Filmfestspiele Venedig Rückkehr einer Kinolegende

Von Gebhard Hölzl 

Neue Filme bei der Biennale Venedig: Orson Welles lebt, Lady Gaga singt, Mike Leigh gibt sich politisch korrekt und David Oelhoffen taucht ins Pariser Drogenmilieu ab.

John Huston als Regisseur, Peter Bogdanovich als sein Assistent in „The other Side of the Wind“ Foto: Biennale
John Huston als Regisseur, Peter Bogdanovich als sein Assistent in „The other Side of the Wind“ Foto: Biennale

Venedig - Ein neuer Film von Orson Welles („Citizen Kane“) ist für Cineasten eine ebensolche Offenbarung wie ein neuer Roman von George R. R. Martin für die „Game of Thrones“-Adepten. Aber Welles ist tot, oder? Richtig. 1985 ist er gestorben, doch nun konnte sein letztes Projekt nach endlosen rechtlichen Streitereien – wie in Morgan Nevilles trefflich betitelter und umgesetzter Dokumentation „They’ll love me when I’m dead“ beschrieben – endlich fertiggestellt werden. Mit Geld des Streamingplattform Netflix, mit der man in Venedig (ebenso wie mit dem Konkurrenten Amazon) keinerlei Berührungsängste hat. Im Gegensatz zu Cannes, wo „The other Side of the Wind“ uraufgeführt werden sollte. Merkwürdig leer ist das Kino zu später Stunde. „Welles kennt wohl niemand mehr“, knurrt ein skandinavischer Kollege. Schlagartig bessert sich seine Laune, als Welles’ Name auf der Leinwand erscheint und heftig beklatscht wird. Überhaupt tut man sich am Lido mit lautstarken Kundgebungen leicht, freundlichen Beifall gibt’s sogar, wenn das den Filmen vorgeschaltete Logo der 75. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica zu sehen ist – auf der Berlinale undenkbar!

1000 Rollen belichteten Films lagerten bis 2017 in einem Pariser Safe, ehe sich die Produzenten Frank Marshall und Filip Jan Rymsza daran machten, Welles’ mythenumranktes letztes Werk nach dessen zahllosen Notizen und dem immer wieder überarbeiteten Drehbuch endlich fertigzustellen. Michel Legrand komponierte einen ins Ohr gehenden, jazzigen Soundtrack, den Schnitt besorgte der Oscar-Preisträger Bob Murawski. Einen wüsten Film-im-Film, zahlreiche Insider-Referenzen inbegriffen, bekommt man geboten, Schwarzweiß und in Farbe, ein verwegen montiertes Home Movie, das New Hollywood und Michelangelo Antonioni („Blow up“) verpflichtet ist. John Huston spielt einen berühmten, in Ungnade gefallenen Regisseur namens J. J. Hannaford, der nach langen Jahren im europäischen Exil versucht, unterstützt von seinem treuen Assistenten (Peter Bogdanovich), wieder in Hollywood Fuß zu fassen. Klar: eine Nabelschau, eine Selbstreflexion. Die jungen Wilden, darunter Henry Jaglom, Paul Mazursky, Dennis Hopper, Claude Chabrol und Stéphane Audran, belagern mit ihren 8mm- und 16mm-Kameras das Alter Ego des Altmeisters, Lilli Palmer gibt die Gräfin Valeska, und die Drehbuchautorin Oja Kodar, Welles’ bildschöne letzte Lebensgefährtin und Ex-Geliebte von Huston, läuft bevorzugt splitternackt durchs Bild. Im Wortsinn ein Trip.

