Filmstarts am 26. August Sextherapie und ein Fernsehtribunal

Von Bernd Haasis 

Der Dokumentarfilm „Fragen Sie Dr. Ruth“ porträtiert einfühlsam die Sex-Therapeutin und Holocaust-Überlebende Ruth Westheimer, das iranische Drama „Yalda“ zeigt eine TV-Show auf Leben und Tod.

Trotz allem fast immer fröhlich: Die Sextherapeutin  Ruth Westheimer ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Foto: Hulu/Austin Hargrave 32 Bilder
Trotz allem fast immer fröhlich: Die Sextherapeutin Ruth Westheimer ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Foto: Hulu/Austin Hargrave

Stuttgart - Welche Filme starten neu in den Kinos, welche lohnt es sich anzuschauen? Wir geben einen Überblick.

Fragen Sie Dr. Ruth

Dr. Ruth Westheimer ist eine Holocaust-Überlebende – und die wohl bekannteste Sex-Therapeutin der Welt. Ihre Beratungssendung „Sexually speaking“ im New Yorker Radio der achtziger Jahre wurde zum Hit, weil damals niemand sonst so offen über Sex sprach und dabei praktische Lebenshilfe bot. Bald saß „Dr. Ruth“ in den Talksendungen von Johnny Carson, David Letterman und Arsenio Hall und startete eigene Fernsehshows.

Der Dokumentarfilmer Ryan White hat ein einfühlsames Porträt der vor Energie strotzenden alten Dame gedreht, die ihre Kinder als „Wirbelwind“ bezeichnen. Er zeigt viele Ausschnitte, in denen sie sehr explizit beschreibt, wie Frauen zum Orgasmus kommen können, wie sich ein Samenerguss hinauszögern lässt und wieso sie das Wort „normal“ in seiner abgrenzenden Bedeutung hasst: „Wir sind doch alle normal.“ Moderatoren wie Zuschauer erröten, kichern, schlagen Hände vors Gesicht – Dr. Ruth hat das verklemmte Amerika kräftig durchgeschüttelt.

Parallel dazu geht White auf eine Reise durch ihre bewegte Lebensgeschichte. 1928 geboren als Karola Ruth Siegel als einzige Tochter von jüdischen Eltern in Frankfurt, verschickten diese sie 1938 zum Schutz vor den Nazis in ein Waisenhaus in die Schweiz. Sie überlebte alleine den Holocaust, wurde in Israel durch eine palästinensische Bombe verwundet, schaffte es an die Pariser Sorbonne und wanderte schließlich in die USA aus, wo sie ihre eigene Familie findet und mit 42 ihren Doktor in Psychologie machte. Animierte Szenen, gelesene Tagebucheinträge und Einwürfe von Wegbegleitern illustrieren den Schrecken ihrer Kindheit – Westheimer hat White viel gegeben, und er revanchiert sich mit einer maximal respektvollen Darstellung.

Die nur 1,40 große, fast immer fröhliche Dr. Ruth zieht überall sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Sie lacht gerne, hat einen guten Humor und gewinnt schlagfertig praktisch jedes Rededuell – dabei spricht sie Englisch bis heute mit einem starken deutschen Akzent. Westheimer kennt keine Kompromisse, wenn sie das Recht auf Abtreibung verteidigt oder Homosexualität. Sie sei doch eine Feministin, sagen ihre Tochter und ihre Enkelin, doch Dr. Ruth beharrt darauf, unpolitisch zu sein. Die gut 90 Minuten mit dieser durch und durch beeindruckenden Persönlichkeit vergehen wie im Flug (ab 6, OmU im Atelier am Bollwerk).

Yalda

Maryam (Sadaf Asgari) ist aufgebracht, aufgewühlt, mit den Nerven am Ende. Sie ist zum Tode verurteilt, weil sie im Streit ihren viel älteren Ehemann umgebracht hat – ohne Vorsatz, wie sie beteuert. Nun sitzt Maryam im Studio eines iranischen TV-Senders und wartet auf ihre frühere Mentorin Mona (Behnaz Jafari), die Tochter ihres Mannes – die sie vor laufender Kamera freisprechen kann nach dem iranischen Gesetz der Vergeltung und Vergebung.

Dieses gibt es tatsächlich, genau wie solche Reality Shows und weitere Details, die aus westlicher Sicht äußert merkwürdig anmuten. Doch schnell wird klar, dass der Regisseur Massoud Bakhshi die archaischen Bräuche, die genauso gut biblisch sein könnten, für ein universelles, aktuelles menschliches Drama nutzt. Fürchtet Mona um ihr Erbe? Was ist mit Maryam angeblich totgeborenem Sohn passiert? Welche Rolle spielt ihre allzu treu sorgende Mutter bei der ganzen Sache? Und welche der Fensehsender?

Während sich die Ereignisse überschlagen, rückt Bakhshi seinen Figuren mit der Handkamera auf die Pelle und fängt jede Regung hautnah ein. Den Zuschauern bleibt kaum eine Minute zum Durchatmen in hoch spannenden 90 Minuten, die spätestens ab der Hälfte zum Thriller werden (ab 12, Delphi).

Weitere Kinostarts

Zehn Jahre nach „Inception“ hat Christopher Nolan wieder einen verrätselten Thriller namens „Tenet“ gedreht, mit dem er den Kinos nun den ersten großen Hollywood-Film nach der Corona-Flaute beschert (ab 12, Cinemaxx City auch OV, Cinemaxx SI, Delphi OmU, Gloria). In dem chinesischen Trickfilm „Die Boonies – Eine bärenstarke Zeitreise“ geraten zwei Bärenbrüder in die Steinzeit, wo allerlei Gefahren lauern und eine verstoßene Wölfin zur Verbündeten wird (ab 6, Metropol). Ebenfalls aus China kommt der Thriller „Der See der wilden Gänse, in dem ein Gangster in Wuhan durch einen Bandenkrieg in Bedrängnis gerät (ab 16, Delphi). In dem US-Thriller „Still here“ versucht ein Reporter, ein vermisstes Mädchen zu finden “ (ab 12, Metropol), in dem Dokumentarfilm „Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba“ erforscht die Regisseurin Jana Kaesdorf die Zukunfts-Wünsche und -Hoffnungen der Insulaner (ab 12, Atelier am Bollwerk).




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