dezember, um 17 Uhr, im Metropol Kino, S-Mitte, zu sehen. Hier gibt es mehr Infos zur Filmschau.