Flüchtlingsprojekt in Filderstadt Bücherbäume erzählen vielerlei Geschichten

Von Alessa Becker 

Bei einem Kunstprojekt in Filderstadt haben Flüchtlinge Büchertauschregale gebaut, die öffentlich aufgestellt werden. Sie sind mit Schnitzereien verziert und bemalt. Die Motive haben ihre ganz eigene Bedeutung.

Ali und Birgit Rehfeld montieren ein Türchen am Bücherbaum. Der 25-Jährige hat das Wappen Baden-Württembergs als Vorlage für die Verzierung genommen Foto: Alessa Becker
Ali und Birgit Rehfeld montieren ein Türchen am Bücherbaum. Der 25-Jährige hat das Wappen Baden-Württembergs als Vorlage für die Verzierung genommen Foto: Alessa Becker

Filderstadt - Ali ist konzentriert. Er taucht seinen Pinsel in gelbe Farbe, dann in Rot. Neben ihm macht Hadi einen Witz und alle lachen. Sein weißes Shirt ist voller Farbkleckse, rote und gelbe. „Hier ist eine positive Stimmung in der Luft, so viel Offenheit und Lust auf alles, was kommt“, sagt die Künstlerin Birgit Rehfeld. Sie betreut gemeinsam mit ihrem Ehemann Uli Gsell das Projekt, für das Ali und Hadi ihre Shirts schmutzig machen. Bücherbäume wollen sie bauen. „Ein Bücherbaum ist wie ein Regal, das in der Öffentlichkeit aufgestellt wird und aus dem sich jeder ein Buch nehmen oder eines hineinstellen kann“, erklärt Uli Gsell. Diese Bücherbäume sollen mit Literatur in den verschiedensten Sprachen gefüllt und in Filderstadt aufgestellt werden. Denn auch die Menschen, die daran arbeiten, sind international.

Deutsch gelernt und Freunde gefunden

Ali ist 25 Jahre alt und lebt seit 18 Monaten in Deutschland. Er kommt aus dem Iran. Hadi mit dem fleckigen Shirt ist 17 Jahre alt und kommt aus dem Irak. Die anderen zwölf Teilnehmer des Projekts Bücherbäume sind zwischen zwölf und 38 Jahren alt. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan und Pakistan. Das Projekt wird mit 15 000 Euro vom Land Baden-Württemberg durch das Förderprogramm „Gemeinsam in Vielfalt – Lokale Bündnisse für Flüchtlingshilfe“ finanziert.

Mitarbeiter des Amts für Integration, Migration und Soziales, der Kunstschule und der Volkshochschule Filderstadt sind daran beteiligt. „Die Geflüchteten haben im Laufe des Projekts immer mehr Deutsch gelernt und jeder hat in der Gruppe auch Freunde gefunden“, sagt Uli Gsell. Während der ersten Projektwoche Anfang März habe er den Geflüchteten die Grundkenntnisse im Umgang mit Holz beigebracht. „Manche konnten es schon gut, andere mussten sich erst mal einarbeiten, aber am Ende hat jeder von ihnen ein kleines Kunstwerk geschaffen.“ Die Integrationsbeauftragte Barbara Scheubert betont die Bedeutung solcher Erfolgserlebnisse für die Geflüchteten. „Jedes positive Erlebnis hilft, mehr in Deutschland anzukommen.“

Die Verbundenheit mit dem Land zeigen

So zum Beispiel auch Taghi Azimi, der mit seinem Sohn Omid eine Blumenranke in die Tür des Bücherbaums geschnitzt hat. „Ich war früher in Afghanistan Schreiner, deshalb macht mir das Arbeiten mit Holz besonders Spaß“, sagt er. Ali hat das Wappen von Baden-Württemberg ins Holz geschnitzt. „Ich möchte meine Verbundenheit mit dem Land zeigen, denn die Menschen hier haben mir sehr geholfen.“

Künstlerische Mittel seien ideal zur Verständigung geeignet, sagt Ali Schüler, der Leiter der Kunstschule Filderstadt. „Die Geflüchteten sitzen dann nicht nur den ganzen Tag zu Hause, sie können ihre Fähigkeiten integrieren und etwas für die Stadt tun.“ Einige Teilnehmer denken oft an ihr Heimatland, an ihre Erfahrungen mit Krieg und Gewalt. „Wir haben den Teilnehmern freigestellt, welche Motive sie wählen und einer von ihnen hat Waffen in seine Holztür geschnitzt“, sagt Uli Gsell.

Die rot-gelben Bücherbäume, die nun mit den Erfahrungen der Geflüchteten verziert und bald mit Geschichten aus der ganzen Welt gefüllt sein sollen, werden am 6. Juli vor dem Begegnungs- und Bildungszentrum WIE in Sielmingen aufgestellt. „Wir machen dann ein internationales Fest“, sagt Barbara Scheubert. Ali möchte das auf keinen Fall verpassen. „Ich habe hier Freunde gefunden, es war ein tolles Projekt“, sagt er. Vor zwei Monaten ist er aus dem Flüchtlingsheim in eine eigene Wohnung gezogen. „Nun möchte ich eine Ausbildung machen, vielleicht etwas Handwerkliches.“




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