Polizisten mit Jet-Skis und Sonnenbrille

Da passt es, dass man hier erklärt bekommt, dass man in den Siebzigerjahren nicht mehr „Reefer“ sondern „Joint“ sagte – und an einem solchen zog genüsslich eine hochgewachsene, luftig schwarz betuchte Festivalbesucherin mit rosa gesträhntem Haar und mörderisch hohen Pumps, als ein Polizist gewohnt gelangweilt am Eingang zum Festivalgelände ihre Tasche kontrollierte. Die Qualität muss gut gewesen sein, glaubt man dem verklärten Blick der Dame. „Roter Libanese oder Schwarzer Afghane?“, fragte prompt ein naseweiser Zeitgenosse hinter ihr in der Schlange – und bezog sich dabei nicht auf die politische Couleur der Anstehenden. Zu Verwicklung hat all das nicht geführt, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die Damen und Herren der Exekutive ihren Job ruhig angehen lassen und – kein Witz! – ihren Dienst teilweise auf Jet-Skis tun. Auch dabei, versteht sich, mit cooler Sonnenbrille.

Selbige trug auch Bradley Cooper in seinem Regiedebüt „A Star is born“, einem weiteren Remake von William Wellmans gleichnamigen Hollywood-Klassiker von 1937. Als „Hangover“-Star einschlägig erfahren ist er, drogen- und alkoholabhängig, als Rock-Ikone Jackson Maine auf dem absteigenden Ast, während seine Neo-Freundin Ally über Nacht in den Pop-Olymp aufsteigt. Ein perfekter Part für Lady Gaga, die in ihrer ersten Leinwandhauptrolle „bella figura“ macht, zur Abwechslung ungestylt zu bewundern ist und dabei selbstironisch mehrfach auf ihre etwas schiefe, übergroße Nase hinweist. Ein überlanger Videoclip, konventionell und sauber durcherzählt, stark in den Musiknummern, mega-kitschig in Sachen Herzschmerz, bislang absoluter Gewinner in puncto Dezibelstärke der kreischenden Fans.

In „Peterloo“ gibt es Bilder, die aussehen wie gemalt

Schreie, wenn auch des Erschreckens, gab’s vereinzelt bei „Suspiria“, noch einer Neuauflage, in diesem Fall von Dario Argentos gleichnamigem „Giallo“-Meisterwerk aus dem Jahr 1977. Die Hölle auf Erden ist bei Regisseur Luca Guadagnino („A bigger Splash“) eine Ballettschule, zu den Lehrerinnen gehören Tilda Swinton und Angela Winkler, die satanische Prima Ballerina gibt gewohnt freizügig Dakota Johnson („Fifty Shades of Grey“). Um das Böse geht’s, das uns der Zweite Weltkrieg und Deutschlands heißer Herbst 1977 gebracht haben – Schauplatz ist statt Freiburg diesmal Berlin. Um Albträume und Neurosen, denen ein trauernder Psychotherapeut auf der Spur ist, dessen Frau im Konzentrationslager ermordet wurde. Viel Blut, noch mehr Rot, verdrehte Hälse, splitternde Knochen, luftige Tutus und überragende Tanznummern, einstudiert vom renommierten belgischen Choreografen Damien Jalet („Babel 7.16“). Ein vieldeutiges Vexierspiel, bei dem Look und Stil vor Inhalt gehen.

Ganz bei sich ist Mike Leigh, betreibt das für ihn typische Agitprop-Kino. Die Schlacht von Waterloo ist geschlagen, „Peterloo“, das Massaker auf dem St. Peter’s Field am 16. August 1819, steht an, eine friedliche Demonstration der Werktätigen von Manchester wird von den Soldaten des Prinzregenten (fies-verschlagen: Tim McInnerny) blutig niedergeschlagen. Mit ziselierten Dialogen, „gemalten“ Bildern wie aus seinem „Mr. Turner“-Biopic besticht der streitbare Brite, der erneut definiert, was politische Korrektheit bedeutet.

Davon kann bei „Frères Ennemis“ keine Rede sein. Einen beinharten, eisigen „polar“, einen Kriminalfilm legt David Oelhoffen vor, der selbst spricht von einem Drama unter Brüdern. Dealer (Matthias Schoenaerts) ist er eine, der andere (Reda Kateb) Flic. In den tristen Banlieues von Paris bekämpfen sich die Familienklans, ein Drogenraub hat Mord und Totschlag zur Folge. Ein nachtschwarzer Thriller, in Tonalität und Sprache exzellent im Milieu verankert. Die Frage nach Schuld und Sühne wird gestellt, das Migrationsproblem ist zwischen den Bildern Thema.