Flüchtlingscamp in Gaza Mit Farben gegen die Tristesse

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Eine Kunstaktion in dem Flüchtlingslager Schati schafft mit bunten Farben ein neues Lebensgefühl in Gaza-Stadt.

Die Buntheit tut gut: Eine junge palästinensische Künstlerin verschönert eine Mauer in Gaza-Stadt. Foto: AFP
Die Buntheit tut gut: Eine junge palästinensische Künstlerin verschönert eine Mauer in Gaza-Stadt. Foto: AFP

Gaza-Stadt - Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen. So ungewohnt ist der Anblick eines Flüchtlingslagers im Farbenrausch. Wer mal in Gaza war, behält vor allem das Bild von Armut und Elend in Erinnerung: unverputzte Billigbauten aus nacktem Beton, klaffende Bombenlöcher vom letzten oder vorletzten Krieg, dazwischen Müll, den meist nur der Seewind zusammenfegt. Aber jetzt reihen sich Fassaden in Pink und Lindgrün, Lila, Orange und hellem Meeresblau kilometerlang auf der Küstenstraße des Schati-Camps aneinander. Sonst prangte dort höchstens militante Märtyrer-Graffiti an den Hauswänden. Alles so schön bunt hier, würde Nina Hagen singen.

Den meisten der Bewohner scheint die farbige Verwandlung zu gefallen. Einige haben sogar Blumentöpfe vor die Tür gestellt. „Die Leute überfluten uns aus Dank geradezu mit Tee und Kaffee“, erzählt Dalia Abdel Rahman, eine junge palästinensische Künstlerin, die das Projekt vor einem Monat initiiert hat. „Gaza ahla“ heißt es, „schöneres Gaza“. Unterstützt wird es von Padico, eine Gesellschaft palästinensischer Privatinvestoren aus Ramallah, die mittels eines anonymen Spenders die Unmengen an Farben finanziert.

Abdel Rahman hatte keine Mühe, rund dreißig Freiwillige aus dem Lager aufzutreiben, die bei der Malaktion mitmachen – ehrenhalber versteht sich. Ein Vorläuferprojekt, bei der Dalia Abdel Rahman vor einem Jahr Felsen im Fischerhafen von Gaza-Stadt bemalte, war bereits auf begeisterte Zustimmung gestoßen. „Kommt doch auch in unsere Nachbarschaft“, bekam sie immer wieder zu hören.

Die Farbe tut allen gut

Den Zuschlag erhielt Schati, das herunter gekommene Flüchtlingslager mit Meerblick. Den Helfern winkt als Lohn ein Taschengeld und ein Geschenk, wenn alles fertig sein wird. „Wir sind doch sowieso arbeitslos“, sagt einer von ihnen, Mahmud Abed, 29. „Aber hier tun wir etwas Sinnvolles, das die Einstellung in den Köpfen verändert.“ Die drei Kumpels aus seinem Team, allesamt mit Farbklecksen übersät, sehen die Sache ähnlich. Sie reden von neuer Hoffnung und davon, dass ihr Einsatz die Menschen in Gaza ein bisschen glücklicher mache. „Die Farbe tut allen gut“, sagen­ sie.

Die Verhältnisse hinter den nun farbenfrohen Fassaden bleiben freilich wie gehabt: eng, stickig und in sanitärer Hinsicht höchst mangelhaft. Kann da allein das bunte Übertünchen von Bruchbuden etwas verbessern? Die Künstlerin ist davon überzeugt. „Die Farbe beeinflusst die Leute positiv, sie sehen die Dinge anders, das ist so wichtig nach dem letzten Krieg“, meint Dalia Abdel Rahman. Die Bewohner sehnten sich nach einem Neuanfang, nach einem Ausbruch aus der Tristesse. Das habe sich schon bei der Farbauswahl gezeigt, die bei manchen Bewohnern heiße Diskussionen auslösten, als ob ein Politikum zu verhandeln wäre.

Helfen, wo Not am Mann ist

„Mach mir nur kein Blau wie die Polizei es hat, kein Grün wie die Hamas und kein Gelb wie die Fatah“, hat sie immer wieder zu hören bekommen. Die Favoriten sind denn auch violett und rosa. Gaza soll schöner werden, vielleicht sogar lebenswerter. Laut der wissenschaftlich belegten „Broken-Windows-Theorie“ ist das nicht unmöglich. Sie besagt, dass vernachlässigte Wohngebiete Vandalismus und Kriminalität erzeugen. Zerbrochene Fenster, die nicht repariert werden, ziehen weitere Zerstörung nahezu zwangsläufig nach. Umgekehrt gilt: schon äußerliche Investitionen in die Lebensqualität regen die Eigeninitiative der Bewohner an.

Das Schati-Camp scheint diese Theorie zu stützen. Die Küstenstraße ist sauberer geworden, die stinkigen Ecken sind verschwunden. Selbst das rostige Straßengitter am Steilhang zum Strand, wo sich die Schati-Jugend trifft, strahlt nun in glänzendem Schwarz-Weiß. Die freiwilligen Anstreicher-Teams greifen auch mal zu Hammer und Nagel oder Gipseimer, um eine brüchige Wand zu befestigen. „Wir helfen, wo Not am Mann ist“, lautet ihr Motto. Verstärkt werden sie von Künstlern aus Gaza, die Ornamente und Blumen aufmalen, bevorzugt an den Häusern von Flüchtlingen, denen es besonders schlecht gehe. Wie nachhaltig das sein wird, muss sich zeigen. Die Außenfarben dürften jedenfalls im salzigen Seewind bald verblassen. Aber warum Glücksmomente in Gaza kleinreden? Sie sind selten genug.