Filmkritik: „Nocturnal Animals“ Herausgerissene Herzen

Von Kathrin Horster 

Kunst kann leidenschaftlich, grausam, zynisch, verletzend sein. Der Modestar Tom Ford erzählt in seinem zweiten Spielfilm von wahrer Kunst und herber Rache.

Innere Leere macht schlaflos: Amy Adams in „Nocturnal Animals“. Foto: Verleih
Innere Leere macht schlaflos: Amy Adams in „Nocturnal Animals“. Foto: Verleih

Innere Leere macht schlaflos: Amy Adams in „Nocturnal Animals“. Foto: Verleih Stuttgart - Kunst kann leidenschaftlich, grausam, zynisch, verletzend sein. Je größer der Schock, desto nachhaltiger die Wirkung. Diesem Leitsatz scheint auch Tom Ford, der in den Neunzigern die Modemarke „Gucci“ erneuert und 2009 sein Filmdebüt „A Single Man“ vorgelegt hat, in „Nocturnal Animals“ zu folgen. In der Verfilmung von Austin Wrights Thriller „Tony & Susan“ positioniert er Schönes und Schreckliches nebeneinander.

Zu Beginn herrscht Desorientierung. Auf der Leinwand erscheinen wuchtige, unbekleidete Rubensfrauen vor einem roten Samtvorhang. Die Burlesque-Tänzerinnen sind Teil eines Mixed-Media-Werks, das die Protagonistin Susan Morrow (Amy Adams) in ihrer Kunstgalerie in Los Angeles wohlhabenden Kaufinteressenten präsentiert. In fragilen Stilettos stöckelt sie zwischen den Vernissage-Besuchern umher, in der Hand ein Glas Champagner.

Es ist ein wichtiger Abend, denn das Geschäft schwächelt. Die Leute wollen nur schauen, aber nicht kaufen. In dieser Situation ist Susan völlig allein. Ihr Mann Hutton (Armie Hammer) täuscht eine Geschäftsreise vor. In Wahrheit leistet er sich Liebesstunden mit mit einem jungen Model in einem abgeschmackt teuren Hotel.

Drei zunächst getrennten Ebenen durchdringen einander zunehmend

Es sind Bilder innerer Leere, die Ford in Kontrast zu visueller und materieller Übersättigung auf die Leinwand tuscht. Kein Wunder, dass Susan in ihrem Luxuskäfig aus Stahl, Beton und Glas nicht schlafen kann. Glatt, kalt und unberührt ist alles darin. Der herrliche Nachthimmel, den Kameramann Seamus McGarvey als petrolfarbene Samtstoffbahn fotografiert, spendet keinen Trost.

Um sich abzulenken, liest Susan ein Manuskript ihres Ex-Mannes Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal). Vor Jahren hat sie sich von ihm getrennt, weil er ihr im Vergleich mit dem erfolgssüchtigen Hutton zu idealistisch und weich erschien. Nun möchte Edward Susans Einschätzung des neuen Romans, bevor er ihn den Lektoren anbietet. Die Widmung „Für Susan“ schmeichelt der Schlaflosen zunächst, doch bald merkt sie: Dies ist etwas anderes als ein freundlicher Gruß. In „Nocturnal Animals“ geht es um enttäuschte Gefühle und Erwartungen, um Schmerz, Einsamkeit und um Rache. Aber wie die genau aussieht, wer sich an wem rächt und warum, das verschleiert Ford lange und geschickt.

Die Handlung spielt sich auf drei zunächst getrennten Ebenen ab, die einander zunehmend durchdringen. Auf der ersten Ebene finden wir das trübe Eheleben von Susan und Hutton, auf der zweiten die Vergangenheit von Susan und Edward. Auf der dritten liegt eine völlig andere Welt, jene von Edwards Roman. Hier entwickelt sich ein tragischer Hard-Boiled-Krimi in staubig-schwüler Szenerie.

Susan wird beim Lesen zur aktiv Mitfühlenden

Im Zentrum steht Tony Hastings, der in Susans Fantasie Edward zum Verwechseln ähnlich sieht (und den ebenfalls Gyllenhaal spielt). Tonys Familie wird bei einer nächtlichen Autofahrt durch die Wüste von einer Gang überfallen. Der vergeistigte Mathematiker kann nicht verhindern, dass die brutalen Typen seine Frau und seine Tochter verschleppen. Nicht nur die Romanfigur wird von Hilflosigkeit und Schuldgefühlen überwältigt, auch Susan, die beim Lesen zur aktiv Mitfühlenden wird.

Die Auflösung des großen Ganzen erscheint gegenüber der klug verschlungenen Konstruktion geradezu banal, aber sie schlägt hart ein. Nur soviel: Susan begreift den Unterschied zwischen einer gefälligen Kunst, die nur vordergründig Tabus bricht, und einer, die als gnadenloser, klarer Spiegel die menschliche Beschränktheit zurückwirft. Beschämt bleibt Susan zurück, mit herausgerissenem Herzen. Eine bittere Moral, exquisit verpackt: So grausam schön kann Kunst sein.




Unsere Empfehlung für Sie