Fußball-EM 2016 Kuba libre: ein Hoch auf Blaszczykowski

Von Thomas Näher 

Vier Spiele, kein Tor: Was ist nur mit Robert Lewandowski los? Gut, dass die Polen einen Jakub Blaszczykowski haben. Der Noch-Dortmunder springt bei der EM für seinen Intimfeind ein.

Die alte Stärke ist zurück: Jakub Blaszczykowski hat sein Tief überwunden Foto: dpa
Die alte Stärke ist zurück: Jakub Blaszczykowski hat sein Tief überwunden Foto: dpa

Marseille - Ricardo Carvalho ist 38 Jahre alt, er stand schon im EM-Endspiel 2004 für Portugal auf dem Platz und hat gegen alle großen Torjäger gespielt. Dennoch sagt der Verteidiger mit besorgter Miene über den Gegner an diesem Donnerstag (21 Uhr/ARD) in Marseille: „Die Polen haben viele individuell starke Spieler, und sie haben vor allem: einen der besten Stürmer der Welt.“ Er meint Robert Lewandowski.

Man muss diesen Namen in diesen Tagen schon explizit nennen, vor allem im Zusammenhang mit Superlativen. Denn der Angreifer von Bayern München tritt bei der EM so gut wie nicht in Erscheinung. Lewandowski und das Tor, sie sind sich plötzlich fremd. Das gibt nicht nur dem Torschützenkönig der vergangenen Bundesligasaison (30 Treffer) Rätsel auf, es irritiert auch Polens Trainer Adam Nawalka. Wobei: Er hat ja Jakub Blaszczykowski, den alle „Kuba“ nennen.

Kuba erzielt zwei der drei polnischen Tore

Der Flügelstürmer, der noch bei Borussia Dortmund unter Vertrag steht, springt für Lewandowski ein. Zwei der drei polnischen EM-Treffer hat er erzielt, den dritten vorbereitet, und im Elfmeterschießen gegen die Schweiz traf er auch. Kuba libre – Blaszczykowski ist so frei. Was nicht selbstverständlich ist nach dem Absturz, den er hinter sich hat. „Nicht wenige hatten schon einen Schlussstrich unter seine Karriere in der Nationalmannschaft gezogen. Ich freue mich sehr für ihn, er hatte keine leichte Zeit“, sagt sein Kumpel Lukasz Piszczek.

Vor vier Jahren war das noch anders, ganz anders. Bei der EM in Polen und der Ukraine war Blaszczykowski (30) Kapitän, strahlender Held und wichtigste Werbefigur der polnischen Mannschaft, die dem Druck, Gastgeber zu sein, aber nicht standhielt und ohne Sieg in der Vorrunde ausschied – der Beginn eines steten und schmerzlichen Abstiegs für Jakub Blaszczykowski. Im ersten Jahr zog er mit dem BVB noch in das Finale der Champions League ein, mitten im zweiten erlitt er einen Kreuzbandriss, im dritten kämpften die Dortmunder lange gegen den Abstieg, danach kam der neue Trainer Thomas Tuchel. Bitter für Blaszczykowski: Weil er in Tuchels Spielsystem, anders als bei dessen Vorgänger Jürgen Klopp, praktisch nicht vorgesehen war, lieh ihn der BVB an den AC Florenz aus. Dort bestritt er wegen ständiger Verletzungen gerade mal 15 Spiele (zwei Tore, zwei Vorlagen) und nur fünf Partien über 90 Minuten. Umso erstaunlicher sein Comeback in Frankreich. „Ich freue mich sehr für ihn. Er hat es allen gezeigt“, sagt Piszczek.

Der Dortmunder ist so etwas wie Blaszczykowskis Sprachrohr. Piszczek und seine Frau Ewa sind mit Blaszczykowski und dessen Frau Agata eng befreundet, „Kuba“ selbst mag wenig reden, auch nicht nach seinen Toren. Im Fan-TV der Nationalmannschaft sagte er: „Um meine Träume kämpfe ich mit aller Kraft.“ Außerdem ließ er wissen: „Ich bin nicht der Star des Teams. Wir sind eine Mannschaft.“ Ansonsten schweigt er – und genießt seine Rückkehr ins Rampenlicht, das in den vergangenen Jahren Robert Lewandowski vorbehalten war. Parallel zu Blaszczykowskis Abstieg schwang sich dessen Ex-Kollege in Dortmund zum gefürchteten Torjäger auf und übernahm in der Nationalelf das Kapitänsamt. Nur die Tore bei der EM, die schießt sein ziemlich bester Feind.

Kein Kontakt mit Lewandowski

Blaszczykowski hat sein Verhältnis zu Lewandowski in seiner Autobiografie „Kuba“ so beschrieben: „Es ist kein Geheimnis, dass wir nicht auf einer Wellenlänge liegen. Wir haben keinen Kontakt, jeder geht seinen eigenen Weg.“ Blaszczykowski hat auch über sein Trauma geschrieben. Mit zehn Jahre musste er mit ansehen, wie sein Vater seine Mutter erstach. „Kuba“ wuchs bei seiner Großmutter auf, kehrte sich zunehmend nach innen und fand erst über den Fußball zurück in ein normales Leben: „Ich glaube, dass mir der Fußball geholfen hat, Emotionen zu zeigen. Er war meine erste Liebe.“

Da ist es ärgerlich, dass diese Liebe in Dortmund keinen Widerhall findet. Der AC Florenz hat darauf verzichtet, für sieben Millionen Euro die Kaufoption für ihn zu ziehen, der BVB will ihn trotz Vertrags bis 2018 nicht mehr, was in der Verpflichtung der Talente Emre Mor (FC Nordsjaelland) und Ousmane Dembélé (Stade Rennes) für seine Position auf dem rechten Flügel deutlich zum Ausdruck kommt. „Kuba“ muss sich nach der EM auf Vereinssuche begeben. Aber der wiederbelebte Torjäger bringt ja beste Argumente aus Frankreich mit.