Filmfestspiele in Venedig Ryan Gosling ist im All ein wenig einsam

Von Gebhard Hölzl 

Ryan Gosling spielt in Damien Chazelles Astronauten-Abenteuer „First Man“ die Rolle des Astronauten Neil Armstrong, der 1969 als erster Mensch den Mond betrat. Das ist aber bei weitem nicht die einzige Neuigkeit, die es aus Venedig von den Filmfestspielen zu berichten gibt.

Auf dem Weg ins All: Ryan Gosling in „First Man“ als Astronaut Neil Armstrong Foto: Verleih
Auf dem Weg ins All: Ryan Gosling in „First Man“ als Astronaut Neil Armstrong Foto: Verleih

Venedig - Von diesem roten Teppich träumt jeder Festivalchef: Regisseure wie Wim Wenders, Emir Kusturica und David Lynch, Schauspieler wie Angelina Jolie und Isabella ­Rossellini, Willem Dafoe, Sean Penn und John Cleese, Musiker wie Björk und Bono, Künstler wie Marina Abramovic und Damien Hirst, dazu die Modemacherin Vivi­enne Westwood, das Universalgenie Peter Ustinov, Staatsmänner wie Nelson Mandela und Mikhail Gorbatschow, der Wissenschaftler Stephen Hawking . . . Ähem, leben die eigentlich alle überhaupt noch?

Kein Problem für Hermann Vaske, der in seiner Dokumentation „Why are we crea­tive: The Centipede’s Dilemma“ seinem Gegenüber immer ein und dieselbe Frage stellt – die nach dem Ursprung der Kreativität. Ohne freilich eine wirklich konkrete Antwort zu bekommen. Künstlerisch, intellektuell, philosophisch und wissenschaftlich geben die Befragten Auskunft. Nur Sex-Maestro Russ Meyer bringt es mit einem Wort auf den Punkt: „tits“, also Brüste sind sein Quell schöpferischer Kraft, und dann zeigt er schelmisch lächelnd auf ein Plakat mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, dem Busenwunder Kitten Natividad.

Ein launiger, verspielter Festivalauftakt, programmiert als Sonderaufführung. Jahr und Ort des jeweiligen Interviews blendet der Grimme-Preisträger kurz ein, häufig ist er selbst mit im Bild zu sehen. Ein Langzeitprojekt, das in Form von Fotografien schon als Ausstellung zu bewundern war – inklusive der Zeichnungen, die die Ausnahmekreativen im Lauf der (meist kurzen) Gespräche zu Papier bringen mussten. Ein Crossover-Kunstprojekt, das perfekt auf die Biennale passt, wo man neben dem Film ja auch Architektur, Tanz, Theater und Musik feiert.

Jetzt aber ist das Kino dran – noch bis 8. September zum inzwischen 75. Mal auf dem traditionsreichsten Filmfestival der Welt. Gelassen ist die Atmosphäre, das Tempo der Hitze und dem strahlenden Sonnenschein angepasst. „Lentamente. . .“ Immer mit der Ruhe. Eine Bohrmaschine liegt vergessen in einer Ecke, daneben ein paar Schilder, die es noch zu montieren gilt. Die Polizei – verspiegelte Flieger- und Ray-Ban-Sonnenbrillen scheinen zur Uniform zu gehören – kontrolliert entspannt die Taschen der Festivalbesucher. Die nehmen es meist mit Humor, auch das Gedränge beim Einlass zu den Pressevorführungen hält sich in Grenzen.

Vanessa Redgrave bekommt Küsse von ihrem Gatten Franco Nero

Aber natürlich ist das Kino beim Eröffnungsfilm brechend voll – 1409 Personen fasst der Sala Darsena. Damien Chazelle, dessen Siegeszug mit „La La Land“ 2016 auf dem Lido begann, kehrt zurück. Mit dem Biopic „First Man“ – nach dem Buch von James R. Hansen – über Neil Armstrong, seines Zeichens der erste Mann, der seinen Fuß auf den Mond setzte. Eine erstaunlich konventionell umgesetzte, grundsolide gehandhabte Heldenmär liefert der US-Filmemacher ab, eine biedere Variante von Philip Kaufmans Tom-Wolfe-Adaption „Der Stoff, aus dem die Helden sind“ (1983). Eingebettet im komplizierten Eheleben des Protagonisten, erzählt er vom amerikanisch-sowjetischen Wettlauf zum Erdtrabanten, zwischen 1961 und 1969 ist die Handlung angesiedelt. Immer wieder kommt das behelmte Gesicht Armstrongs groß ins Bild, das donnernde, an den Nerven zerrende Tondesign hinterlässt den nachhaltigsten Eindruck, enervierend ist der Bombast-Soundtrack von Justin Hurwitz („Whiplash“). Verschenkt ist der Part der überzeugenden ­Claire Foy („The Crown“) als Gattin des Astronauten, blass bleibt in dieser Rolle Ryan Gosling, verloren wirkt er – was aber der Intention des Regisseurs entspricht.

Entsprechend verhalten war der Applaus der Journalisten, als der Publikumsliebling zur Pressekonferenz erschien. Besonders im Vergleich zu dem für Ex-Django Franco Nero, Jahrgang 1941, der mit Pferdeschwanz und jugendlichem Elan kurz zuvor überraschend auf jener seiner Frau, der britischen Oscar-Preisträgerin Vanessa Redgrave („Julia“) aufgetaucht war, um ihr zu ihrem Goldenen Löwen zu gratulieren, den man ihr 2018 für ihr Lebenswerk verliehen hat. Unverständlich bleibt, warum ihre neue Arbeit, Julien Landais’ „The Aspern Papers“ mit Jonathan Rhys Meyers und ihrer Tochter Joely Richardson, nicht im offiziellen Programm zu sehen ist. Das Special Screening durften nur geladene Gäste besuchen.

Für Rätselraten sorgt der unpersönliche Sex bei Rick Alverson

Für Rätselraten sorgte auch „The Mountain“ von Rick Alverson („The Comedy“). Der US-Independent entführt ins amerikanische Hinterland der 1950er Jahre. Ein Wanderchirurg (Jeff Goldblum) mit Schlag bei den Frauen zieht von Nervenheilanstalt zu Nervenheilanstalt, um seine neue Methode der Lobotomie zu propagieren, eines schweren hirnchirurgischen Eingriffs. Begleitet wird er von einem jungen Mann (Tye Sheridan), der die Hammer-und-Meißel-Eingriffe sowie die Patienten fotografiert. Ein New-Age-Guru, der auf Französisch wettert, taucht auf, unpersönlichen Sex gibt’s, und Udo Kier absolviert einen Kurzauftritt als Eiskunstlauflehrer. Eine Studie in Langsamkeit, seltsam.




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