Fluglärm im Kreis Esslingen Heftiger Widerstand gegen neue Abflugroute

Viele Menschen im  Kreis Esslingen leiden unter Fluglärm. Darüber, ob eine neue Abflugroute Besserung verspricht, wird zurzeit heftig gestritten. Foto: Horst Rudel
Viele Menschen im Kreis Esslingen leiden unter Fluglärm. Darüber, ob eine neue Abflugroute Besserung verspricht, wird zurzeit heftig gestritten. Foto: Horst Rudel

Die Fluggesellschaften Lufthansa und Eurowings planen eine neue Startkurve über der Filderebene. Damit würden viele Menschen im Kreis Esslingen vom Lärm entlastet, lautet ihre Argumentation. Doch einige Kommunen fürchten eine deutliche Mehrbelastung für ihre Bürger.

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Kreis Esslingen - Weniger Fluglärm und damit weniger gesundheitliche Belastung – für viele Menschen im Landkreis Esslingen könnte das mit einer neuen Abflugroute Richtung Süden Wirklichkeit werden, wie die Fluggesellschaften Lufthansa und Eurowings versprechen. Tatsächlich geht der Ostfilderner Oberbürgermeister Christof Bolay, zugleich Vorsitzender der Fluglärmkommission für den Flughafen Stuttgart, davon aus, dass „90 000 Menschen vom Fluglärm entlastet werden“. Doch gegen die Pläne regt sich auch heftiger Protest. Denn einige Kommunen wie beispielsweise Neuhausen, Denkendorf und Nürtingen befürchten, dass sich die Situation für ihre Bürger deutlich verschlechtern wird.

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In der jüngsten Gemeinderatssitzung in Neuhausen stellten die Piloten Valentin Reinhardt von der Lufthansa und Marc Hasenbein von Eurowings die geplante Route vor, die über den Sauhag führt, ein Naherholungsgebiet am Rande der Gemeinde. Freude haben sie wahrlich nicht ausgelöst. „Wir haben in den Akademiegärten gebaut, weil wir weg vom Fluglärm sein wollten“, machte der Neuhausener Bürger Daniel Capano seinem Ärger über die geplante Abflugroute Luft. Nun werde man erheblich stärker belastet. Er und andere Anwohner fühlten sich getäuscht, „auch wegen der Kurzfristigkeit“, mit der die geplante Routenänderung nun kommuniziert werde.

Lärmbelastung durch Autobahn, Flughafen und künftig ICE

Auch der Bürgermeister Ingo Hacker, der zudem als ständiges Mitglied in der Fluglärmkommission vertreten ist, steht dem Vorhaben ablehnend gegenüber. „Auf den Fildern gibt es bereits jetzt eine enorme Betroffenheit durch Lärm“, etwa durch die Autobahn, die Nähe zum Flughafen und in Zukunft auch durch den ICE. „Sollte die neue Flugroute so realisiert werden wie geplant, würden in Zukunft noch mehr Menschen auf den Fildern als bisher eine enorme Lärmbelastung tragen müssen, ohne dass andere spürbar entlastet werden.“ Die Räte gaben ihrem Bürgermeister mit auf den Weg, sich auch in ihrem Namen in der Kommission gegen die neue Route auszusprechen.

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Auch in der Denkendorfer Sitzung zum gleichen Thema wurden die Routen-Sachverständigen mit kritischen Fragen konfrontiert. Allein die mehr als 40 Bürgerinnen und Bürger im Zuschauerraum zeigten die Brisanz, die das Thema Lärm seit Jahren für Denkendorf hat. „Lärm macht krank. Wir sind an der Grenze dessen, was zumutbar ist“, betonte Frank Obergöker, der Vorsitzender der Freien Wählervereinigung. Bezweifelt wurde zudem vom Denkendorfer Bürgermeister Ralf Barth und von den Fraktionssprechern, dass die neue Route – wie von den Fluggesellschaften behauptet – das Oberdorf des Ortes entlastet werde. Das Unterdorf – da sind sich alle einig – würde gar noch stärker belastet als bisher. Ostfilderns Rathauschef Christof Bolay favorisiert die neue Route, denn dadurch würden die Menschen etwa in Sirnau, Berkheim, Plochingen, Ostfildern-Nellingen oder Deizisau entlastet. Bolay räumt ein, dass in Denkendorf, Köngen und Nürtingen zwar einige Bereiche neu belastet würden, doch weitere Teile profitierten von der neuen Abflugvariante. Verschlechtern würde sich die Situation allerdings für Wolfschlugen und Teilbereiche von Nürtingen wie Oberensingen und Hardt. Bolay spricht dort indes von „verhältnismäßigen Mehrbelastungen“. Sein Nürtinger Kollege Johannes Fridrich sieht das freilich anders. Er fordert zusätzliche Gutachten, um verlässliche Aussagen über die Lärmentwicklung zu bekommen. „Das Verfahren ist auf dem jetzigen Kenntnisstand nicht entscheidungsreif“, sagt Fridrich.

Neue Route ist nur bei Ostwind möglich

Die neue Route wäre nur bei Ostwind möglich, erläuterten die beiden Piloten Marc Hasenbein und Valentin Reinhardt. Für die künftig betroffenen Gebiete, zu denen neben den Nürtinger Stadtteilen Oberensingen und Hardt auch Wolfschlugen, Neuhausen, Denkendorf und Köngen gehören, würde das nach den Worten von Christof Bolay „ein bis zwei Flüge pro Stunde bedeuten“ – aber eben nur bei entsprechenden Windverhältnissen.

Die Fluglärmkommission

Die Kommunen
Je ein Mitglied der Fluglärmkommission für den Flughafen Stuttgart stellen die Städte und Gemeinden Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen, Ostfildern, Stuttgart, Denkendorf, Steinenbronn, Esslingen, Neuhausen und Schönaich. Der Vorsitzende des Gremiums ist Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay. Es gibt 15 ständige Mitglieder.

Weitere Mitglieder
Die Bundesvereinigung gegen Fluglärm, der Flughafen Stuttgart, die Luftfahrtunternehmen, die Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart, die US-Streitkräfte und das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur als oberste Landesbehörde für den verkehrsbezogenen Immissionsschutz (Schutz gegen Lärm) sind ebenfalls feste Mitglieder.

Aufgaben
 „Fluglärmkommissionen geben aufgrund ihrer Sachkunde und Ortsnähe den für den Luftverkehr verantwortlichen Behörden wichtige Anregungen, wie der Schutz der Bevölkerung vor Fluglärm verbessert werden kann.“ So würden sie helfen, die Belastung zu reduzieren, sagt die Lärmschutzbeauftragte der Landesregierung, Gisela Splett.




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