Fotoprojekt „Stuttgart trotz(t) Corona“ Wie Menschen mit den Spätfolgen von Covid-19 umgehen

Ein Bild aus Patrick Junkers letzter Fotoserie hängt in der Ausstellung „Stuttgart trotz(t) Corona“ (zweites von links unten). Eines aus seiner neuen Serie sehen Sie beim Klick auf die Bildergalerie („2 Bilder“). Foto: StadtPalais Stuttgart/Frank Kleinbach 2 Bilder
Ein Bild aus Patrick Junkers letzter Fotoserie hängt in der Ausstellung „Stuttgart trotz(t) Corona“ (zweites von links unten). Eines aus seiner neuen Serie sehen Sie beim Klick auf die Bildergalerie („2 Bilder“). Foto: StadtPalais Stuttgart/Frank Kleinbach

Der Stuttgarter Fotograf Patrick Junker porträtiert Menschen, die an den Langzeitfolgen von Covid-19 leiden. Es ist seine zweite Fotoserie nach einer über den medizinischen Alltag in der Pandemie.

Volontäre: Leonie Rothacker (lro)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Abgeschlagen, müde, antriebslos – so fühlen sich viele Patientinnen und Patienten noch lange, nachdem sie eine Infektion mit dem Coronavirus eigentlich überstanden haben. Als Long-Covid oder Post-Covid-Syndrom werden die gesundheitlichen Folgen bezeichnet, an denen viele Menschen nach einer akuten Erkrankung leiden. Dazu gehören nicht nur Müdigkeit, sondern auch Lungenschäden, Atemnot oder Veränderungen an anderen Organen wie dem Herzen.

Patrick Junker hat sich für sein neues Fotoprojekt intensiv mit den Folgen von Corona-Infektionen beschäftigt und viele Menschen kennengelernt, die damit zu kämpfen haben. Er meint: „Ich habe bis jetzt so für mich festgestellt: Es gibt zwei Kategorien. Einmal die Menschen, die einen schweren Verlauf hatten mit offensichtlichen Schäden, die nachweisbar sind, diagnostizierbar. Und dann gibt’s diese Belastungsintoleranz, die in Richtung Multisystemerkrankungen oder Fatigue geht.“

Patrick Junker will die Krankheit sichtbarer machen

Diese Menschen würden es nicht schaffen, eine Leistungssteigerung zu erzielen, berichtet er. „Wenn sie sich mal einen Tag anstrengen, dann sind sie wieder zwei Wochen krank.“ Viele hätten ihm erzählt, das gehe bei ihnen schon ein Jahr so, weil sie sich bereits in der ersten Welle infiziert hatten. „Inzwischen schaffen sie es, ein bisschen im Homeoffice zu arbeiten, zwei oder drei Stunden am Tag, dann müssen sie eine Pause machen.“ Teilweise seien das Menschen, die vor ihrer Erkrankung körperlich anstrengende Jobs hatten oder durch die Welt gereist waren, erzählt er. Es ist ihm anzuhören, dass ihn diese Schicksale treffen und schockieren.

Aus unserem Plus-Angebot: Der lange Schatten von Covid-19

Aus diesem Grund will Patrick Junker das Leiden dieser Menschen sichtbar machen. Ein ähnliches Ziel verfolgte er mit seiner ersten Fotoserie mit dem Titel „There is glory in prevention“: Dafür fotografierte er den Alltag auf der Coronastation im Stuttgarter Marienhospital, porträtierte Pflegekräfte und Patienten. Im Gegensatz zu diesen Motiven sind die Langzeitfolgen von Covid-19 allerdings unsichtbar – wie also fotografiert man diese Krankheit?

Für die Porträtierten nimmt er sich viel Zeit

„Diese Menschen erzählen ja ganz oft, dass sie irgendwie nicht mehr zu sich selbst finden oder nicht mehr der oder die Alte sind“, setzt der 30-Jährige an, sein Konzept zu erklären. „Dann habe ich mir gedacht, ich halte einfach Plastikfolien vor die Kamera. Das hört sich banal an, aber damit kann man einen relativ spannenden Effekt kreieren.“ Teilweise habe er die Leute auch einfach fotografiert, während sie auf der Couch lagen. „Dann kommt es einfach darauf an, diese Stimmung einzufangen. Das geht meistens über das Licht: Vielleicht dämmert’s draußen, man hat schon eine Leselampe an oder so.“ Die Bilder sollen zeigen, wie es den Menschen geht, die an Long-Covid leiden. Dabei weiß Patrick Junker nie, ob er von einem Termin mit einem Bild zurückkommt, das es tatsächlich in die Fotoserie schafft. Trotzdem nimmt er sich viel Zeit für die Menschen, fährt quer durch Deutschland zu ihnen und führt lange Interviews. „In Berlin habe ich zum Beispiel eine 25-Jährige getroffen, der es zwar relativ gut geht, die aber noch keinen Sport machen kann, weil sie das dann in der Lunge spürt“, erzählt er.

Die neuen Fotos will er öffentlich ausstellen

Gefördert wird sein Projekt von der journalistischen Genossenschaft Riffreporter, so dass er sich diese Zeit nehmen kann, ohne große finanzielle Einbußen zu haben. Seit seinem Bachelorabschluss im vergangenen Jahr arbeitet er als freischaffender Fotograf in Stuttgart, unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und das Nachrichtenmagazin „Stern“. „Ich verstehe mich als Fotograf aber so, dass ich an großen Projekten arbeite“, nicht nur an einem Auftrag nach dem anderen, sagt er.

Für sein neues Projekt hat er im Februar angefangen zu fotografieren, im April will er fertig sein. Dann möchte er die Arbeiten öffentlich ausstellen – wie bei seinem letzten Projekt auch. Einige Bilder von „There is glory in prevention“ hatte er außerdem beim Fotoprojekt „Stuttgart trotz(t) Corona“ unserer Zeitung eingesendet, so dass eines davon zurzeit im Museumsgarten des Stadtpalais Stuttgart zu sehen ist.

Auch eine Webseite soll es für Patrick Junkers neues Projekt – ebenso wie für das alte – wieder geben. Darauf werden neben den Bildern auch die Geschichten der Menschen mit Long-Covid zu lesen sein. Außerdem hofft er, seine Fotoserie an überregionale Medien zu verkaufen und so noch mehr Menschen zu erreichen. Er findet es wichtig, dass Long-Covid und ähnliche Krankheiten besser erforscht werden, so dass den Patienten geholfen werden kann. „Das Projekt soll auch eine Aufforderung in diese Richtung sein: dass man bei diesen Langzeitbeschwerden was tun muss und nicht nur sagt, da muss man halt abwarten, bis sie wieder weg sind“, fasst er zusammen.




Unsere Empfehlung für Sie