Dieses Mal erobert nicht der Handel neue Räume in der Stadt, sondern die Kunst erobert Handelsflächen. Zwei Beispiele aus dem Stuttgarter Dorotheen-Quartier: Die Galerie Z und das Creatitude social art café.

Lokales: Martin Haar (mh)

Stuttgart - Mit dem Leerstand auf Einkaufsstraßen ist es wie mit einem strahlenden Lächeln. Schon eine Lücke in der Zahnreihe beeinflusst die Anmutung extrem. Mit diesem Lücken-Phänomen kämpfen derzeit alle Lagen in der Innenstadt. Ob in der Rand- oder der Toplage. Und damit ist auch das exklusive Dorotheen-Quartier von Breuninger von Leerständen betroffen.

Doch der findige Quartiersmanager Kemal Düzel wollte sich mit den Lücken nicht abfinden – und hat eine für den Handel neue Idee geboren, die man mit einer einfachen Formel auf den Punkt bringen kann: Kunst soll Kunden locken. Auf zwei Ladenflächen im Quartier versuchen jetzt die Galerie Z von Stefan und Heidrun Zimmermann sowie die Pop-up-Galerie „Creatitude social art café“ von Georg Hendricks dem Dorotheen-Quartier mit Kunst neues Leben einzuhauchen. Für Stefan Zimmermann ist dies angesichts der Strukturkrise im Handel eine nahe liegende Idee: „Das Einkaufsviertel der Innenstadt hat ja nun die nötigen Räume für Kultur, in denen man sich wohlfühlen kann.“ Daher nutzte er die Möglichkeit „mit einer Galerie so einen Raum zu schaffen“.

Ein Ort zum Wohlfühlen

Beide Projekte sind als Pop-up-Stores angelegt. Bedeutet: Der temporäre Einkaufsladen der Galerie Z in der Münzstraße 10 ploppt am 31. Mai wieder zu, die Galerie von Georg Hendricks Mitte Februar. Es sei denn, die Sache erweist sich wirtschaftlich als besonders erfolgreich: „Wir versprechen uns schon, dass wir hier ein gewisses Klientel ansprechen“, sagt Stefan Zimmermann. Er meint natürlich zahlungskräftige Kunden, die sich Kunst leisten können und wollen.

So gesehen wünscht sich Zimmermann, dessen Stammhaus in der Rosenbergstraße ist, ein breites Comeback der Galerien in der City. Es wäre die Vision, Kunst wieder mehr mit dem urbanen Leben zu verbinden: „Denn Kunst hat sich in Stuttgart leider in ihre eigenen Räume zurückgezogen.“ Um dies auch im Dorotheen-Quartier umzusetzen, hat Zimmermann eine 5,20 Meter lange Tafel fertigen lassen. Ein Tisch als Symbol der Gemeinschaft: „Die Galerie soll ein Ort sein, an dem man zusammenkommt.“

Damit spricht er dem jungen Künstler Georg Hendricks aus der Seele. Der Stuttgarter, der Acrylmalerei und Digitales verbindet, interessiert sich vor allem „für den Mensch uns dessen Persönlichkeit“. Diese Auseinandersetzung bestimmt seine Kunst, die an manche Werke von Pablo Picasso erinnert. Den Vergleich mit dem großen Meister nimmt Hendricks lässig und humorvoll: „Uns interessieren die ähnlichen Dinge“, sagt er, „Menschen und schöne Frauen.“

Ein Projekt mit Stelp

Tatsächlich ist der 22-Jährige stark daran interessiert, „Menschen einen Zugang zur Kunst schaffen“. Daher soll auch seine Galerie ein Ort des Zusammenkommens sein. Gelingen soll das in einer Zusammenarbeit mit Marcel Wanek, dem Inhaber der Gastronomie Banh Mi and Bubbles in der Eberhardstraße 65. Marcel Wanek und Georg Hendricks erweitern das Galerie-Konzept mit dem „ersten Zero-Waste-Café in Stuttgart“, wie sie unisono sagen.

Keinen Müll im Café zu erzeugen, ist das eine. Aber dem Künstler und Gastronomen geht es um mehr als nur Nachhaltigkeit. Ein Hinweis gibt der Name des Galerie-Cafés: Creatitude – eine Wortschöpfung aus Kreativität (creativity) und Dankbarkeit (gratitude). „Damit wollen wir ein wichtiges Zeichen setzen“, sagt Hendricks und verweist darauf, dass der Gewinn des Cafés und zehn Prozent der verkauften Kunstwerke an die Stuttgarter Hilfsorganisation Stelp gehen. Dafür unterstützt der Stelp-Gründer Serkan Eren das „Creatitude social art café“ mit vier ehrenamtlichen Mitarbeitern an der Kaffeebar.

„Traffic“ als Gegenleistung

Aber auch die Firma Breuninger macht beim Stichwort „soziale Verantwortung“ ernst. Die Galerie-Miete beträgt nur zehn Prozent des Umsatzes der verkauften Kunstwerke. „Das ist ein Riesenentgegengekommen von Breuninger“, sagt Georg Hendricks und hofft, dass er mit „Traffic“, also hohen Passantenfrequenzen, ein wenig zurückgeben kann.

Wenn das gelingt, könnten beide Galerien zu Trendsettern werden, die mit Kunst im Einzelhandel neue Akzente setzen. Breuninger ist dem Vernehmen nach nicht abgeneigt, die Sache mit der Kunst auszubauen. Bei der nächsten Langen Nacht der Museen soll auch das Stammhaus des Unternehmens angeblich eine wichtige Rolle spielen.