Flüchtlinge in Stuttgart-Wangen Integrierte Roma-Familie mitten in der Nacht abgeschoben

Von Mathias Kuhn 

Mitten in der Nacht wurde die vierköpfige Roma-Familie Islamovski nach Nordmazedonien abgeschoben. Freunde fordern ein Rückkehrrecht für die gut integrierte Familie.

Der 15-jährige Kemal  ist bestens integriert. Dennoch wurden er und seine Familie abgeschoben. Foto:  
Der 15-jährige Kemal ist bestens integriert. Dennoch wurden er und seine Familie abgeschoben. Foto:  

Wangen - Barbara Mobley und Niels Clasen sind noch immer geschockt: Am 27. September erhielt Clasen in der Nacht einen Anruf von der Familie Islamovoski. Aufgelöst berichtete der 15-jährige Kemal, dass Polizeibeamte sie aus dem Schlaf gerissen und aufgefordert hätten, ihre wichtigsten Sachen zusammenzupacken. Sie würden nach Nordmazedonien abgeschoben.

Die Roma-Familie war 2015 wegen ständiger Repressalien nach Deutschland geflüchtet, zuerst in der Flüchtlingsunterkunft Viehwasen, später in Untertürkheim untergekommen. „Seit einem Jahr bewohnen sie eine Dachgeschosswohnung in den Renzwiesen und haben sich super im Stadtbezirk integriert. Ein Traum schien in Erfüllung zu gehen“, erzählt Mobley. Doch dieser endete am 27. September jäh. Nachts um 3 Uhr wurden die Eltern, Kemal und seine zehnjährige Schwester Gjulten durch Lärm geweckt. Polizisten standen vor der Tür.

Von Baden-Baden nach Nordmazedonien

Trotz der Warnung, dass der Familienvater erst wenige Tage zuvor wegen einer Herzattacke im Krankenhaus behandelt worden war, blieb der Familie nur eine Stunde, um Unterlagen zusammenzusuchen. Um 4.15 Uhr wurden sie – getrennt in zwei Fahrzeugen – zum Abschiebeflughafen Baden-Baden gekarrt und noch am Vormittag nach Nordmazedonien gebracht. Zurück in ein ungewisses Leben.

„Die Abschiebung kam für uns völlig überraschend, weil die Familie am 8. Oktober einen Termin bei der Ausländerbehörde der Stadt hatte. Dass dieser Termin nicht abgewartet wurde, ist für uns alle unbegreiflich“, sagt Rosa Maria Lopez Alonso, die Leiterin der Familie im Zentrum (FiZ). Auch sie kennt die Familie und vor allem Kemal und Gjulten seit Langem.

Eine hilfsbereite und engagierte Familie

Die Unterstützer sind fassungslos. Denn die Familie habe sich gut in Wangen eingegliedert. Die Eltern waren in einem türkischen Supermarkt angestellt, hatten über ihren Arbeitgeber die Wohnung in Arbeitsplatznähe vermittelt bekommen. Die Mutter spricht perfekt Deutsch. Zudem beherrscht sie Albanisch, Mazedonisch, Serbokroatisch und Türkisch – was ihr im Supermarkt half. In den Flüchtlingsunterkünften wurden ihre Dolmetscherfähigkeiten geschätzt, oftmals vermittelte sie, half oder übersetzte für andere Geflüchtete bei Arzt- oder Behördengängen.

Auch Kemal hat sich sozial engagiert, besuchte die achte Klasse der Wilhelmschule Wangen, absolvierte ein Praktikum beim FiZ, half dort darüber hinaus ehrenamtlich in der Kinderbetreuung. Im Januar wollte er ein zweites Praktikum im Generationenzentrum Kornhasen antreten. Auch im Begegnungscafé , in dem sich Geflüchtete und Wangener trafen, oder bei Veranstaltungen des Wangener Flüchtlingskreises half er regelmäßig mit.

Familie kommt notdürftig bei Verwandten unter

Wieso müssen Menschen, die hier Geld verdienen, die Steuern zahlen, sich sozial engagieren und hier erfolgreich die Schule absolvieren, abgeschoben werden, fragen sich die Unterstützer. Zumal die Nachrichten aus Mazedonien nicht ermutigend sind. Die Islamovskis kamen notdürftig bei einer Verwandten in der Kleinstadt Resen unter. Kemal verdient momentan bei der Apfelernte Geld für die Familie – 20 Euro für zwölf Stunden Arbeit.

Unter der Regie des FiZ haben die Wangener mehr als 1000 Euro gesammelt, die ein Vertrauensmann nach Mazedonien bringen wird. Die Unterstützer sammeln weiter Spenden und Unterschriften. Sie wollen mit einer Petition im Landtag, das Recht zur Rückkehr erwirken. Ob im türkischen Supermarkt, beim FiZ, in der Schule, im Cannstatter Jugendhaus, bei Veranstaltungen in Wangen und anderswo kamen mehrere hundert Unterschriften zusammen.

Die Hoffnung der Unterstützer ruht auf Aussagen von Integrationsminister Manne Lucha und der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, wonach die Duldungsregelung für gut integrierte Geflüchtete in Baden-Württemberg dringend nachgebessert werden sollte.

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