Freilufttheater im Sommer Vor der Sommerfrische wird es digital

Viel Technik ist notwendig für die Aufzeichnung der Aufführungen des Neat Theaters im Merlin. Foto: /uka (z)
Viel Technik ist notwendig für die Aufzeichnung der Aufführungen des Neat Theaters im Merlin. Foto: /uka (z)

Dein Theater und New English Theatre gehen in den nächsten Wochen verschiedene digitale Wege zu ihrem Publikum

Lokales: Armin Friedl (dl)
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Stuttgart - Das ist natürlich gerade ein Traum von vielen: Eine Kulturveranstaltung im Freien. Katja Ritter, Dramaturgin von Dein Theater, schürt da schon mal kräftig Vorfreude: „Wie im vergangenen Jahr gibt es wieder einen Kultursommer auf dem Lukasplatz im Stuttgarter Osten. Das machen wir mit unseren Kollegen vom Theater La Lune und dem Theater Tredeschin.“ Über Programmdetails gibt es jetzt natürlich noch nichts zu sagen, über Termine schon: Vom ersten Wochenende im Juli bis zum Ende der Sommerferien wird dies stattfinden. Freitags und samstags mit einer Abendvorstellung, Samstag Nachmittag mit Kindertheater. Und schon ab Juni ist Hoftheater geplant, etwa bei Dein Theater in der Hackstraße. Und ebenfalls schon fest verabredet ist der Fellbacher Kulturgarten. Da spielt Dein Theater beim Hotel Bürkle: vom 11. Juli an drei Mal Sonntags, dann vom 29. August bis zum 11. September jeweils Sonntags.

Theater live per Videokonferenz

Am Programm wird jetzt freilich noch gearbeitet, da lässt sich jetzt noch nichts sagen. Und die Bühnen müssen bis dahin ja auch erst mal durch die Monate kommen. Dein Theater arbeitet da mit Zoom. Das ist jenes digitale Medien, mit dem in Firmen Videokonferenzen abgehalten werden, mit dem Chöre auch Proben abhalten, in einem gewissen Maß. Der Vorteil: Alle, die da eingeschaltet sind, können sich auf ihren Bildschirmen sehen und sich unterhalten. Noch mehr als bei Fernsehdebatten muss da aber auf Funkdisziplin geachtet werden: Wenn sich zwei gleichzeitig unterhalten, geht gar nichts mehr. Aber so kann auch live eine Aufführung beobachtet werden. Ritter: „Wir haben das jetzt ein paar mal ausprobiert, das hat gut geklappt. Die Teilnehmer können sich anfangs begrüßen, können sich etwa zuprosten. Dann gibt es die Aufführung, und danach noch zwanglose Gespräche.“ Das hat laut Ritter schon gut funktioniert: „Bei einer Firma haben wir so Ausschnitte aus unserem Klassiker ,50 Jahr blondes Haar‘ gespielt, in einer Pflegeeinrichtung war es ,Seid ihr noch zu retten‘ aus unserem Programm.“ Derartiges könne jederzeit auch im Privaten etwa bei Geburtstagsfeiern eingerichtet werden.

Technisch ist das aufwendiger als ein reines Spiel direkt vor Publikum im Wortkino, der Bühne von Dein Theater in der Werastraße, aber die Zoom-Teilnehmer bekommen so eben die Qualitäten einer live-Aufführung.

Die Beat-Generation per Streaming

Das New English American Theatre (Neat) geht den Weg per Streaming. Seit acht Jahren bespielt es das Merlin im Stuttgarter Westen mit der Reihe Black Monday und bietet dem Neat und anderen Einrichtungen diesen Service an. Aufführungen werden unter Einhaltung der Hygiene-Regeln im Merlin aufgezeichnet und können dann auf Youtube abgerufen werden von – allen Interessenten 24 Stunden am Tag. Auch da ist mehr Technik nötig, auch andere Beschränkungen müssen berücksichtigt werden. „Maximal zwei Leute dürfen auf der Bühne sein“, so der Neat-Leiter Charles Urban, „denn Techniker sind ja auch noch im Raum, und die Personenzahl ist strikt begrenzt. Mehr als zwei Leute, und die Bitte auf Distanz von mindestens 1,50 Meter, dürften aber auch nicht gleichzeitig proben in den Räumen der Alten Schule in Gablenberg, dem Probenort von Neat. Und länger als 50 Minuten dürfen die Aufführungen auch nicht gehen. „Dann ist die Gefahr zu groß, dass zu viele Aerosole in der Luft sind, trotz geöffneter Fenster“, so Urban. Seine Erfahrung sagt ihm zugleich, dass bei längeren Aufführungen die Aufmerksamkeit schnell nachlasse, beim Betrachten von Video-Streaming. Dafür wird einiger Aufwand betrieben. Urban: „Da sind vier Kameras im Raum, die das aufzeichnen. Deshalb bieten die Aufzeichnungen Perspektivwechsel, verschiedene Schnitte, da wird nicht nur einfach auf das Geschehen draufgehalten.“ Und Urban hat ja nun schon viel Fernseherfahrung, beobachtet also kompetent die Arbeit nach der Aufzeichnung am Schneidetisch.

Ginsberg, Dylan, Seeger und Guthrie

Die Resonanz auf das Angebot macht Mut, die drei Einspielungen wurden schon von mehr als 400 Interessierten angeklickt. Urban: „Die Erfahrung zeigt, das wächst noch, da die Betrachter hier ja nicht an eine bestimmte Zeit gebunden sind.“ Lieber wäre ihm freilich anderes: „Das Neat wird in diesem Jahr 30 Jahre alt, da haben wir groß besetzte Shakespeare-Klassiker, Musicals und vieles mehr geplant mit bis zu 25 Leuten auf der Bühne. Und es gibt mehr denn je Schauspieler und Musiker, die hier mitmachen wollen.“ Doch von Aufführungen in solchen Besetzungen können derzeit alle nur träumen.

Musik und sehr viel Zeitgeist der 1968er Generation gibt es dafür in den nächsten Monaten. Etwa die Gespräche zwischen dem amerikanischen Dramatiker und Schauspieler Sam Shepard mit dem Songwriter Bob Dylan, inzwischen ja Literaturnobelpreisträger. Das war so ungewöhnlich, dass daraus ein Theaterstück wurde, das der begeisterte Dylan-Fan Urban nun im Mai im Merlin realisiert. Weiter geht es mit Allen Ginsberg, dem Dichter der Beat-Generation, im Juni. Und dann im Juli Erinnerungen an die Musiker Pete Seeger und Woody Guthrie.




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