InterviewFlorian Schroeder über Querdenker „Stuttgart ist protest-muskulär gut vorgewärmt“

Von Uwe Bogen 

Im Netz wird Florian Schroeder gefeiert, weil er Querdenker bloßgestellt hat. Wir sprachen mit dem Kabarettisten über die Riesenresonanz der Aktion und fragten ihn, warum gerade von Stuttgart die Proteste gegen Corona-Gesetze ausgehen.

Florian Schroeder hat unserer Zeitung erklärt, wie der Auftritt bei den Querdenkern in Stuttgart aus seiner Sicht abgelaufen ist. Foto: Frank Eidel
Florian Schroeder hat unserer Zeitung erklärt, wie der Auftritt bei den Querdenkern in Stuttgart aus seiner Sicht abgelaufen ist. Foto: Frank Eidel

Stuttgart - Zum viralen Hit ist der Auftritt von Kabarettist Florian Schroeder bei der Querdenker-Demonstration im Stuttgarter Schlossgarten geworden. Mit unserer Zeitung spricht der 40-Jährige darüber, wie sich die Aktion aus seiner Sicht abgespielt hat und wie er die vielen Reaktionen bewertet.

Glückwunsch, Herr Schroeder, zu diesem mutigen Auftritt und zu den extrem hohen Klickzahlen, die es für Ihr Video gibt. Mussten Sie Tricks anwenden, um auf die Demobühne von Stuttgart zu kommen?

Nein, man hat mich eingeladen, weil die Veranstalter eine Satire von mir im NDR-Fernsehen gesehen hatten, in der ich einen Verschwörungserzähler spiele. Der Beitrag wurde wohl ernst genommen. Die Ironie blieb auf der Strecke, und so lud man mich ein als den Bekehrten.

Am Anfang wird geklatscht, am Ende gebuht. Wie haben Sie das Kippen der Stimmung von der Bühne aus erlebt?

Ich habe mich gewundert, dass es so lange dauert. Ich hatte befürchtet, es würde schneller gehen. Ich habe gemerkt, dass es dann bei ein paar entscheidenden Keywords ganz schnell gehen kann – wie etwa die Binse, dass Corona hochgefährlich ist.

Ihre Dramaturgie war perfekt. Wie lange haben Sie sich darauf vorbereitet?

Ich habe länger darüber nachgedacht, wie viel Satire, also gezielte Irritation durch Pointen hier sinnvoll sind. Wir sind immerhin auf einer Demo und nicht in einer Stadthalle – vor einem Publikum, das nicht gezielt gekommen ist, um jemanden wie mich zu sehen, sondern eher, um jemanden wie mich nicht zu sehen.

Auf der Bühne haben Sie den Philosophen Hegel erwähnt, der in Stuttgart vor 250 Jahren geboren ist. Ist die Dialektik von Hegel nicht zu hoch für das querdenkende Publikum?

Nein, da unterscheiden sich Querdenker nicht von anderen Denkern. Ich habe die Dialektik ja auch versucht, anschaulich zu erklären, und später anhand von konkreten Beispielen klargemacht.

Hatten Sie keine Angst, dass man Ihnen den Ton abstellt oder sogar aufs Maul haut?

Nein, ich hatte in keinem Moment das Gefühl, dass die Menschen dort zur Gewalt neigen. Dass man mir den Ton abstellt, wäre im Bereich des Denkbaren gewesen, hätte aber auch nicht zu den Veranstaltern gepasst.

Sie haben beweisen, dass Satire mehr kann als lustig sein. Wie bewerten sie Ihren Auftritt im Nachhinein? Hat es sich gelohnt? Oder war es vergebliche Mühe?

Gelohnt hat es sich auf jeden Fall, weil das Video viele Menschen gesehen haben und es vielleicht einen Dialog auslöst – im kleinen Familienkreis, bei der Arbeit, wo auch ­immer. Und nur darum geht es mir ja – zu sagen: Hört Euch zu, versetzt Euch in den anderen hinein.

Wie erklären Sie sich, dass gerade in Stuttgart die Querdenker-Zentrale ist?

Stuttgart hat eine lange antiautoritäre Tradition. Man denke nur an die Anthroposophie und den Pietismus von Württemberg. Das mag eine Erklärung sein. Außerdem sind die Stuttgarter spätestens seit den Stuttgart 21-Protesten protest-muskulär gut vorgewärmt.

Wie wurden Sie bei der Demo verabschiedet?

Mit enttäuschten Blicken, ein wenig wie ein Junge, der die Erwartungen der eigenen Eltern enttäuscht hat. Ich verstehe gar nicht, warum. So schlecht war meine Rede doch auch wieder nicht.

Es war eine starke Rede für Meinungsfreiheit! Auf Ihre Frage „Wollt ihr die totale Meinungsfreiheit?“ hat die Versammlung „Ja“ gebrüllt.

Ich bin der Auffassung, dass wir überhaupt keine Einschränkung der Meinungsfreiheit haben, wie bei Corona-Demos behauptet wird. Jeder kann alles sagen. Das ist eine entscheidende Prämisse.

Wollen Sie als „Trojanisches Pferd“ noch mal wo auftauchen?

Ein zweites Mal hat so eine ­Aktion keinen Sinn, dann wissen die Menschen ja, was kommt. Das lebt von der Einmaligkeit.

Haben Sie mit dem riesigen Echo gerechnet?

Ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte, aber ich habe mir im Lauf meiner Karriere abgewöhnt, Dinge vorhersehen zu wollen. Insofern haben mich die vielen Reaktionen überrascht.




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