Folge der US-Corona-Politik Kanadier schotten sich gegen die USA ab

Von Gerd Braune 

Die allermeisten Kanadier wollen, dass die Grenze zu den USA geschlossen bleibt. Die Amerikaner, die Covid-19 nicht unter Kontrolle bekommen, sollen zu Hause bleiben. Wer dennoch einreist, muss mit Strafen rechnen. Immer wieder ist zu hören: „Wir brauchen eine Mauer, und Trump soll zahlen“.

Passagiere gehen am Flughafen Frankfurt am Corona-Test-Zentrum vorbei. Deutschland gewährt Menschen aus einigen Staaten außerhalb der Europäischen Union wieder die unbeschränkte Einreise. Das gilt unter anderem für Australien, Georgien, Kanada, Montenegro, Neuseeland, Thailand, Tunesien und Uruguay Foto: dpa/Boris Roessler
Passagiere gehen am Flughafen Frankfurt am Corona-Test-Zentrum vorbei. Deutschland gewährt Menschen aus einigen Staaten außerhalb der Europäischen Union wieder die unbeschränkte Einreise. Das gilt unter anderem für Australien, Georgien, Kanada, Montenegro, Neuseeland, Thailand, Tunesien und Uruguay Foto: dpa/Boris Roessler

Ottawa - Die viele Tausend Kilometer lange Grenze zwischen Kanada und den USA ist seit dem 21. März weitgehend geschlossen. So soll es nach dem Willen der überwältigenden Mehrheit der Kanadier wegen der katastrophalen Covid-19-Verbreitung in den USA vorerst bleiben. Mehr als 80 Prozent haben sich in Umfragen gegen eine Grenzöffnung ausgesprochen. Sie verleihen ihrem Wunsch mit drastischen Worten Nachdruck: „Wir brauchen eine Mauer.“

Dem in Kanada äußerst unpopulären Donald Trump werden nun dessen eigene Phrasen über den Bau einer Mauer zu Mexiko und seine grausame Politik gegenüber Einwanderern aus Mittelamerika um die Ohren gehauen. „Es ist an der Zeit, eine Mauer zu bauen und Trump dafür zahlen zu lassen“, kommentiert ein Kanadier auf der Website des Senders CTV, der über die Umfrageergebnisse berichtet hatte. „Bleibt zuhause“ und „Nein, nein nein. Zur Hölle Nein“ lauten andere Antworten auf die Frage, ob Kanadas Grenze zu den USA wieder geöffnet werden soll.

8700 Todesopfer in Kanada

Im März hatten Kanada und die USA ihre 9000 Kilometer lange Grenze für „nicht unbedingt notwendigen“ Verkehr geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Grenzüberschreitender Lastwagen- und Schienenverkehr, mit dem Lebensmittel, Medikamente und andere Versorgungsgüter sowie Material für industrielle Fertigungslinien transportiert werden, ist aber weiter in beide Richtungen möglich. Die Regelung gilt, wie Kanadas Premierminister Justin Trudeau mitteilte, vorerst bis zum 21. Juli. Dann soll neu entschieden werden.

In Normalzeiten wurden an der kanadisch-amerikanischen Grenze täglich 400 000 Grenzübertritte registriert, und der Wert des Warenflusses belief sich auf täglich 2,7 Milliarden kanadische Dollar, etwa 1,8 Milliarden Euro. Beiderseits der Grenze sind Betriebe auf die Zulieferungen aus dem Nachbarstaat abhängig. Doch der dramatische Anstieg an Covid-19-Fällen in nahezu allen Regionen der USA besorgt die Kanadier. Die USA haben etwa zehnmal so viele Einwohner wie Kanada. Mit mehr als drei Millionen Infektionen und knapp über 130 000 Todesopfern ist die Corona-Lage in den USA aber auch proportional deutlich schlechter als in Kanada mit 106 000 Infektionen und etwas über 8700 Todesopfern.

