Filmkritik „Dallas Buyers Club“ Bullenritt durch die Grauzone

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Der homophobe Ron, gespielt von Matthew McConaughey, erkrankt an Aids. Am Gesetz vorbei besorgt der Kleinganove sich und anderen nicht zugelassene Medikamente. Dieses Gaunerstück hätte den Oscar verdient.

Seltsames Paar: Rayon (Jared Leto, links) und Ron (Matthew McConaughey) Foto: Verleih
Seltsames Paar: Rayon (Jared Leto, links) und Ron (Matthew McConaughey) Foto: Verleih

Stuttgart - Hoch die Beine, raus die Hörner, krumm den Buckel, herum mit dem wuchtigen Kopf, noch mal ein Satz, jetzt die Vorderbeine eingestemmt, das Hinterteil mit Schmackes hochgerissen: die Bullen toben, sie wollen nachvollziehbarerweise nicht geritten werden. Aber da sind ein paar Menschen, die sie – für einige Sekunden jedenfalls – dazu zwingen wollen, Reittiere zu sein. Wir sind in „Dallas Buyers Club“ mittendrin in einem Rodeo in Texas, dessen Hauptattraktion des Bullenreitens den Pioniergeist des Wilden Westens ausdrückt: Geht nicht gibt’s nicht.

Nach diesem Motto lebt auch Ron Woodroof, aber in der Tagdiebvariante. Der zähe, hagere Kerl macht Geschäfte, die verboten sind, schließt Wetten ab, die er sich nicht leisten kann, und spuckt Versprechen, die er nicht zu halten vorhat. Er ist aber nicht der Erfolgreichste seiner Zunft, wie wir am Rand des Rodeos beobachten können. Nach verlorener Wette jagen ihn die Geprellten, und der Dealer, Zocker und Lügner Ron (Matthew McConaughey) bettelt einen Polizisten an, ihm Schutz zu gewähren.

Bis der in Kanada geborene Regisseur Jean-Marc Vallée („C.R.A.Z.Y.“) und die Drehbuchautoren Craig Borten und Melisa Wallack mit dieser Exposition durch sind, ist wohl jeder Gedanke daran verflogen, „Dallas Buyers Club“ könnte ein erstickend pietätvolles Problem-Hochamt werden. Ein bloßes Gaunerstück aus der von Hollywood kaum noch gezeigten Welt des heutigen Westens aber ist dies trotzdem nicht. „Dallas Buyers Club“ funktioniert, ohne die Tugenden des Amüsierkinos aufzugeben, als Geschichtslektion über die Aidskrise der Achtziger – und als boshaft kluge Entlarvung eines Gesundheitssystems, dessen Regeln an den Bedürfnissen der Pharmaindustrie ausgerichtet sind.

Als er hört, dass er krank ist, wird Ron aggressiv

Schwulenhass, miese Witze über Tunten, kampfhahnhaftes Machogehabe gehören zum kreuz und quer durchs Rotlicht vögelnden Ron Woodroof wie Schnauzbart und Stiefel. Keiner, den er kennt, kann sich Kontakt mit Homosexuellen anders vorstellen als in Form von Anpöbeln und Verprügeln. Als ihm ein Arzt eröffnet, er könne an jener neuen Krankheit leiden, die Ron bisher für einen verdient bösen Ausrottungswitz der Natur auf Kosten irgendwelcher Perverser hielt, kann er nur mit einem Aggressionsausbruch reagieren. Aber das ändert nichts an den Fakten. Er hat Aids, und in den Achtzigern kommt diese Diagnose noch einem Todesurteil gleich.

Tun Sie alles, tun Sie’s jetzt, geben Sie mir die doppelte Dosis: diese Verzweiflung des Kranken gegenüber den Ärzten überkommt auch Ron. Ganz schnell merkt er, wie wenig die Schulmedizin vermag. Ron, zuvor kein Mann mit Informationshunger, macht sich schlau, liest von unerprobten Medikamenten, von Testreihen hie, Forschungen dort. Die neuen Mittel aber darf ihm kein Arzt in den USA verschreiben.

Und so kommt dieser auf einer wahren Geschichte beruhende Film zu seinem Titel. Ron gründet eine Interessengemeinschaft der Kranken, er setzt seine Talente als Dealer ein, er operiert in der Grauzone zwischen Privatinitiative und Gesetzesbruch. Bald kämpft er mit mal bedauernd auf Paragrafen beharrenden, mal auch sehr aktiv jede Selbsthilfe kriminalisierenden Behördenvertretern um sein Leben und das der anderen.

Beide Darsteller sind für einen Oscar nominiert

Im klassischen Stil einer Entwicklungsgeschichte Hollywoods lernt Woodroof jene zu tolerieren, schließlich zu mögen, die er zuvor gehasst hat. Jared Leto spielt den Transsexuellen Rayon, dessen Krisen und Nöte Ron hautnah mitbekommt, so großartig wie Matthew McConaughey den homophoben Rohling, der sich unter Mühen wandelt und dabei mit dem Verfall der eigenen Kräfte klarkommen muss. Beide sind für einen Oscar nominiert, „Dallas Buyers Club“ steht im Rennen um den Oscar als bester Film.

Der Entwurf zu diesem Projekt stammt aus den Tagen, von denen der Film erzählt. Jahrzehntelang wurde das Projekt durch diverse Vorbereitungsphasen umhergeschoben, und als nun endlich der Dreh beginnen sollte, fiel im letzten Moment wieder die Finanzierung auseinander. Diesmal aber schnürte man ein sehr viel kleineres Notpaket, und die schnelle Vor-Ort-Fotografie, die abgespeckte Ästhetik, die schmutzige Anmutung billiger echter Schauplätze passen bestens zur Geschichte. „Dallas Buyers Club“ ist vitales, kratzbürstiges, dichtes, spannendes und amüsantes Kino, mit dem Nervenkitzel eines Bullenritts, aber ohne den Makel der Sinnlosigkeit solcher Rodeo-Mutproben.

Dallas Buyers Club. USA 2013. Regie: Jean-Marc Vallée. Mit Matthew McConaughey, Jared Leto, Jennifer Garner, Steve Zahn. 117 Minuten. Ab 12 Jahren.