Filmkritik: „Saint Amour“ Liebenswerte Bauerntrampel

Von Bernd Haasis 

Das Landleben ist hart. Darum gehen Benoît Poelvoorde und Gerard Dépardieu als Bauernduo in „Saint Amour“ auf Erholungstour. Daraus wird ein satirisches Märchen, das auch von untergegangenen Werten erzählt.

Benoît Poelvoorde und Gerard Dépardieu gehen in „Saint Amour“ auf Tour. Foto: Concorde 8 Bilder
Benoît Poelvoorde und Gerard Dépardieu gehen in „Saint Amour“ auf Tour. Foto: Concorde

Stuttgart - Ein Vater-Sohn-Gespräch unter Bauern: Der Alte redet von „Furchen des Lebens“, weil er keine anderen Bilder hat, der Junge trinkt Rotwein auf ex, obwohl ihn die Sauferei gerade erst auf der Landwirtschaftsmesse im Ferkelgehege hat aufwachen lassen. Es gibt einen handfesten Grund für beider Sinnkrise, die in diesem Roadmovie zu den besten französischen Weinlagen führt mit einem schnöseligen jungen Taxifahrer. Sie treffen eine Kellnerin, die die Staatsverschuldung um den Schlaf bringt, versumpfen mit Jung­gesellinnen und finden eine entrückte Schöne mit sehr besonderem Anliegen.

Gustave de Kervern und Benoît Delé­pine bereichern das europäische Independent-Kino mit radikalen Werken. In „Louise Hires A Contract Killer“ (2008) zeigten sie eine Belegschaft, die nach der Schließung der Fabrik einen Killer auf den Chef ansetzt, in „Mammuth“ (2010) Gérard Depardieu als lebensunfähigen Koloss, der um seine Rente ringt, in „Der Tag wird kommen“ (2012) zwei Gescheiterte, die mitten im kommerziellen Elend eines Gewerbegebiets vergeblich die Revolution ausrufen.

Abgehängt vom Kapitalismus

Auch in „Saint Amour“ frönt das Duo wieder seiner Lust an Dekonstruktion und Dadaismus, es erweist Jacques Tatis Sinn fürs Absurde die Ehre und zelebriert lakonische Momente wie Aki Kaurismäki. Im Zentrum stehen erneut Abgehängte des Turbokapitalismus, die nun selbst nach ihrer Daseinsberechtigung fragen. Dabei führen Kervern und Delépine die beiden entwurzelten Bauerntrampel nie vor, sondern verdichten sie zu liebenswerten Typen, ohne die die Welt ärmer wäre. Anfangs lassen sie sich viel Zeit und agieren fahrig mit der Handkamera, doch bald kommt ihr satirisches Märchen richtig in Fahrt, die Bilder werden scharf, das Ziel klar.

Benoît Poelvoorde, 2015 großartig als Gott in „Das brandneue Testament“, brilliert als versoffener Liebessuchender, der sich vergeblich das Resthaar auf der Stirn glättet und lange braucht, ehe er in Gegenwart von Frauen akzeptable Worte findet. Köstlich, wie er die zehn Stadien der Trunkenheit schildert, begleitet von entwürdigenden Rückblenden. Gérard Depardieu gibt kongenial einen Gemütsmenschen, der beinahe untergegangene Werte verkörpert, Vincent Lacoste („Lolo“) einen herrlichen Luftikus, der Autor Michel Houellebecq einen debilen Hotelier und Céline Sallette die bedürftige Venus, die am Ende im grünen Minikleid auf einem Rappen vor Eiffelturmkulisse thront.

Die über weite Strecken absurde Selbstsuche endet versöhnlich – und das ist vielleicht der beste Gag in diesem sehr französischen Film, der lange Zeit nur so tut, als handle er von der Sinnlosigkeit allen menschlichen Strebens.

Saint Amour. Frankreich, Belgien 2016. Regie: Benoît Delépine, Gustave de Kervern. Mit Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde. 101 Minuten. Ab 12 Jahren.