Eindeutiges Meinungsbild

Kanada ist es zudem bereits vor Wochen gelungen, den Trend nach oben zu stoppen. Die tägliche Infektionsrate liegt in Kanada bei 400 bis 500 Fällen. Die Europäische Union hat Kanada wegen dieser Erfolge im Kampf gegen Covid-19 als eines der wenigen Länder vorgeschlagen, deren Bürger ohne Quarantäne nun wieder in den EU-Raum einreisen dürfen. Dies wollen die Kanadier nicht aufs Spiel setzen. Sie bauen darauf, dass Trudeau möglichem Druck von Trump widerstehen wird, die Grenze wieder zu öffnen.

Die Meinungsumfragen sind eindeutig. Das Institut Nanos Research fragte im Auftrag der Tageszeitung „Globe and Mail“, ob die Grenze jetzt generell oder zumindest für Menschen aus Gebieten Kanadas und der USA mit niedrigen Infektionsraten geöffnet werden sollte, oder ob sie für „absehbare Zukunft“ geschlossen bleiben sollte. 81 Prozent der Befragten sprachen sich ohne Wenn und Aber für die Fortsetzung der Grenzschließung aus. „Wenn man bedenkt, dass wir ein Grenzland sind, das für seinen Lebensunterhalt auf die USA angewiesen ist, ist diese Antwort sehr überraschend“, sagt Meinungsforscher Nik Nanos. „Dies legt nahe, dass die Kanadier mit einem hohen Maß an Sorge die Entwicklung der Pandemie in den USA verfolgen.“

Durchreise nach Alaska

Das Meinungsforschungsinstitut Leger bestätigt diesen Befund: In einer Leger-Umfrage in Kanada und den USA lehnten 86 Prozent der befragten Kanadier eine Grenzöffnung für Touristen Ende Juli ab, 71 Prozent erklärten gar, dass sie „sehr stark“ dieser Ansicht sind. Nur elf Prozent waren für eine Grenzöffnung. Dagegen meinten 50 Prozent der befragten US-Amerikaner, die Grenze solle jetzt wieder geöffnet werden.

In Kanada waren in den vergangenen Wochen einige US-Amerikaner erwischt worden, die unter dem Vorwand, sie wollten nach Alaska fahren, die Grenze überqueren durften, dann aber Urlaub in den Nationalparks der Rocky Mountains machten. Sie erhielten Strafzettel über 1200 kanadischen Dollar (800 Euro). Dieser Tage wurde einem älteren Ehepaar aus den USA, das nach Ontario einreiste, ein Bußgeld von 1000 Dollar auferlegt, weil es entgegen der Auflagen nicht direkt das angegebene Ziel in Ontario aufsuchte, um sich in Quarantäne zu begeben, sondern erst einmal einkaufen ging. Dass US-Amerikaner nicht sofort des Landes verweisen und mit einem mehrjährigen Einreiseverbot belegt werden, ärgert manche Kanadier. „Im umgekehrten Fall müssten wir in den USA mit deftigen Strafen und Einreiseverboten rechnen“, meinte eine Kanadierin in Ottawa.

Stimmung gegen Trump

Während Trump in der Zeit vor Corona schon mal darüber nachgedacht hatte, die US-kanadische Grenze auf US-Seite mit Militär zu sichern, gibt es in Kanada keinerlei Überlegungen in diese Richtung, und an eine Mauer ist überhaupt nicht zu denken. Die Meinungsäußerungen zum fiktiven „Mauerbau“ werfen aber ein Schlaglicht auf die Stimmung. Zwar gibt es auch Stimmen wie: „Ich habe keine Angst vor meinen amerikanischen Nachbarn“, aber meist gehen die Einträge in eine andere Richtung. „Die Grenze sollte geschlossen bleiben, bis Covid-19 in den USA unter Kontrolle ist“, meint eine Kanadierin in einer Leserzuschrift. Vielleicht sollten Internierungslager eingerichtet werden, sinnierte mit bitterbösem Sarkasmus eine andere mit Blick auf die US-Haftlager an der Grenze zu Mexiko. Sie empfiehlt den Amerikanern: „Bleibt zuhause und bringt Euer Land in Ordnung, indem ihr die Macht des Stimmzettels nutzt. Bis dahin wollen wir euch nicht hier haben.“




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