Filmkritik: On the Rocks Köstlicher Bill Murray im Familien-Aufruhr

Von Bernd Haasis 

Sofia Coppola erzählt in „On the Rocks“ eine zauberhafte Vater-Tochter-Geschichte. Leider wurde die Hommage ans alte Hollywood nicht fürs Kino produziert – sondern vom Streamingdienst Apple TV+, wo sie vom 23. Oktober an läuft.

Gemeinsames Pfeifen verbindet: Rashida Jones und Bill Murray als Tochter und Vater in „On the Rocks“ Foto: Apple 6 Bilder
Gemeinsames Pfeifen verbindet: Rashida Jones und Bill Murray als Tochter und Vater in „On the Rocks“ Foto: Apple

Stuttgart - Sofia Coppola ist eine Meisterin der menschlichen Zwischentöne: Jede kleine Freude, jedes kleine Unbehagen, jedes kleine Fragezeichen erblüht in ihren Filmbildern subtil und doch unübersehbar. Schauspieler wachsen unter ihrer Regie über sich hinaus, selbst gestandene wie Bill Murray, der schon in Coppolas Film „Lost in Translation“ (2003) glänzte als stiller Melancholiker, dem die zarte Freundschaft zu einer jungen Frau (Scarlett Johansson) ein neues Leben schenkt. In „On the Rocks“ nun spielt er die genau entgegengesetzte Rolle, die er genauso gut kann: den eloquenten Lebemann, wie er ihn in zynischer Ausprägung schon in der Highschool-Farce „Rushmore“ (1998) gegeben hat.

Murray trifft auf Rashida Jones, die Tochter des Musikproduzenten Quincy Jones, die hier in einer Hauptrolle zeigen darf, was sie kann: Sie spielt Laura, eine prototypische Frau und Autorin in New York, die zugunsten ihres Mannes Dean (Marlon Wayans) beruflich zurückgesteckt hat und die beiden Töchter großzieht, während er Karriere macht. Nun steht der Verdacht im Raum, dass Dean sie betrügt. Als Detektiv drängt sich ausgerechnet Lauras haltloser Vater Felix (Murray) auf, ein Verführer und Kunstsammler mit ausschweifendem Lebenswandel. Eine wunderbar leichte Vater-Tochter-Komödie entspinnt Coppola, wobei Felix seine Tochter trickreich aus ihrer Schreibblockade und ins Leben zurücklockt.

Der Vater lockt die Tochter zurück ins Leben

Murrays Darbietung ist zum Niederknien. Er ermuntert seine Tochter auf dem Rücksitz seiner Limousine, endlich Pfeifen zu lernen, er bringt seinen kleinen Enkelinnen Pokern und Bluffen bei, er holt Laura im roten Oldtimer-Cabrio zur Observierungsfahrt ab, er charmiert sich binnen Sekunden aus jeder Klemme und schaut verträumt Monets Gärten von Giverny an. In einer mexikanischen Strandbar singt Felix die Schnulze „Mexicali Rose“, er macht jeder vorbeikommenden Frau Komplimente und hält grenzwertige Vorträge übers Paarungsverhalten: „Männchen müssen einfach um die Vorherrschaft kämpfen und darum, alle Weibchen zu schwängern.“

Jones schafft es, neben Murray zu bestehen, und ihr gelingt der Spagat, sowohl sehr gewöhnlich zu wirken als auch ganz besonders attraktiv. Nur so kann der Film funktionieren, denn er dreht sich um ein zentrales Dilemma vieler hochgebildeter Mütter und Hausfrauen, die mit einem Alltag voller Banalitäten kämpfen, die nicht selten von anderen Hausfrauen und Müttern ausgehen. Als Lauras Mann an ihrem Geburtstag mal wieder auf Dienstreise ist und ihr aus der Ferne einen Thermomix schenkt – was für ein Signal! –, schickt ihr Vater einen riesigen Strauß Rosen und führt sie gegen ihren Widerstand zum Essen aus („You can’t not celebrate your birthday!“) – ganz Galan alter Schule in den legendären 21 Club an einen besonderen Tisch.

Eine Hommage an Hollywood

Im intensiven Austausch von Laura und Felix über die Liebe und das Leben kocht bald der eigene familiäre Konflikt hoch – inklusive der Frage, ob er womöglich etwas wiedergutzumachen versucht.

Sofia Coppola erreicht, was so nur das Kino kann: Sie lässt ihr Publikum 90 Minuten lang mit der Heldin und ihrem zweifelhaften Mentoren lachen, fiebern und leiden und schickt es nach 90 Minuten mit einem erhabenen Gefühl zurück ins eigene Leben. Das New York Woody Allens steckt in „On the Rocks“, die Kulisse und die überbordenden Jazzsongs von einst erinnern an die Glanzzeiten Hollywoods. Das ist bezaubernd und zugleich sehr seltsam – denn nicht eines der großen Studios der einstigen Traumfabrik hat diesen Film finanziert, sondern der Streaming-Dienst Apple TV+. Deshalb kommt auch diese Hollywood-Hommage, wie seit der Netflix-Produktion „Roma“ so viele Spielfilme, nicht in die Kinos.

Coppola ist ein Kinofrau

Die Streaming-Dienste trifft keine Schuld: Sofia Coppola ist eine Kinofrau, sie hätte eine Chance auf die große Leinwand sicher genutzt. Doch offenbar hat ihr kein Studio ein vernünftiges Angebot gemacht – jedenfalls kein konkurrenzfähiges. Das ist kaum zu begreifen angesichts der Qualitäten der Regisseurin, zumal im Verbund mit Bill Murray – ein wenig wirkt das so, als wollten die Kinoproduzenten sich und ihr Medium selbst abschaffen.

On the Rocks. Regie: Sofia Coppola. Mit Bill Murray, Rashida Jones, Marlon Wayans. 96 Minuten. Von 23. Oktober an auf Apple TV+ – nur für Abonnenten.

Sofia Coppolas Filme

The Virgin Suicides (1999): Die Adaption des gleichnamigen Romans von Jeffrey Eugenides fängt das Lebensgefühl weiblicher Teenager ein.

Lost in Translation (2003): Bill Murray und Scarlett Johansson als verlorene Seelen in Tokio finden zu einer wunderbaren Freundschaft.

Marie Antoinette (2006):
Das luxuriöse Nichtstun der Reichen und Schönen erscheint hier zeitlos und gegenwartsbezogen.

Somewhere (2010):
Ein gelangweilter Hollywood-Star reift an der Aufgabe, sich plötzlich um seine 11-jährige Tochter kümmern zu müssen.

The Bling Ring (2013): Eine Promi-süchtige Gang von Teenagern bricht in die Luxusvillen ihrer Idole ein und beraubt sie.

Die Verführten (2017):
Der verletzte Soldat im Mädchenpensionat hat hier wenig Macht – die Frauen bestimmen über sein Schicksal.




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