InterviewErnst Tanner von MLS-Club Philadelphia Union zur Corona-Krise „Das Verhalten der Politiker ist schäbig“

Von Jochen Klingovsky 

Ernst Tanner, der frühere Geschäftsführer von 1899 Hoffenheim und heutige Sportdirektor von Philadelphia Union, lobt den Re-Start der Major League Soccer in Florida – und kritisiert den Umgang der US-Politiker mit dem Coronavirus.

Lobt die sportliche Entwicklung im US-Profifußball: Ernst Tanner, der Sportdirektor von Philadelphia Union. Foto: imago//Mathias Mandl
Lobt die sportliche Entwicklung im US-Profifußball: Ernst Tanner, der Sportdirektor von Philadelphia Union. Foto: imago//Mathias Mandl

Stuttgart/Orlando - Ernst Tanner hat schon viel erlebt im Fußball. Doch ein Turnier mitten in der Corona-Pandemie, wie es derzeit von der Major League Soccer (MLS) im Disney World Resort in Orlando ausgetragen wird, ist auch für den ehemaligen Sportchef und Geschäftsführer des Bundesligisten 1899 Hoffenheim neu. Und eine höchst interessante Erfahrung – auch wegen den nebenan wohnenden Basketball-Stars.

Herr Tanner, wie lebt es sich in der Fußball-Blase in Florida?

Es würde sich anders anfühlen, wenn wir hier im Disney World Resort wären, um Urlaub zu machen (lacht). Aber die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind okay.

Der frühere Basketball-Star Charles Barkley meinte vor kurzem, angesichts der sprunghaft ansteigenden Zahl von Corona-Infektionen sei Florida aktuell einer der schlimmsten Orte der Welt.

Ich kann diesen Satz nicht nachvollziehen. Er spiegelt die Realität nicht wider.

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Wie sieht diese aus?

Es ist wahr, dass es in Florida jeden Tag zigtausend neue Fälle gibt. Aber es ist auch wahr, dass die Bevölkerung dies bewusst in Kauf nimmt. Die Leute haben es satt, sich einsperren zu lassen. Sie wollen ihren Bedürfnissen nachgehen. Deshalb sind zum Beispiel auch die Disney-Parks wiedereröffnet worden.

Mitten in der Corona-Krise?

Die Leute gehen mit diesem Virus auf ihre Weise um: Die Angst ist der Nonchalance gewichen. Viele halten das Virus für nicht gefährlicher als eine Grippe, es ist für sie keine todbringende Seuche.

Wie denken Sie darüber?

Ich habe immer meine persönlichen Schutzmaßnahmen getroffen und mich strikt an diese gehalten. Aktuell fühle ich mich in der Fußball-Blase total sicher. Ich hatte mittlerweile mehr als 20 Tests.

„Es wird ganz bewusst mit der Angst der Leute gespielt“

Die US-Politik wird für ihren Umgang mit dem Virus heftig attackiert. Teilen Sie diese Kritik?

Ich halte es für ein großes Problem, dass 2020 in den USA gewählt wird. Es ist zum Teil verantwortungslos, wie das Virus missbraucht wird, um politische Interessen durchzusetzen. Jeder versucht, aus der Pandemie einen Vorteil zu ziehen.

Mit welchen Folgen?

Es wird ganz bewusst und sehr massiv mit der Angst der Leute gespielt. Dieses Verhalten der Politiker ist schäbig. Zudem werfen die Verantwortlichen mit immer neuen Zahlen um sich, das ist unseriös. Die Leute glauben ihnen nicht mehr – und halten sich deshalb auch nicht mehr an die Dinge, die vielleicht sinnvoll wären.

Die Pandemie . . .

. . . ist in den USA Ausdruck der Schwäche der Politik und des Systems.

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Die Major League Soccer ist die erste große US-Liga, die wieder spielt. Funktioniert hier das System?

Zumindest wurde das Ziel, vor den anderen aufs Feld zurückzukehren, erreicht. Damit hat die MLS gezeigt, dass sie eine leistungsfähige und kompetitive Organisation ist, die so etwas schaffen kann.

Die MLS setzt in Orlando ihre Saison in Turnierform fort, der Sieger erhält einen Platz in der nord- und mittelamerikanischen Champions League. Die Teams aus Dallas und Nashville sind aufgrund zu vieler Corona-Fälle kurzfristig ausgeschlossen worden. Geht das Konzept trotzdem auf?

Es ist schade, dass dem Turnier nicht eine längere Quarantänephase vorgeschaltet wurde. Dies wollte man den Spielern nicht zumuten, wäre es getan worden, könnten nun alle Teams mitspielen. Ansonsten hat die MLS sehr professionell gearbeitet.

„Diese Blase garantiert Sicherheit“

Woran machen sie das fest?

Die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen sind noch ein Stück weit detaillierter als beim Re-Start der Bundesliga, den man in den USA interessiert verfolgt und dessen Konzept man sich genau angeschaut hat. Eine Blase wie hier in Florida, in der alle 24 Teams leben, gab es in der Bundesliga zum Beispiel nicht. Sie schafft klinische Bedingungen, seit eineinhalb Wochen gab es keinen positiven Test mehr. Ich bin deshalb überzeugt, dass wir das Turnier bis zum Ende durchziehen können. Diese Blase garantiert Sicherheit.

Wie oft wird getestet?

Jeder in der Bubble hat jeden zweiten Tag einen Test. Dazu noch vor und nach den Spielen. Dieses Konzept hat sich bewährt.

Auch die Basketball-Teams befinden sich derzeit in Orlando, bereiten sich dort auf den Re-Start vor. Gibt es für die NBA-Stars ähnlich strikte Regeln?

Im Basketball geht es – wie im Baseball oder Football – um brutal viel Geld, da haben die Spieler viel mehr Macht. Mit Blick auf die strengen Corona-Maßnahmen heißt das: Was die Fußballer über sich ergehen lassen, würden die Basketballer nie mitmachen. Das sind zwei unterschiedliche Welten, was man zum Beispiel daran sieht, dass viele NBA-Stars ihre Familien dabei haben, die im Hotel in Orlando Urlaub machen.

„Das Niveau ist vergleichbar mit der zweiten Reihe in Europa“

Zurück zum Fußball: Wie sind die Leistungen beim Turnier in Florida?

Erst mal fühlt sich das Ganze hier an wie in einem Trainingslager, unterbrochen durch ein paar Geisterspiele. Dazu kommen die extremen klimatischen Bedingungen mit großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit. Hochgeschwindigkeitsfußball, wie ich ihn mir wünsche, ist deshalb nur bedingt möglich. Und trotzdem gab es schon ein paar sehr ansehnliche Spiele.

Auf welchem Niveau?

Die MLS hat sich aus meiner Sicht über Jahre hinweg sehr gut entwickelt, vor allem das technische Können ist stetig gestiegen. Das Niveau der Liga ist vergleichbar mit der zweiten Reihe in Europa.

Das Turnier in Orlando findet mitten in der Saison statt, danach soll es regional in den Divisions weitergehen. Wird das möglich sein?

Ich bin da aktuell eher skeptisch. Aufgrund der hohen Corona-Fallzahlen und der unterschiedlichen Regeln in den einzelnen Bundesstaaten, wird das logistisch eine riesige Herausforderung. Und das, obwohl Profisportler, die medizinisch penibel überwacht werden, eigentlich nicht zur Corona-Risikogruppe zählen.




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